Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1870)
- Date
- 1870-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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667 Großvater wurde dadurch ein wohlhabender Mann; aber er war nicht glücklich; seine Gattin, eines reichen Mannes verzogenes, einziges Kind, voller Launen und bösartigen, heftigen CharaeterS, verbitterte dem guten Rabbi Wolf das Leben, so daß er jung starb; Dein Vater, Rabbi Abraham, der sich später, als die Familiennamen annenonrmen werden mußten, Wolfsohn nannte, war der einzige Sproß dieser Ehe. Seine Mutter verzog ihn, wie sie selbst war verzogen worden; er wollte, als er selbstständig geworden, sein Vermögen bis in's Unendliche vermehren. Damals waren die Kriegeszeiten.; das Hauptgeschäft für die wohlhabenden jüdischen Kausieute waren die Lieferungen für die Kriegsheere; die Meisten vereinigten sich, um mit vereinten Kräften der Aufgabe bester gewachsen zu sein; Dein Vater wies jede Vereinigung zurück; er wollte allein reich werden und gönnte Anderen nichts. Die Folge war, daß man die Lieferungssätze sich gegenseitig hinuntertrieb, bis Abraham Wolfsohn zu seinem Unglück den Sieg davon trug; er erhielt die Lieferung; setzte aber sein ganzes Vermögen dabei zu. Nun, Armuth ist keine Schande; hätte er die Armuth in Ruhe ertragen, hätte gearbeitet und gespart — er würde sich'wieder emporgebracht haben. Dazu aber war er nicht geeignet; er ließ sich in Dinge ein, die kein ehrlicher Mann thut und die ich nicht näher bezeichnen will. Eines Tages kommt er verstört zu mir und offenbart sich mir. Ich hatte Mitleid mit dem Sohne meines Freundes; ich rettete ihn mit Aufopferung aller meiner Ersparnisse und alles Dessen, was meine erste, damals schon verstorbene Frau mir eingebracht; ich rettete ihn vom Zuchthause!" Der Rabbi schwieg erschöpft; auch Wolfsohn wagte nicht zu reden; ihm war jener Vorgang nicht unbekannt. Nachdem der Rabbi sich erholt hatte, fuhr er zu reden fort: „Später erbolte sich Dein Vater wieder, und er hat mir Alles ehrlich zurückbezahlt. Die Leiden und Kümmernisse, die er erduldet hatte, brachten ihn auf einen bessern Weg. Schade, daß er Deine Erziehung nicht hat leiten können; er und Deine Mutter starben, als Du noch ein Knabe warst; ein Bruder Deiner Mutter in H. nahm Dich zu sich. In H. fandest Du mehr Gefallen am neuen Tempel als an der alten Synagoge; als Du hierher zurückkehrtest, warft Du bereits dem echten Iudenthum entfremdet. Du kannst es mir bezeugen, wie oft ich mich bemühte, Dich auf die rechte Bahn zurückzuführen; es war Alles vergeblich. Nun aber willst Du auch diese Gemeinde, die ich fünfzig Jahre lang wie meinen Augapfel gehütet habe, in den Abgrund des Verderbens stürzen? O, laß ab, laß ab von so bösem Beginnen!" „„Lieber Rabbi/" entgegnete Wolfsohn, „„ich hin Ihnen sehr dankbar für die Freundschaft, die Sie für meinen Großvater hegten, für den Liebesdienst, den Sie meinem Vater erwiesen haben; ich bin gern bereit, Ihnen in jeder Weise gefällig zu sein."" „So willige in das Versprechen, das ich vorhin vom Vorstände verlangt habe." „„Nein, lieber Rabbi, das geht unmöglich; das Judenthum muß auf die Bahn des Fortschrittes und der Intelligenz geführt werden. Ich kann dieser erhabenen Idee nicht untreu werden der Liebesdiensthalber, die Sie meinem Vater und meinem Großvater erwiesen haben."" „Was sprichst Du von Intelligenz und Fortschritt? Die höchste Intelligenz ist ursere heilige, von Gott, dem Allweisen, geoffenbarte Thora, der beste Fortschritt ist der zur Erfüllung ihrer erhabenen Gebote." „„Sie verstehen das nicht, lieber Rabbi, Sie wurzeln mit Ihren Anschauungen noch in einer alten Zeit und können Sich nicht zu den gewaltigen Ideen der Gegenwart erheben. Pie alten Schranken, die uns von unfern christlichen Mitbürgern getrennt haben, sind gefallen oder fallen doch von Tage zu Tage; wir müssen uns nun mit unfern Mitbürgern verbrüdern; auch wir müsstn die Schranken fallen lasten, die uns von ihnen noch trennen; wir müssen mit ihnen essen, mit ihnen dieselben Feiertage feiern, uns mit ihnen verschwägern."" % Der alte Rabbi bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. „Wehe," rief er, ..daß ich so Etwas hören muß! Doch, ich will ruhig bleiben. Sage mir, Wolf, was bleibt dann vom Iudenthum noch übrig?" „„Der Glaube an den einzigen Gott."" „Und was kann der allein nützen, wenn ich die Consequenzen nicht ziehe, die sich aus diesem Glauben ergeben? Rach dem „Schema" folgt unmittelbar das „Weohawto". West Gott einzig ist, deßhalb müssen wir ihn lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit allem Vermögen, und diese Liebe bethätigen wir dadurch, daß wir unseres Gottes Worte in unsere Herzen pflanzen, sie unsern Kindern einschärfen und Gottes heilige Gebote halten! Der leere Glaube nützt nichts im Judenthume, unsere heilige Religion ist vorzugsweise eine Religion der That. Wolf, Wolf, welches sind Deine Thaten! Sabbat und Feiertage, Speise- und Eh.egesetze gibt es nicht für Dich, wohlthätig ist Deine Frau, nicht Du, von Deinem sittlichen Lebenswandel hört man schlimme Dinge, den Umgang mit Juden vermeidest Du, ja, lastest bei Deinen Festen Deine Nation öffentlich verhöhnen — und auf diese Stufe der Intelligenz und des Fortschrittes willst Du diese Gemeinde heben?"