Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1870)
- Date
- 1870-07-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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547 Am Schlimmsten sah es in B. mit dem Mischen Schulwesen aus; freilich hatte auf diesem Gebiete der Rabbi daS Seinige gethan; allein der verderbliche Geist der Zeit war mächtiger gewesen als sein kraftvolles Wirken. Gar häufig hört man in jüngster Zeit jene großen Männer der jüngsten Vergangenheit, der Heiligen, die jetzt der Rasen deckt, mit Vorwürfen überhäufen. Sie hätten, sagt man, ihre Zeit nicht verstanden, hätten den Zugendunterricht vernachlässigt, hätten nicht gewußt, Thora mit Derech Erez zu vereinen, und dadurch seien die trüben religiösen Zustände der Gegenwart meistens erwachsen. Möchte man sich doch wohl hüten, auf die Gräber jener frommen, edlen Männer' einen Stein zu werfen; die Verhältnisse waren eben mächtiger als sie; der GährungSproceß mußte dnrchgemacht werden, und Nichts konnte ihn verhindern. Die Geschichte der isr. Gemeinde zu B. und ihres ehrwürdigen Rabbinen gab von dem Gesagten den besten Beweis. Als Rabbi Jehudah Benjamin sein Amt antrat, stand daS „Cheder" noch in vollster Blüthe. Knaben und Mädchen lernten Hebräisch- und Jüdisch-Äeutsch-Lesen und Schreiben, sowie die hebräischen Gebete übersetzen. Knaben von mittelmäßigen Anlagen brachten Ss Nicht weiter; mft btfa vollendeten dreizehnten Jahre mußten sie „handeln", auf's Dorf gehen oder in der Stadt haustren, einkaufen und verkaufen. Knaben von bessern Anlagen lernten die Bibel und deren Commentare; talentvolle Kinder wurden zum Talmud geführt. Da kam die neue Zeit; Emancipationsbestrebungen und theilweise Emancipation zerbrachen die Mauern des Ghetto, eröffneten niegekannte Laufbahnen; das Bedürfniß nach modernem Wissen wurde rege; Männer und Jünglinge fingen noch an, Deutsch- Lesen und Deutsch-Schreiben zu lernen. Damals hatte Rabbi Jehudah Benjamin in richtigem Verständnisse der Zeit den Plan gefaßt, eine Schule zu gründen, in der profanes und religiöses Wissen Hand in Hand gehen sollte; ein Schüler von ihm, ein tüchtiger Talmudist, Namens Michael Münster, wurde sorgfältig vorbereitet auf die Universität geschickt und kehrte nach wenigen Jahren, mit reichem Wissen ausgestattet und mit dem Doctorhute versehen, zurück. Dr. Münster wurde mit der Gründung der Schule beauftragt; andere tüchtige Lehrer wurden angestellt; alle profanen Fächer wurden gelehrt, und mit derselben Liebe sollte daL Jüdisch - Religiöse gepflegt werden. Einige Jahre lang wurden ganz erfreuliche Resultate erzielt; ruhig und froh sa^ der Rabbi das Heranwachsende Geschlecht emporblühen; alleinbald brachten die Kinder Ideen mit nach Hause, über welche die Eltern erschraken; vr Münster war auf der Universität ein schlimmer Zweifler und später ein Leugner des Heiligsten geworden; lange hatte er seine innersten Gedanken verborgen gehalten; allmählich aber war eins nach dem andern zu Tage getreten; bald hatte vr. Münster über die „kleinlichen" Sabbatvorschristen, bald über die „minutiösen" Speisegesetze gespottet; ja, er fing an, Vorträge zu halten, in denen er die Schöpfung leugnete, in denen er lehrte, daß die Welt von jeher da gewesen. Als der Rabbi davon erfuhr, wurde vr. Münster zwar sofort seines Amtes entsetzt, allein damit war es auch um die Schule geschehen; die Frommen hegten, und nach solchen Erfahrungen mit Recht, das größte Mißtrauen gegen die jüdischen Doctoren, die Reichen, bei denen schon moderne Ideen Einfluß gewannen, waren ftoh, ihre Kinder dem Umgänge mit jüdischen Kindern entziehen zu können; darüber war Alles einig, daß man die Kleinen in die christlichen Schulen schicken und für einen geeigneten Religionsunterricht sorgen solle. Und so geschah es. In der That wurde Anfangs der Religionsunterricht mit besonderer Sorgfalt ertheilt; aber allmählich wurde derselbe immer schlaffer und schlaffer; aus der Disciplin der Schule ausgeschloffen, wurde er von den Eltern und den Kindern mit Gleichgiltigkeit bettachtet. In jüngster Zeit nun waren vom Vorstande Religionslehrer angestellt worden, die ob ihrer Ansichten und ob ihres ttreligiösen Lebens das höchste Mißfallen des Rabbi erregt hatten; energisch hatte er deren Entfernung verlangt, und der Vorstand hätte gewiß darein gewilligt, wenn nicht der reiche Wolfsohn seinen schwachen Collegen vollständig beherrscht hätte. Darauf hatten die conservattven Mitglieder der Gemeinde ihre Kinder der R.ligionSschule entzogen, während die „Fortgeschrittenen" ohnedieß von einem Religionsunterrichte nichts wissen wollten. Die Lehrer bezogen ihren Gehalt, ohne daß Schüler und Schülerinnen sie behelligten. So lagen die Verhältnisse in B., als der alte, ehrwürdige Rabbiner, des vergeblichen Kampfes müde, sich zum Sterben niederlegte. Diese Trauerkunde erregte alle Gemüther; selbst die verhärtetsten wurden weich; der Vorstand beraumte eine Sitzung an, um nock in der zwölften Stunde dem Rabbi nachzugeben und seine Wünsche zu erfüllen. Als ein dahin zielender Anttag in der Sitzung gestellt wurde, erhob sich Wolffohn: „Seid Ihr Männer?" rief er enttüstet, „weil ein altersschwacher Greis, der die Ideen der Neuzeit nicht mehr zu fassen vermag, sich zum Sterben niederlegt, um der verdienten Vergessenheit anbeimzufallen — deßhalb wollt Ihr auf diese erhabenen Ideen verzichten, wollt die Gemeinde dem Rückschritte zuführen? Nein, meine Herren Collegen, seien wir Männer, wie sie die fortschreitende Entwickelung der Gegenwart erfordert. Lassen wir uns nicht beirren durch irgendwelche Rücksicht. Wir, wir sind berufen, unsere Ge-