Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1870)
- Date
- 1870-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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524 mit der ihr nunmehr auch gewordenen Berechtigung, ihre Schüler bis zur Reife und Prüfung zum einjährigen freiwilligen Militärdienst vorzubereiten, gemacht. Der Direktor selbst ist aber nicht dabei entscheidend, sondern ein landesherrlicher Commissär prüft die zu entlassenden Schüler. So dankbar dieß auch anzuerkennen ist, so wäre für diese Anstalt dock noch wünschenöwerther, wenn auch der Geist des echten Iudenthums wieder in dieselbe eindringen möchte. In keiner jüd. Anstalt ist gegen denselben zum Nachtheile der Zöglinge so ge sündigt worden wie hier. Zwei meiner Kinder wären mir beinahe durch den irreligiösen Einfluß dieser Anstalt unserer heiligen Rligion ganz entfremdet worden, wenn ich nicht rechtzeitig durch einen anderen Vater eines dortigen Zög'ingS auf das über alle Begriffe hinausgehende destruc'ive Streben des jetzigen Direktors dieser Anstalt aufmerksam gemacht worden wäre. Die evangel. Mission oder anderseits die freien Gemeinden chaben nirgends eine bessere Pflanzstätte als hier; denn dieser Dirigent arbeitet diesen beiden Richtungen sehr in die Hände. Viel heilsamer und die Religiösttät fördernder wäre es, wenn der betreffende Direktor ganz rmo^ pna stände, als daß durch denselben die Zöglinge der ganzen religiösen Praxis schon im zartesten Alter entwöhnt werden. Noch weiß ich der Zeit zu gedenken, wo man in den nahe gelegenen Gemeinden: Hildesbeim, Hannover, Braunschweig, Cassel, Hamburg, Magdeburg mit großem Stolz auf die Z'ele der Jakobsohnschule blickte, aber jetzt finden Sie "aus diesen Gemeinden fast keinen einzigen^Pensionär oder Zögling darin. Wenn der sel. Stifter jetzt eii en Einblick in sein Stift thun könnte, würde er sich fragen o’U istan. Möge die Anstalt als neue Realschule auch wieder eine echte alte Iakobsohnschule werden. Israelsohn. Hamburg. Auch heute kann ich Ihren Lesern keine Vorkommnisse aus unserm Gemeindeleben verführen; es ist der „jüdisch-theologische Verein" oder vielmehr ein Referat über denselben in der „Israel. Wochenschrift" (Nr. 19), welches mir die Feder in die Hand zwingt, rummn ins war ich versucht beim Anblick des betreffenden Leitartikels auszurufen, fragte mich aber noch zur rechten Zeit, ob ich auch keine nma machen würde, da man bekanntlich nur das vergessen kann, was man einmal gewußt hat und ich muß zu meiner Schande bekennen, daß mir bisher von dem Wirken des genannten Vereins sehr wenig b kannt war. Seine Constituirung im Jahre 1868 ist mir noch erinnerlich, ebenso der Bericht über die erste Zusammenkunft der Mitglieder im vorigen Jahre und die dabei gehaltenen Reden. Auch das ist mir noch im Gedächtniß, wie man zum Erstaunen und Ergötzen der harrenden Welt, die mit gespannter Erwartung auf den neuen Verein sah, in der ersten „constituirenden Versammlung" über Programm und anzustrebendes Ziel noch keine klare Anschauung hatte. Seitdem ist mir der Verein, trotzdem ich mich fleißig in der wissenschaftlichen Welt umsehe, gänzlich aus den Augen gekommen und der „Israel. Wochenschrift" gebührt das Verdienst, ihn — wenigstens für mich — wieder aus dem Strome der Vergessenheit gezogen zu haben. Mit ziemlicher Spannung überlas ich das Referat und die Gedanken, welche mich dabei bewegten, möchte ich Ihren Lesern in Kürze mittheil.n, überz-ugt davon, dieselben mit Vielen zu theilen und so im Namen Vieler zu reden. Der Verfasser dürfte seinen Zweck, die Lüge „endlich" vor der Wahrheit verstummen zu machen, wohl erreicht haben, freilich in etwas anderer Weise, als er beabsich igtc. Die Dämmerung ist zum klaren Lichte geworden. Was man bisher „von mancher Seite" dem Verein unterschob und nur schüchtern zu äußern wagte, eö ist nunmehr officiell bestätigt worden. „Was er (der Verein) anstreben wollte? . . . Pflege der jüd. Wissenschaft, Fortbau der jüd. Theologie auf wissenschaftlichem Boden. Erhaltung des Iudenthums." Fürwahr, ein großes, erhabenes Ziel! Honni soit, qui mal y pense. Dennoch kann ich mich einer bescheidenen Doppetfrage nicht erwehren. Wie hat sich nur das Judenthum so viele Jahrtausende hindurch unter Druck und Verfolgung erhalten können ohne den kräftigen Schutz des jüd. - theolog. Vereines? Oder sind die Mitglieder des Vereines wirklich so kühn zu glauben, das Iudentbum würde in Zukunft ohne ihre Mithilfe dem Untergang entgegen gehen? Doch was frage ich! „Das Iadenthum wurzelt in seiner Wissenschaft. Die Wissenschaft ist Grundbedingung der Dauer und des Bestehens des Iudenthums." Und diese Wissenschaft will eben der Verein fördern. Wohl! welche Wissenschaft denn? Etwa Güdemann'sche Bibelkritik, nach welcher man mit bewunderungswürdiger Nonchalance die biblischen Schriften gleich Hiftorienbücher secirt und darin Tendenzschriften wittert und Flugblätter heraustüfteit? Diese Art der Wissenschaft hat wahrlich nicht „in den finstern Tagen der Verfolgung und Ausstoßung Kraft zum Widerstand und zur Ausdauer gegeben." Sie ist auch heute noch ganz dazu angethan, jeden Nimbus von den biblischen Büchern abzustreifen und sie zu Geschichtskompendien herabzuwürdigen, deren Inhalt man glauben kann oder auch nicht, je nachdem das „wissenschaftliche Gefühl" des Einzelnen sich dazu verhalt Auch ich rühme mich, ein echter Jünger der Wissenschaft zu sein, auch ich bin an ihren Brüsten großgezogen, auch ich erkenne ihr den gebührenden Antheil zu in der Entwicklung der Menschen. Deßhalb war ich aber doch bisher so unschuldsvoll zu glauben und werde mir auch für die Zukunft trotz > der mir vorliegenden salbungsvollen Auseinandersetzung