Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1870)
- Date
- 1870-07-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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558 ten, in bester Absicht regen Antheil an der Erziehung nehmen, wollen durch unzeitige Vorbereitung, durch übermäßigen Privatunterricht dem Lehrer in die Hände arbeiten und wisien nicht, daß sie in den meisten Fällen sich am Kinde versündigen. Hier thut vor allen Dingen Belehrung Noth. Wir haben es für nöthig gefunden, daS Thema, daß Erziehung eine Kunst sei und gelehrt werden müsse, in kurzen Umrissen in der ersten Nummer dieser „Blätter für Schule und Haus" zu erörtern, um den Beweis zu führen, wie nöthig die Schule eine Besprechung mit dem Hause hat. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß die geneigten Eltern uns ebenso Wohlwollen entgegenbringen werden, wie wir denselben mit Wohlwollen entgegenkorpmen, und glauben mit Zuversicht, daß das Handinhandgehen der Schule mit dem Hause, das wir mit diesen Blättern anbahnen, ein wichtiger Factor für eine tüchtige, gottgefällige Erziehung des heranreifenden und der kommenden Geschlechter sein wird. Mbagogische Urirrziprm nach dem Talmud, verglichen mit den Ergebnissen der Erziehungswiffenschaft der Neuzeit. I. V8 Die Neuzeit hat die Pädagogik zu einer Wissenschaft und zwar zu einer selbstständigen erhoben, die ebenso gut ihre Therapeutik und ihre Lehre einer Diagnose, wie dieMedkcin hat. Sie beruht auf Psychologie und Anthropologie, sie kann das Allgemeinste der Sanitätslehre und der Physiologie nicht entbehren, sie hat ihre eigene Geschichte, sie hat ihre unverückbaren Grundsätze der Erziehung, ihr System, kurz: alles dasjenige, was sie berechtigt, selbstständige Wissenschaft zu sein, den Anspruch zu erheben. Das Wesentliche der Erziehungslehre ist aber nicht einSichaneignen von bereits Erkanntem und ein Classifttiren nach äußeren Merkmalen, es ist vielmehr das Erkennen der dem körperlichen Auge entzogenen psychischen Vorgänge im Menschen, das Erkennen des Geisteslebens, um mit diesem Geistesleben in Verbindung sich setzen zu könnm, um auf dasselbe zu wirken; es ist nicht eine Lehre von Thatsachen und Gegenständen, sondern eine Lehre von den Mitteln. Diese Mittel sind uns in Systemen gegeben, die erst dnrch langjährige Beobachtungen und Versuche aufgestellt werden konnten, und daher ist die Erziehungslehre im evgern Sinne eine Erfahrungswissenschaft. Daß es nun für die Erziehung nicht e i n endgiltiges System, wie etwa in der Mineralogie, geben kann, ist einleuchtend, so wenig wie es in der Heilkunde ein System gibt, da Jeder, welcher eine Lehre aufstellt, Anderes und Neues erfährt; daß aber auch mit dem System allein noch nicht geholfen ist, sondern der richttge Blick und daS richtige Erkennen des Lehrers die Hauptsache für eine richtige Anwendung des im System Gegebenen ist, ist ebenfalls klar. Doch wie auch die Systeme auseinandergehcn, so gibt es doch gewiffe Sätze, die durch die Erfahrung bewährt, von allen Schulmännern anerkannt sind und gewissermaßen als die Fundamentalsätze der Pädagogik angesehen werden können. Von Pestalozzi an datirt man die Zeit des großartigen Umschwungs auf dem Gebiete der Pädagogik; seine Hauptlehren sind zum größten Theile Sätze geworden, die wir als die Fundamentalsätze der Erziehungslehre ansehen können. Das Ende de- 18. Jahrhunderts reifte die Idee der Menschenrechte, nicht Adliger, Bürger oder Bauer — Mensch ein Jeder, und als Mensch, Träger deS Göttlichen, berechtigt zu den höchsten Gütern, — daS Volk tritt aus seiner Passivität heraus und nimmt thätigen Antheil an der Gestaltung der Weltlage. Da mußte in großen, tieffühlenden Herzen der Gedanke erwachen, die rohe Kraft des Volkes zu veredeln durch Erziehung und Unterricht, die bisher verachtete große Maffe aus dem sittlichen Elende und der sittlichen Verkommenheit zur Höhe der Bildung zu erheben, daß die politische Freiheit getragen werde durch die sittliche. Und ein solches edles Herz, das warm schlug für daS Volk, das dessen sittliche Gebrechen erkannte, hatte Pestalozzi; er wandte sich den Armen und Bettlern zu und opferte diesen die ganze Thätigkeit seines Lebens. Ein gerader Sinn, ein richtiges Gefühl führte ihn auf das Richtige. Die Consequenzen seines Systems zu ziehen, blieb Anderen überlasten, und so ist die Erziehungslehre aber zu der Höhe gelangt, auf welcher sie sich jetzt befindet. - Es ist das Wesen der Wahrheit, daß sie sich immer wieder Geltung verschafft, daß sie wohl zeitweilig verkannt und unerkannt sein, daß sie aber niemals unterdrückt werden kann; wir müssen uns daher des Triumphes der Wahrheit freuen, wenn wir Prinzipien als wahr verehrt und anerkannt sehen, die mehr als tausend Jahre nur einem kleinen Kreise angehörend, der großen Welt unbekannt, nach langer langer Zeit in einem andern Kreise wieder auftauchen und für die ganze Welt daS Fest ihrer Erstehung feiern. Möge der freundliche Leser mir jetzt auf einem Gange durch die Geschichte der Pädagogik der letzten 100 Jahre folgen und die Gedanken, die sich den Anspruch auf Anerkennung erworben haben einer besondern Musterung unterwerfen, vielleicht finden wir, ohne den Entdeckern den Ruhm ihrer Entdeckung streitig zu machen, daß schon ein altes Buch, das so oft verkannt worden ist, uns schon das als etwas AlteS und Längstbekanntes lehrt, was wir jetzt als neue und überraschende Wahrheit anstaunen. " Der Talmud ist eben dieses alte Buch, das reich ist an Gedanken, denen wir bei den Pädagogen der