Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1870)
- Date
- 1870-07-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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528 „Eine Million," antwortet der Pole. „Eine Million!" ruft Naphtali, „das kann ja Nicht sein, ganz Warschau hat ja nur etwas über zweimalhunderttausend Einwohner!" „Nun," sagt der Pole, „was ist da? Unter den zweimalhunderttausend Einwohnern gibt eS eine Million Juden." Naphtali und Martha, die ältere Tochter, lachen laut auf, und auch Herr Ruhdorf kann sich nur mit Mühe des Lachens erwehren. „Lieber Freund," sagt er zu dem verdutzten Polen, „eine Million, das sind zebnmalbunderttausend; es würden also acktmalhunderttausend Juden mehr in Warschau sem mrssen als überhaupt Menschen, Juden und Christen, dort wohnen." „Das Hobe ich nicht gewußt," sagt der Pole; „ich habe geglaubt, eine Million heiße nichts Anderes als sehr, sehr viel." Da nunmehr die Suppe gegessen wird, verstummt für eine Zeit lang die Unterhaltung. Dann werden die unterbrochenen Gesänge wieder ausgenommen. Doch ehe das Fleisch gegessen wird, redet Frau Ruhdors den Gast wieder an. Sie fürchtet, der junge Fremde sei durch das Lachen der Kinder über seine nai.e Behauptung von vorhin verletzt und fragt ihn liebevoll: „Haben Sie noch Ellern daheim?" „Eine Mutter und vier jüngere Geschwister. Mein Vater hat uns vor vielen Jahren verlassen müssen." Jetzt wird das Fleisch verzehrt, der Stufengesang von der Rückkehr Israels in das heilige Land gesungen und daö Tischgebet gesprochen; die beiden kleinen Mädchen sagen den Eltern gute Nackt, um zu Bette zu g'hen; Naphtali aber holt zwei Bände des Talmuds htrbei; sein Vater will noch mit ihm „lernen"; der Pole bittet um Erlaubniß, „mitlernen" zu dürfen; diese wird ihm gern gewährt. Es ist der Tractat Bezah, den Vater und Sohn zusammen studiren. Dr Pole zeigt sich, w nn auch unbekannt mit der Arithmetik, doch als ein talmudkundiger Mann; n wirft mondje subtil Frage auf und beantwortet die Fragen der Anderen geistvoll und mit Scharfsinn. Bald ist man vom vorliegenden Texte ganz abgekommen; die DiScussion schweift auf alle Gebiete deö Talmuds hinaus. Naphtali hört aufmerksam zu und läßt sich genau Alles erklären, waS ihm unverständlich ist. „Sie haben da einen hoffnungsvollen Sohn," sagt der Fr<mde, da Naphtali auf einen Augenblick hiuausgegangen ist, „werden Sie ihn für die Thora erziehen, werden Cie ihn beim „Lernen" lassen?" „„Ach,"" entgegnete Ruhdorf, „„eS wäre sein und mein Wunsch; allein die Verhältniffe gestatten es mir nicht; ich bn nicht wohlhabend und muß darauf halten, daß mein Sohn mir bald erwerben helfe." „In meiner Heimath," sagte der Pole, „müffen alle Jünglinge „lernen", mögen die Eltern arm oder reich sein." „„Bei Euch geht das,"" erwiderte Rudorf, „„bei uns nicht. Indessen werde ich soviel als möglich mit ihm lernen. Noch besucht er die Schule und seine Mußestunden sind ihm gar knapp zugemeffen."" „Lernt er denn," sagte der Pole, „in der Schule nicht Gemoro?" Ruhdorf lächelte trübe. „„Hier in dieser groen Gemeinde,"" sagte er, „„gibt es keine jüdische Schule, der man mit Ruhe sein Kind anvertrauen dürfte. Mein Naphtali besucht daö Gymnasium; in seinen Mußestunden unterrichte ich ihn in den hebräischen Fächern."" „Und warum, gibt es hier keine jüdische Schule," fragte der Fremde, „in der unsere heilige Thora gelehrt wird?" „„Ach,"" entgegnete Ruhdorf, „„die religiösen Verhältniffe in hiesiger Stadt sind sehr trübe. Unser alter Rabbiner, Gott verlängere seine Jahre, kämpft wie ein Jüngling gegen einen Vorstand, dem unsere heilige Religion, gelinde gesagt, gleichgiltig ist; allein, was nützt unserm Rabbi der Kampf? Wehe, wenn er einmal d e Augen schließen wird. Was wird dann aus unserer Gemeinde werden?"" Als Naphtali wieder hereinkam, fuhr man fort, im Talmud zu studiren. Frau Ruhdorf holte Obst herbei, das man sich munden ließ. So blieb man noch lange beisammen, bis endlich der Pole fort mußte, weil er befürchtete, später seinen Gasthof verschlossen zu finden. Auch Naphtali und seine Eltern suä ten ihre Lagerstätten auf; denn die Lichter waren tief heruntergebrannt. Bald ruhten sie Alle in tiefem, sanftem Schlummer; alle Sorgen waren vergessen. Die Sabbatruhe und das frohe Bewußtsein, mit Gott zu wandeln und Seine heiligen Gebote nach Kräften zu beobachten, beglückten diese Familie, die trotz ihrer ärmlichen Verhältnisse die reichen Nachbarn nicht zu beneiden brauchte. (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. Seite 488, Spalte 2, Zeile 17 von unten muß es statt „die hungrigen Geiste" „die hungrigen Gäste" heißen. Hierzu zwei Beilagen. iveramwortluhrkedacrion: Dr. Lehmann. — vertag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressndruck von I. Gottsleben in Mainz.