Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1870)
- Date
- 1870-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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562 gebrochen. Die Geschichte hat seitdem keine nationale Erhebung unseres Volkes mehr verzeichnen können. Aus dem allgemeinen Bernichtungskriege, welchen die Kaiser Trajan und Hadrian gegen den jüdischen Stamm führten, wurde Eines gerettet, das Wichtigste: die Schüler des beim Aufstande betheiligten, Hingerichteten Äkiba bereiteten die Niederschrift der mündlichen Lehre vor, und an dem Tage, da Rabbi Akiba starb, wurde Rabbi geboren, der die Niederschrift der Mischnah zu Ende führte. Dann aber wurde immer unerträglicher der römische Druck, die römische Verfolgung, namentlich seitdem die römischen Kaiser das Christenthum angenommen hatten. Da flüchtete sich die heilige Lehre an die Ufer des Euphrat und des Tigris, wo Jahrhunderte hindurch das Studium der Thora mit der größten Sorgfalt gepflegt wurde, so daß es möglich ward, den Talmud, den Commentar und die Ergan- Mg der Mkschnah, niederzuschreiben. Aber Persien und Rom und der neuerstandene MohamedanismuS, die sich untereinander bis auf den Tod bekämpften, waren darin einig, daS Judenthum zu unterdrücke und feine Bekenner in den Tod zu Hetzen. Unterdeß hatten sich die Nachkommen Jakobs über alle Länder der damals bekannten Welt zerstreut. In Italien mrd Spanien hatten sie sich feit langer Zeit angesiedett; zahlreiche Gemeinden erstanden in Afrika, Frankreich und Deutschland. Ais das Reich der Kalifen das Exilarchat und die Hochschulen in Babylonien unmöglich machte, da wurden die genann- 1s« Länder die Hauptsitze talmudischer Gelehrsamkeit, Me Hauptwohnplätze der zerstreuten Heerde Jakobs. Aber welche Verfolgungen hatten unsere Väter ln all diesen Ländern zu erdulden! Wir brauchen nur an die gräßlichen Niedermetzelungen und Verbrennungen in den Jahren 4856 (1096) und 5109 (1349) zu erinnern! Aus England vertrieben, aus Frankreich vertrieben, aus Spanien vertrieben, aus Unter-Italien vertrieben , in Deutschland und Oesterreich unterdrückt, verfolgt, zu Tode gehetzt! Aber der Schützer Israels wachte und eröffnete dem verfolgten Vobke eine neue Zufluchtsstätte im fermen Nordosten, in den Ländern derpolnischen Republik. Ach, auch dort mußten die Nachkommen Abrahams den Kelch der Leiden bis aüs die Hefe leeren; Unter dem Mordschwerte Chamils und seiner Kosaken bluteten Hunderttausende unschuldiger Männer, Frauen und Kinder. So ist fast kein Land der Erde, das nicht getränkt worden von jüdischem Blute, keine Stadt und kein Städtchen, die nicht Israels Leiden schauten. Während eines Zeitrmrms von achtzehn Jahrhunderten! Daß Israel alle diese Leiden ertragen und treu geblieben seinem Gotte, seinem Glauben, der Sitte der Väter, das ist das größte Wunder, welches die Welt gesehen. Die Erhaltung des Ueberrestes Jakobs inmitten der vielen feindlichen Völker läßt uns das Walten des Schützers und Hüters Israels ebenso erkennen wie die Spaltung des Schilfmeeres, wie die Offenbarung am Sinai. Wir leben jetzt in einer dreifach ernst-traurigen Zeit. Die historischen Reminescenzen dieser Trauerwochen fallen zusammen mit dem Kriegsgeschreie, das die Erde erfüllt. Zwei mächtige, europäische Culturstaaten stehen im Begriffe, einander auf Tod und Leben zu bekämpfen, und die unvermeidlichen Nebel und Leiden des Krieges bedrohen die Nationen. Und wir? Wir haben Niemanden, auf den wir uns stützen könnten als auf unfern Vater im Himmel. Aber das Bewußtsein, eine so mächtige Stütze, einen so gewaltigen Schutz zu haben, ist den Söhnen und Töchtern unseres Volkes leider vielfach abhanden gekommen. Angst malt sich auf den Gesichtern, Verzweiflung erWet die Herzen. Warum? Ach, Gottes Gebot und Gottgefälliger Wandel sind vielfach vergessen, Speise- und Sabbat-Gesetze sind bei gar Manchen zum Mährchen geworden, Ehe - und Reipheits- Vorschriften sind kaum mehr gekannt — zu . wem soll das geängstigte Gemüth flüchten? Zu Gott , dessen heilige Gebote verhöhnt und verlacht sind worden? Und dennoch ,gu Gott, zu unserm Vater im Himmel! Er ist langmüthig und barmherzig und verzeiht Seinen «icherkehrenden Kindern. Und Ihr, Ihr Nabbinen, Lehrer und Führer in Israel, benützet diese Trauerwochen im besten, edelsten Sinne; ergreifet die Gelegenheit, das uAttonale und mit ihm das religiöse Bewußtsein in Israel zu wecken, auf daß wiederkehre die alte Frömmigkeit und Innigkeit, das Vertrauen zu Gott und die Zuversicht 1u Ihm. Achtzehn Jahrhunderte derkBerhanmsilg, der Verfolgung und der furchtbarsten Leiden sind über unser Haupt h'mweggezogen. Wir haben sie überdauert diese lange Schmerzenszeit, denn Gott hat uns behütet, beschützt und errettet. Wahrlich, der Herr des WeltalleS muß Großes noch mit unS Vorhaben. Erwarten wir hoffnungsvoll die Erfüllung Seiner allweisen Pläne, harren wir getreu aus bei Ihm und Seinen heiligen Geboten und blicken wir getrost der Zukunft entgegen. 4