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Der Israelit · 1870-07-20 · Heft 29 (20.7.1870) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 29 (20.7.1870)
Date
1870-07-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Ordnung her. Die Raufereien zwischen den Straßenjungen und den ^uden hatten theilweise einen bedrohlichen Eharacter und erstreckten sich über mehrere Stadttbette; auch vor der Polizei-Direction fand eine Demonstration statt. Aus Lemberg, 9. Juni, wird gemeldet: -In der Nacht wurden die Exzesse gegen die Juden fortgesetzt. In der SixtuSkengasse wurden die Fenster der Judenwohnungen und der dortigen Synagoge zertrümmert; in derselben Gasse wurde der Schänker EliaS förmlich ausgeplündert Der Statthalter antwortete einer Deputation der hiesigen Judengemeinde, daß, wenn die Kommune heute nicht die Ruhe aufrecht erhalle, die Behörde einschreiten werde. Plakate des Bürgermeisters versprechen Schutz durch den kommunalen Sicherheitsausschuß. Aus Lemberg, 11. d., wird berichtet: Heute Nacht haben czechische Arbeiter den jüdischen Friedhof angegriffen. Die Juden verhinderten die versuchte Demolirung der Umfassungsmauer. Die Bande zertrümmerte hierauf die Fenster des in der Nähe des Friedhofes gelegenen jüdischen Spitals. WÜiezka, 7. Juli. Eine glaubwürdige Person aus Pietzkow machte einem hiesigen Freunde folgende Mittheilung: Der Erzherzog Albrecht hielt auf seiner Reise nach Warschau auch in Pietzkow an. Unter dem Publikum, das am Bahnhof versammelt war, waren auch Israeliten. Dem anwesenden Militär aber war dies wie ein Dorn in den Augen, und hat es auch ein Officier deshalb nicht unterlassen, auf einen Israeliten tüchtig los zu schlagen. Als Erzherzog Albrecht aus seinem Coupe diese Unthat wahrnahm, äußerte er sich in russischer Sprache ganz laut: „Das darf in Rußland nicht Vorkommen." Der Officier hatte nichts Eiligeres zu thun als sich von Ort und Stelle zu flüchten. Unter ehrfurchtsvoller Verbeugung gab der Israelit seinem Dankgefühle Ausdruck. P. Z. Belgien. sPrÜffsel, 7. Juli. „Une fois n’est pas coutume“ sagt das französische Sprichwort. ES ist nichtsdestominder ein unerhörter Präcedenzsall, daß man von Rom aus die hier für Sonntag den 17. Juli und die zwei darauffolgende Sonntage projectirte Procession zur Gedächtnisfeier der Anno 1370 stattgefundenen Judenv.rbrennung und Judenaustreibung wegen angeblicher Hostienentweihung förmlich untersagt hat. Es findet dieses Jahr auf Befehl des Erzbischofs Dechamps von Wiecheln keine Procession, auch nicht die alljährliche zur Feier des Laiut saeremeut du miracle, statt. Für die liberale Presse und für die öffentliche Meinung ist dieser durch die große Verantwortlichkeit, welche die Durchführung des Projektes implicirte, bedingte Beschluß ein großer moralischer Sieg und eine,um so tiefere Befriedigung, als Brüssel wirklich von den ernstesten Unordnungen bedroht wgr. Ein Coyfiict wsr bei der gegenseitigen Erbitterung unvermeidlich geworden, und wer weiß, welche Verhältnisse ein derartiger religiöser Kamps hätte annehmen können. Freuen wir uns des Triumphes, den diesmal die gesunde Vernunft, daS Humanitätsgefühl und die Verabscheuung jeder Vergewaltigung der Menschenrechte davongetragen. (Fr. I.) Feuilleton. Säen und ßrnten. v. Der alte Rabbi. Eine Trauerkunde hat sich unter den jüdischen Bewohnern von B. verbreitet: der alte Rahhi ist krank, man zweifelt an seinem Aufkommen. Rabbi Judah Benjamin ist noch ein Mann aus der alten Schule; ein Schüler des berühmten Rahhi Pinchas Horowitz, des großen Rabbinen von Frankfurt am Main, war er selbst ein bedeutender Talmudist geworden und ward in B. als Rabbiner zu einer Zeit ausgenommen, da man von einem solchen kein anderes Wissen als tüchtige Talmud-Kunde verlangte. Unterdcß war die neue Zeit herangekommen, und der Rabbiner wußte Elemente hervortreten sehen, die dem positiven Judenthume feindlich gegenübertraten. Mit aller Macht und Energie kämpfte er für die Aufrechterhaltung des traditionellen Judenthumes und der durch die Thora vorgeschriebenen, religiösen Gemeindeinstitutionen; im Großen und Allgemeinen war ihm dieses gelungen. Die Synagoge, die Schechitah, die Mikway, die Mazzoth-Bäckerei, der Friedhof und was dergleichen mehr, das Alles war in B. noch so erhalten worden, wie die heilige Religion Israels es erfordert. Im Einzelnen und^Besondern dagegen sah es traurig aus. An die Spitze der Gemeinde waren im Laufe der Zeit Männer getreten, denen dys Judenthum und feine Vorschriften gleichgiltig war. Die meisten Läden und Comptoire der Juden voy.B. waren am Sabbat geöffnet; die großen Menge der jüdischen Bevölkerung aß verbotene Speisen. So lag daS Allgemeine mit dem Besonder» und Einzelnen im größt,n Widerstreit: das äußere Band, das noch Alles zusammenhielt, war der alte, ehrwürdige Rabbi, an dem die Fromme» mit innigster Liebe und Verehrung hingen, dem selbst die Modernsten ihre Achtung und Ehrerbietung zu versagen nicht die Stirne h-htey — was aber wird nach dem Tode, des Rabbi a»S der iSr. Gemeinde von B. werden?

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