Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1870)
- Date
- 1870-07-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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548 meinde aus dem alten Schlamm herauSzuziehen. Die erleuchtetsten Rabbinen der Gegenwart sind darin einig, daß daS Judenthum einer durchgreifenden Reform bedarf, damit wir Theil nehmen können an dem staatlichen und socialen Leben der Nationen. Binden wir unS nicht die Hände, weil ein sterbender Greis es wünscht." Als er so gesprochen, kam der Gemeindediener und brachte Botschaft vom kranken Rabbi; er wünsche, daß der Vorstand in corpore ihn mit seinem Besuche beehre. »Folgen wir dieser Aufforderung nicht," rief Wolfsohn; „es wird sonst eine unangenehme Scene geben." „„Bleiben Sie, wenn Sie nicht mitgehen wollen, zurück," sagte Commerzienrath (Slogan; „ich werde meinen sterbenden Rabbi nicht vergeblich bitten lassen."" „Nein," entgegnete Wolfsohn, „wenn die Andern gehen wollen, so muß auch ich gehen; ich muß meine College« vor übereilten Versprechungen schützen." Als sie zum Rabbi kamen, erhob sich dieser in seinem Bette und grüßte sie. „Meine lieben Kinder," sagte er, „ich darf Euch wohl so nennen; denn Ihr Alle könntet meine Kinder, ja meine Enkel sein; Eure Großväter waren meine Freunde, Eure Väter meine Schüler; also meine liebt« Kinder, wir haben in den letzten Zeiten Conflicte miteinander gehabt, laßt uns sie beilegen, ehe ich von Euch scheide, laßt uns als Freunde von einander Abschied nehmen." Den Männern traten die Thränen in die Augen; nur Wolfsohn blieb ungerührt. „Meine lieben Kinder," fuhr der Rabbi zu reden fort; „ich gehe jetzt den Weg, den alle Menschen vor mir gegangen. Laßt mich die Beruhigung mit in's jenseitige Leben hinübernehmen, daß die Gemeinde, deren Rabbiner ich länger als ein halbes Jahrhundert gewesen, eine fromme israelitische Gemeinde bleibe. Versprecht mir, daß Ihr nach meinem Ableben sofort die Stelle und zwar mit einem Manne besetzet, der nicht zu jener sogenannten Reformpartei gehört, sondern der mit Kraft und Energie das Judenthum so aufrecht zu erhalten strebt, wie wir es von unfern Vätern geerbt haben. Versprecht mir das Eine nur; von allem Andern will ich schweigen." „„Der Rabbi wird wieder gesund werden und noch lange bei uns bleiben,"" sagte Commerzienrath Glogau, sich die Thränen trocknend. „Nein, nie,"" entgegnete der Rabbiner eifrig, „ich fühle eS, ich muß von hinnen gehen. Seht, meine Kinder, es ist das mein einzig Vermächtniß an Euch; Kinder hat mir Gott versagt, das Weib meiner Jugend ist mir vorangegangen zum ewigen Leben; meine jetzige Frau, die mein Alter gepflegt hat, — ich hinterlafse ihr keine anderen Schätze als meinen guten Namen; aber ich befehle Euch nichts ihretwegen; ich weiß, Ihr werdet die Wittwe Eures alten Rabbi nicht darben lassen. Nicht meinetwegen, Euretwegen will ich Euer Versprechen; versagt es mir nicht." Der Kaufmann Bernstein, das jüngste Mitglied des Vorstandes, wollte reden; Wolfsohn winkte ihm zu schweigen. „„Herr Rabbiner,"" sagte er, „„wir können Ihnen dieses Versprechen nicht geben; wir dürfen unS die Hände nicht binden. Solange Sie bei uns sind, soll nichts geschehen, was Sie verletzt."" „Solange ich bei Euch bin," sagte der Rabbiner schmerzlich. — „ich werde aber nicht mehr lange bei Euch sein. Und wenn ich nicht mehr bei Euch sein werde, was werdet Ihr dann thun?" „„Dann,"" ries Wolfsohn rasch, „„dann werden wir die Gemeinde auf die Bahn des Fortschrittes und der religiösen Freiheit bringen!"" Der Rabbi richtete sich hoch auf. „Laßt mich mit Herrn Wolssohn allein, meine Kinder," sagte er. (Fortsetzung folgt) Erklärung. Wiederholt werve ich sowohl in Privatkreisen wie in verschiedenen jüd. Zeitschriften für die religiösen Ansichten und Entschließungen des vr. F. Rosenthal, Rabbiner in Beutben, verantwortlich gemacht, weil derselbe vor einer Reihe von Jahren, nachdem er einige andere Jeschiboth Ungarns besucht, auch die meinige in Eisenstadt frequentirte. Der unparteiische Beobachter wird jedoch schon seit Jahren bemerkt haben, daß schon lange ganz andere Richtungen als die meinigen maßgebend und leitend für denselben geworden sind. Jedem aber wird dieß dadurch zur Evidenz, daß derselbe in einem Gutachten den Congreßstatuten in Ungarn zustimmte, die ich als Congreßmitglied, weil die höchste Gefahr für das orthodoxe Judenthum involvirend, bis zur letzten M-nute mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfte. Wenn daher wohl tendenziöse Bestrebungen nach wie vor Capital aus meinem früheren Verhältnisse zum obigen Rabbiner schlagen, so weiß doch jeder Vorurtheilsfreie, was er davon zu halten bat. Berlin, am 14. Tamus 5630. Dr. Israel Hildesheimer, Rabbiner. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx,'fchen Hofbuchhandlung. — DampsiSchnellpressmdruck von I. GottSleben in Mainz.