Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1870)
- Date
- 1870-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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543 Wahrlich, die Welt kennt die Führer der modernen jüdischen Orthodoxie, die Ettlinger, die Bam» berger, die Hirsch, die Hildesheimer rc., und weiß ihren Characm zu beurtheilen; Gott im Himmel weiß es und ganz Israel weiß es, daß all den Männern, welche festhalten an Gottes heiliger Lehre und mit aller Macht eintreten für die ewige Wahrheit, daß ihnen irgendwelche persönliche Motive fernliegen. Ist eS dmn nicht viel leichter und einträglicher, mit dem Sttome zu schwimmen, den jüdischen Pfaffen zu spielen, den Mantel nach dem Winde zu hängen, fünf gerade sein zu lassen, als mit aller Macht und Energie für die jüdische Wahrheit zu kämpfen, zu welcher die Zeitströmung sich geradezu im Gegensätze befindet? Die modernen jüdischen Orthodoxen haben unsäglich unter diesen Kämpfen zu leiden, haben Tausende von Entbehrungen zu tragen, und nur das unerschütterlichste Gottvertrauen, nur die feste Ueberzeugung, das Gute und Rechte zu wollen, läßt sie ausharren in diesen Kämpfen, läßt sie mit freudiger Hingebung leiden und dulden für das hohe Prinzip unseres heiligen Glaubens. Und Philippson? Auch Philippson weiß das Alles recht gut, und er schreibt in der That gegen seine bessere Ueberzeugung. Allein, was soll der arme Mann machen? Die Wahrheit zugestehen? Dazu besitzt er nicht genug Character; denn seine Existenz ist bedroht; ja, noch mehr, die Synode sein Lieblingekind — ist in Gefahr. Einhunderteinunddreißig Rabbinen, die edelsten und besten, haben eine Erklärung erlassen, durch welche der Synode der Boden entzogen wird, auf welchem sie thätig sein wollte. Die Gemeinden haben die Stimme jener Rabbinen vernommen, und auch manchem schwankenden Rabbinen sind die Augen geöffnet. Die Synode findet in rabbinischen Kreisen keine Theilnahme mehr. Hinc illae lacrimae! PH lippson beschuldigt seine eigenm Gesinnungsgenossen der Fei gheit und bemüht sich ihnen nachzuweisen, daß sie die Orthodoxie nicht zu fürchten haben. Doch genug; wir haben Herr Ph. schon zu viel Raum und Zeit gewidmet. Ist er doch nur noch das Wrack jenes Schiffes, das vor zwanzig Jahren so stolz auf den Wogen des Zeitgeistes einherschiffte. Als wir vor zehn Jahren mit der Herausgabe des „Israelit" begannen, da galt es, den Nymbus zu zerstören, mit welchem Herr Ph. sich zu umgeben gewußt hatte; jetzt ist dieser längst auf sein eigentliches Nichts zurückgekehrt, und nur Trümmer zeugen noch von der alten, vermeintlichen Größe. Ph.'S ohnmächtige Wuthschreie, seine Schimpfereien und Verlästerungen, seine Feigheitsbeschuldigungen der eigenen Partei gegenüber — das Alles documentirt am Besten, daß die Reform Banquerott gemacht hat und daß die Orthodoxie täglich und stündlich im Erstarken begriffen ist. Möge Gott alle Verblendeten erleuchten und alle Irrenden auf den rechten Weg zurückführen. AeitrmgSrrachrichten nrrd Eorresporrdenzerr. Deutschland. Berlin, 4. Juli. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß trotz der Gleichberechtigung der verschiedenen Confessionen in den meisten deutschen Staaten, das Rischus gegen die Bekenner des Judenthums noch immer nicht ausgemerzt ist. In Zeitungen sowohl wie in sogenannten Cultur-Romanen sehen wir leider noch immer eine gewisse Gehässigkeit gegen Alles, was nur irgend jüdisch ist, sich Bahn brechen und wenn sich auch dieselbe nicht mehr in den früheren rohen Formen manifestirt, die ein hier erscheinendes kirchliches Blatt ihren Lesern wöchentlich heute noch darbietet, so ist es die feinere Form des Rischus, welche eben so sehr den jüdischen Leser verletzen muß. Um so angenehmer wurden wir berührt, als wir in einer neuen, hier erschienenen Zeitschrift eine Apologie der Bekenner deS Judenthums fanden, die uns um deßhalb um so wohlthuender ist, weil sie auf Wahrheit begründet. I« Feuilleton dieser Zeitschrift werden die Zustände und Erlebnisse der Juden in ihrem mittelalterlichen Ghetto in Berlin geschildert. Der Münzkämmerer Lippold, ein Jehudi, wußte sich der besonderen Gunst des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg zu erfreuen die um so beständiger war, als er stets für die häufigen Geld - Verlegenheiten seines LaudeSherrn Rath wußte. Der Haß des Volkes war ein so großer, daß nach dem Ableben deS Kurfürsten, durch dm Nachfolger Johann Georg, dem Lippold ein Proeeß gemacht wurde; als Zauberer wurde er angeklagt, da man sich die Gunst des Hingeschiedenen Kurfürsten nicht anders zu erklären wußte, und nachdem er die gräßlichsten Folterqualen erdulden mußte, wurde er auf dem „neue» Markt" mit glühenden Zangen gezwickt, und daun in Stücke gehauen; diesem scheußlichen Proceffe folgte eine abermalige Vertreibung der Juden aus der MarL. Hierzu bemerkt der Feuilletonist: „Das nannte man in damaliger Zeit: christliche Justiz." und ferner äußert er sich: „Die Juden aber, wenn auch von allem öffentlichen Leben ausgeschloffen, besaßm doch an ihren heiligen Ueberlieferungen einen unversiegbaren Born geistiger Erkenntniß, und waren daher dem rohen Volke, von welchem sie verhöhnt und getreten wurdm, geistig bei Weitem überlegen. Daher kam es, daß die gebildeten und geistreichen Fürsten an ihren oft sehr ge-