Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1870)
- Date
- 1870-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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568 / / „„Ich bin ein rechtlicher Kaufmann, ein guter Bürger des Staates, ein treuer Unterthan meines Königs."" „Du bist rechtlich, weil Du Dich vor Strafe fürchtest oder die Versuchung noch nicht an Dich herangetreten ist; Du heuchelst Patriotismus, weil es Dich nach Ehren und Auszeichnungen verlangt." „„Rabbi, Sie beleidigen mich!"" „Verzeihe es einem Sterbenden, der es bester mit Dir meint als die Heerde von Schmeichlern, die Dein Reichthum anlockt. Noch einmal, willst Du — der Vorstand thut ja nichts wider Deinen Willen —' willst Du das verlangte Versprechen in meine Hände geloben?" „„Ich kann nicht, Rabbi; ich kann meinen Principien nicht untreu werden!"" „So höre, was ich Dir jetzt sage: Folge nur Deinen Principien; sie werden Dich ins Unglück führen; an Deinem Beispiele wird die Welt erkennen, wie leer und hohl diese Principien sind. Diese Gemeinde aber ins Verderben zu führen, wird Dir nie gelingen. Wohl wird vielleicht durch Dein verderbliches Treiben die alte Gemeinde in Trümmer gehen; aber aus den Trümmern wird ein neues, schöneres Leben emporblühen; denn Gott wacht über sein Volk und läßt es nicht verkommen. Jetzt verlasse mich; ich will Dich nicht mehr sehen." Erschöpft sank der Rabbi in seine Kisten zurück, und Wolfsohn ging. Diesem anstrengende, aufregende Unterredung beschleunigte den Lauf der Krankheit, so daß es rasch mit dem Rabbi zu Ende ging. Die Chebra Kadischa*) verließ das Bett des Kranken nicht mehr, der fast immerwährend schlummerte. Gegen Mitternacht erwachte der Rabbi und erhob sich kräftig. „Wer ist bei mir?" fragte er laut und vernehmlich. „„Wir sind da, Rabbi, die Chebra!"" „Ach, Ihr seid es, meine Kinder! Mein Auge ist trübe, das heißt, mein körperliches; mein geistiger Blick ist noch klar. Hört mich, meine Kinder! Ich habe heute eine lange Unterredung mit Wilhelm Wolfsohn gehabt; an ihm ist Hopfen und Malz verloren, und die andern Vorsteher sind seine gehorsamen Diener. Meine Kinder, Ihr geht schweren Kämpfen entgegen. Seid stark und kräftig. Ist Simon Ruhdorf nicht da?" „„Hier bin ich, Rabbi!"" „Gib mir Deine Hand, Simon!" 1) Die Brüderschaft, welche mit dem Sterbenden betet und die Beerdigung besorgt. Ruhdorf ergriff die Hand des Sterbenden, führte sie an seine Lippen und benetzte sie mit seinen Thränen. Der Kranke fühlte das Naß auf seiner Hand und sagte: „Weine nicht, Simon!" und als er das Schluchzen der Andern vernahm, redete er sie an und sprach: „Weinet nicht, meine K nder; wenn ich auch von Euch genommen werde, mdin Geist bstibt Euch nah; und die Lehren, die ich Euch gelehrt, sie wirken fort, ewiglich. Simon, Du warst mir stets lieb und werth, Du und die Andern, die Ihr hier seid, und auch die, welche nicht hier sind. Sagt's Ihnen, daß es mein Wunsch ist, daß keiner von den neumodischen Reformern an meine Stelle komme; könnt Ihr eS aber nicht hindern, so trennt Euch, trennt Euch von Jenen und bleibet treu Eurem Gotte, verlaßt nickt die Lehre der Weisen Israels, und Gott wird Euch beisteben!" Der Kranke sank wieder in das Bett zurück und schlummerte weiter; nach zwei Stunden erwachte er, erhob sich und schaute sich um: „Seid Ihr noch da, meine Kinder?" fragte er. „ „Wir werden den Rabbi nicht verlassen," " antwortete Simon Ruhdorf. „Meine Kinder," sagte der Sterbende, „ich habe eben einen merkwürdigen Traum gehabt. Ich schaute im Traume meinen verewigten Lehrer, denHaphloohi); ich erzählte ihm Alles, was sich hier in B. ereignet hat und auch den Rath, den ich Euch gegeben, Euch im äußersten Falle von den Reformern zu trennen. „Aber fast reut es mich," sagte ich, „denn die Männer sind nicht reich." — „Ei mein lieber Tqlmid,"2) sagte da mein Rabbi, „vergissest Du den zweiten Peschat b) des Bartinora zu den Worten: Sechut Abotham Szejathon?" Da erwachte ich; nun ich will Euch die Erklärung sagen. In der angeführten Stelle wird ausgeführt, daß man nicht befürchten soll, man würde den Frommen zu große Bürden auflegen, wenn eS sich um Ausgaben für gottgefällige Dinge handelt, denn das Verdienst der Väter wird ihnen beiftehen, so daß sie im Stande sein werden, mehr als anscheinend möglich aufzubringen. — So, jetzt scheide ich beruhigt von Euch; jetzt sagt mir die Widui^) vor und die Schemoß. b) (Forts, folgt.) 1) So nennt man in gelehrten Kreisen Rabbi Pinchas Horowitz nach dem von ihm verfaßten Hauptwerke, das diesen Titel führt. 2) Schüler. 3) Erklärung. 4) Das Sündenbekenntniß. 5j Das Glaubensbekenntniß. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx.'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.