Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1870)
- Date
- 1870-07-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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jV§ 1. (Pädagogische Beilage zu Nr. 29 des „Israelit") *M\. s KrziehuVg, eine Kunst. ^Wenn wir alle erzogen wären, wir könnten erzogene Kinder gebären," ist ein ebenso wahres wie richtiges Wort unseres Altmeisters Göthe. Ja, wenn wir nur alle erzogen wären! Das ist aber gerade das Malheur, daß wir es nicht alle sind! In der Erziehung bewahrt es sich nicht immer, daß derjenige, Hem Gott gibt ein Amt, auch ihm gibt den Verstand, mit dem Elternwerden wird nicht zugleich auch der Verstand, die Kinder zu erziehen, gegeben. In früheren Zeilen, als die Verhältnisse einfache, die Bedürfnisse für das Leben nicht so gekünstelte und rasfinirte wie in der Gegenwart waren, da war auch, dem ganzen Leben entsprechend, die Erziehung eine eiufache: das schlichte Leben deS Hauses, die schlichten Verhältnisse der weitern Umgebung konnten, vereinigt mit einem instinctiven Gefühle der Eltern für daS Richtige , als die besten Erziehungssactoren für ein, sowohl in physischer wie inlelleclueller Beziehung, einfaches Leben gellen. Diese Verhältnisse habm sich jetzt ganz gewaltig geändert. Die Menschen sind durch die Erfindungen der Neuzeit näher aneinander gerückt; die Kenntniß von fremden Lebens Verhältnissen hat die Lust, solche bei sich einzubürgern, angeregt, und so ist überall ein Conglrmerat fremder und einheimischer Bedürfnisse geschaffen worden, daß wir nicht mit Unrecht über die Masse derselben erschrecken könnten. Diese Verhältnisse sind aber einmal da, sie können uicht hinwegdisputirt oder durch Aufstellung von Idealen beseitigt werden, und der Mensch ist für das Po- Mvgegebene zu erziehen. Der Erzieher würde einen sehr unrichtigen Weg wählen, würde er, den bestehenden Verhältnissen nicht Rechnung tragend, seinen Zögling mit Idealen erfüllen wollen, die ihn im wirklichen Leben im Stiche lasten, erwürbe, denselben gegenüber nicht gerüstet, der Macht derselbe» unter- I liegend, entweder von ihnen sortgerissen werden und | <m ihnen untergehen oder sich in der Welt als einen Fremden ansthen, der fein Lebensglück verloren hat. Den Menschen so auSrüsten für daS Leben, daß er als ein ganzer Mensch im Leben einst dastehe, daß er nicht als Sonderling der Menschheit mit Verachtung den Rücken kehre, ein Menschenverächter, die höchste Potenz des Egoismus, uvd daß er wiederum andererseits nicht selbfivergestmd aufgehe im Allgemeimn, tm charakterloser Schwachkopf werde : das ist die Aufgabe der Erziehung. — Dieses Ziel erreicht die Erziehung aber nur dmch Ausbildung der im Menscken schlummernden Kräfte und Anlagen zur harmonischen Entfaltung: Kräfte und Anlagen sind aber nicht gleichmäßig unter den Menschen verthellt, wir müssen also, wenn wir den Menschen seiner wahrhaften Bestimmung entgegensühren wollen, die Individualität der kleinen Weltbürger, die uns zur Erziehung anvertraut sind, zu erkennen bemüht sein; diese Erkenntmß aber ist eine Künste Es ist das Verdienst der neueren Pädagogik, daß sie weder den Menschen gänzlich seiner Eigenart überläßt, eine freie Naturentwickelunz der im Menschen schlummernden Kräfte erwartend, noch nach der Schablone erzieht, die Eigenart der Einzelnen übersehend und zurückdrängend. Dieser große Gedanke jedoch, von der Berücksichtigung der Individualikät, der einen so großen Umschwung auf dem Gebiete der Erziehung Hervorgkbracht hat, indem er in her neueren Zeit zuerst durch Pestalozzi praktisch verwirklicht worden ist, ist ein ursprünglich jüdischer. Wenn unS Salomo sagt, *6 ppi' o di idu 'ö by *pjn, udd -NO', so ist hiermit eben der Gedanke ausgesprochen, daß dasjenige in Fleisch und Blut übergeht und bis ins höchste Alter hinein im Menschen haftet, was dem Kinde iD-n ’S by seiner Anschauung, seinen Anlagen entsprechend, beigebracht worden ist. Das richtige Erkennen der Anlagen, das für eine richtige Erziehung erforderlich ist, beruht aber wiederum auf festen, wissenschaftlichen Grundsätzen, und die Lehre, die diese Grundsätze aufstellt , ist die Psychologie, die Wiffenschaft von den Thätigkeiten der Seele. Da aber die Seelenthätigkeit von dem Körperleben bedingt ist, so ist auch eine Kenntniß des menschlichen Körpers für die Erziehung nicht zu entbehren. So mannigfach wie sich die Ansprüche des Lebens gestaltet haben, so sehr hat sich auch der Kreis deS Wissens erweitert, in den wir unsere Kinder einsühren wollen; da aber heißt es einerseits vorsichtig sein, daß der Geist nicht auf eigene Kosten und nicht auf Kosten der körperlichen Gesundheit überladen werde, andererseits aber auch dm Weg ausfinden, der der kürzeste für die Erreichung des gesteckten Zieles ist. Das Letztere ist einzige Sorge der Lehrer, denen die Lehrart und der Lehrweg (Didaktik und Methodik) überlasten ist; was aber das Erstere betrifft, da wollen oft Eltern, die ihr Kind schon früh als Wunderkind augestaunt und zum Allerweltswiffer erzogen sehen möch-