Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-07-13 · Heft 28 (13.7.1870) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 28 (13.7.1870)
Date
1870-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447475--08471-2464120
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

527 auf denselben warten muß, da geht er regelmäßig im Garten solange auf und ab und erfreut sich der Blumen, der Parkanlagen, deS Springbrunnens und im Winter der Gewächshäuser. Niemals versäumt er dann in den Bart zu murmeln: „Solch ein Garten, solch ein Garten das ist ein Olam baseh!*) Sein letztes Hemd soll man verkaufen, um ein Kozin**) zu werden! ***) Am Ende des Gartens befindet sich ein Pförtchen, welches fast immer verschlossen ist; dieses führt in eine Nebenstraße, in welcher das bescheidet.e Häuschen Simon Ruhdors's liegt. Treten wir in dasselbe ein. Es ist Freitag Abend. Herr Ruhdorf und sein Sohn Naphtali sind noch in der Synagoge; Frau Ruhdorf, noch nicht lange von einer schweren Krankheit erstanden und noch sehr schwach, hat nichtsdestoweniger das Wohnzimmer sabbatlich geschmückt. Der Tisch ist mit einer schneeweißen Tischdecke gedeckt; in der M'tte desselben befindet sich ein Blumenstrauß, um den im V'ereck vier Lichter gestellt sind; der Lehnstuhl des Hausherrn ist an den Tisch gerückt; vor ihm steht eine Flasche Wein und ein Kelchglas; zwei Weißbrode liegen auf dem Teller, mit einem sammtenen. goldgestickten, aber schon etwas verblichenen Deckchen bedeckt. Frau Ruhdorf und ihre zwei kleinen Töchter haben eben aufaehört zu beten und das Geber buch geschlossen. Da öffnet sich die Thüre und Herr Ruhdorf, sein Sohn und ein armer Pole, den Herr Ruhdorf aus der Synagoge mitgebracht, treten herein. „Gut Sabbat, gut Sabbat!" tönt es hin und wieder. Die zwei kleinen Mädchen laufen ihrem Vater entgegen, neigen das Hanpt und bitten um seinen Segen; dieser legt die Hände erst auf das Haupt der älteren Tochter und spricht: „Möge Gott dich machen wie Sarah, Ribkah, Rachel und Leah!" Dann küßt ihm das Töchterchen die Hand; der Vater aber ziebt es zu sich empor und küßt es innig. Ebenso geschieht es dann mit dem jüngeren Mädchen, während Naphtali sich von der Mutter segnen läßt. Auch diese legt die Hände auf sein Haupt; doch während sie spricht: „Gott möge dich machen wie Ephraim und Menascheh," entstürzen Thränen ihren Augen, die ihr der Sohn stürmisch sortküßt. „Leah," ruft Ruhdorf, „weine nicht; es ist heute Sabbat!" „„Ach, Simon,"" entgegnet die Angeredete, „„es sind Freudenthräuen; es ist ja beute seit zwei Monaten das erste Mal, daß ich außer dem Bette bin, da ich mein Kind bensche!"" ****) *) Wörtlich „diese Welt," d. h. ein großer, irdischer Genuß. **) Ein Reicher. ***) D. h. man soll Alles daran wagen, um viel zu gewinnen. ****) Benschen ist soviel wie „segnen." ES ist ein aus „Ja," sagt Ruhdorf, „wir können Gott nicht genug danken, daß wir da halten. Für alles Andere wird der gute Gott auch sorgen." Unter „allem Andern" verstand er seine ärmli Yen Verhältnisse und die abschlägige Bescheidung seines Gesuchs. Und rasch das schmerzliche Gefühl überwindend, begann er den Sabbatgruß zu singen, der nach der Lehre der Weisen den Engeln entgegengerusen wird, die den Juden in seine Sabbatrvoh >ung begleiten: Friede Euch, Ihr Engel des Friedend rc. Jubelnd stimmte Naphtali mit ein, während die beiden kleinen Mädchen, die eine die rechte, die andere die linke Hand des Vaters fassen, seinen Gang durch das Zimmer begleiten und tapfer mitsingen. Dann wurde das Lob des biedern Weibes gesungen, das der Weiseste der Könige, das König Salomo so hoch preist. Darauf geht man zu Tische. Der Hausherr füllt sein Glas und spricht die Heiligung des Sabbats aus, dieses erhobene Zeugniß, das Israel allsabbatlich für seinen Glauben an Gott, den Schöpfer des Weltalls, ablegt. Dann wäscht man sich die Hände, der Hausherr bricht das Brod, theilt einem Jeden ein Stück zu, und die Mahlzeit beginnt. Zuerst werden Fiche gegessen, Karpfen mit saurer Sauce, die Heine so hochpreist und die nur in jüdischen Häusern so vorzüglich bereitet werden. Nachdem man den ersten Hunger gestillt, holen die Kinder ihre Gebetbücher herbei, und der Hausherr beginnt mit lauter, wohlklingender Stimme einen Theil der Semiroth, der Lieder, zu singen, die eigens für die Mahlzeit der Winter-Freitag-Abende sind gedichtet worden; in ihnen wird Gott, der Herr gepriesen, der Seinem Volke den Sabbat verli'hen hat; es wird Entzücken verkündet, wie Israel den Sibbat feiert und wie selbst der Aermere, vom reinsten Gottvertrauen beseelt, an diesem Tage sich wohlthut, alle Sorge von sich abstreifend. Nachdem auch das geschehen, wäscht man sich die Hände, und die Suppe wird aufgetragen Während die Hausfrau die Teller füllt, fragt Herr Ruhdorf den fremden Polen, der bisher schüchtern und still am Tische gesessen: „Woher sind Sie, mein Freund?" „Aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Warschau," antwortet dieser. „Warschau ist wohl eine große Stadt?" fragt die kleine, sechsjährige Adelheid. „Ja," sagt der dreizehnjährige Naphtali, „und es wohnen sehr viele Glaubensgenossen dort. Wie viel Juden wohnen wohl in Warschau?" dem Lateinischen (bemedicere) stammendes Wort und in der jüdischen Umgangssprache sehr gebräuchlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.