Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1870)
- Date
- 1870-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XI. Jahrgang. Beilage z« Rr. 30 des Israelit. AeitsngSrrachrLchLerr rmd Gorrefpondenzen. Deutschland. HeilbrovN a. N. Aus der hiesigen einstigen Reichsstadt, in der seit etwa einem Jahrzehnt die Zahl der Israeliten auf ungefähr 130 Familien mit circa 650 Seelen angewachsen ist, schwindet allmählich auch das Borurtheil, das noch immer insbesondere in socialen Verhältnissen gegen die Juden herrscht und sie Don geselligen Vereinen und städtischen Ehrenämtern ausschließt. Bei der Ende Juni vorgenommenen BürgerauSschußwah! wurde der auch sonst beliebte Rechtsanwalt Schloß hier in dieses Collegium gewählt und, nachdem er sich das gesetzlich erforderliche OrtSbürgerrecht erworben hatte, öffentlich mit den andern christlichen College» verpflichtet. Er ist der erste Israelit, der in Heilbronn hauptsächlich von christlichen Stimmen berufen ist, in den städtischen bürgerlichen Collegien Sitz und Stimme zu nehmen. Dieses Beistüel und die Wirksamkeit des Gewählten lasten hoffen, daß auch bei künftigen Wahlen tüchtige und ehrenhafte israelitische Bürger in das erwähnte zweite Collegium und endlich in den Gemeinderath «erden gewählt werden. — Von geselligen Vereinen haben bis jetzt nur die „Harmonia", die „grüne Stube" und die „Eintracht" Juden ausgenommen. Der „Bürgerverein" hingegen verschließt noch immer jedem Israeliten, der sich anmeldet, den Eintritt in seine Gesellschaft, obgleich vom Jahre 1848 her (!) noch zwei Israeliten unter seinen Mitgliedern sich befinden. Halberstadt, 15. Juli. Vor acht Tagen wurde hier ein Mann zu Grabe getragen, dessen Thätigkeit in der Gemeindeverwaltung, sowie dessen Wirksamkeit als Lehrer hier sehr fehlen wird. Herr Samuel B a e r, Rendant und Secretär bei der Gemeinde und bei der Schule, bei welcher er zugleich länger als 30 Jahre Lehrer war, schied aus unserer Mitte in Folge eines Leidens, besten Besserung man täglich hoffte, das aber unerwarteter Weise einen tödtlichen Ausgang genommen hat. Bei seinem innig frommen Lebenswandel war er der treueste Beamte und der beste Familienvater, und Iheilte feine Zeit zwischen Berufsarbeiten, min und Erziehung seiner Kinder zu religiösen und gebildeten Menschen. Leider hat er die Seinigen in seinem §9. Lebensjahre verkästen wüsten, und natürlich sprach sich die Theilnahme der ganzen Gemeinde durch ein sehr großes Leichenbegängniß aus, dem sich auch die Schulknaben anschlosten. Obgleich es roa6 “pcD war, sprach am Grabe außer dem ältesten Collegen, dem Oberlehrer, besonders der Rabbiner, Herr vr. Auerbach, Worte des tiefsten Schmerzes über den viel zu frühen Heimgang eines so frommen, biederen und talentvollen Mannes, und legte zugleich dringend ans Herz, daß es eine heilige Pflicht für den Gemeinde- und Schulvorstand sein müsse, den Hinterlastenen diesen herben Verlust durch geeignete Pensionen weniger fühlbar werden zu lasten. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien, 7. Juli. Der junge Advocat Sigm. Decsey wurde zum Beisitzer der k. Tafel in Pesth ernannt. Er ist der erste Jude, der sich einer solchen Auszeichnung erfreut. Wien, 10. Juli. In der vorgestern im Bezirke Wieden stattgehabten Ausschußsitzung theilte der Bezirksvorstand Pichler mit, daß Herr Ritter v. Wertheim, Fabrikbesitzer, um seine Unterstützung des projectirten Baues einer Kleinkinderbewahranstalt im Stadttheile vor der Favoritenlinie angegangen, die Erklärung abgegeben, er werde den Bau des genannten Institutes ganz auf seine alleinigen Kosten zeitgemäß und dem Bedürfniß entsprechend Herstellen und soll derselbe bereits im nächsten Jahre in Angriff genommen werden. Auch gab Herr v. Wertbeim die Versicherung, er werde die Verfügung treffen, daß unter allen Vorkommnissen von seiner Seite jetzt schon der Bau der Kinderbewahranstalt sicherzestellt werde. Die Versammlung votirt ihren Dank durch Erheben von den Sitzen und wird eine Deputation der Bezirksvertretung, der Bezirksvorstand an der Spitze, dem Ritter v. Wertheim den Dank des Bezirkes überbringen. Wien. Verläßlichen, aus Siebenbürgen eingelangten Nachrichten zufolge dauern die judenfeindlichen Demonstrationen an der ^Grenze der Moldau und Walachei noch immer fort. Vor Kurzem ereignete sich ein solcher Fall in Tekutsch und in neuester Zeit bereitete sich Aehnliches in Baceu vor; die Juden, dieß wahrnehmend, begaben sich zum Präfecten und gaben ihm zu verstehen, daß sie im Augenblicke, wo eine Judenverfolgung auöbricht, die Stadt mit Petroleum in Brand setzen würden. In Folge dieser Drohung dankte der Präfect ab und rückte ein Infanterie - Regiment aus dem Tekutscher Lager in Bacm ein. Seitdem ist Alles ruhig. Pesti. Schauerliche Gerüchte circuliren seit Kurzem in Pest-Ofen. Aeltere Leute dort erinnern sich