Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1870)
- Date
- 1870-07-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Kritik einer Kritik. Bon Dr. JacobCohn in Hannorer. Hab ent sua fata libelli! Den Büchern geht wie den Menschen; bei dem Einen erregen sie Gefallen, bei dem Andern rufen sie Tadel hervor. Einen Autor, der im Dienste der Wissenschaft und Wahrheit arbeitet, kann eine tadelnde Beurtheilung nicht, unangenehm berühren, wofern sie aus mehr oder minder tiefem Studium hervorgegangen geeignet ist, ihn von der Unrichtigkeit seiner für wahr gehaltenen Ansichten zu überzeugen. So wäre auch mir nach verschiedenen günstigen Recensionen meiner Abhandlung „Ehrenrettung des R. Jonathan Eibeschütz" in der jüdischen Presse eine ei »gehende Würdigung ihres Inhaltes sehr lieb gewesen, auch wenn diese für mich ein ungünstiges Resultat ergeben hätte. Fordert ja doch jeder Autor die wissenschaftliche Welt in die Schranken! — Zu den größten Erfindungen, auf die in der neuesten Zeit der menschliche Verstand verfallen, gehört unstreitig die Kunst, Schriften zu beurtheilen, ohne sie gelesen zü haben. In Nr. 25 der „Israel. Wochenschrift" befindet sich über die „Blätter", in denen meine Abhandlung enthalten ist, ein Literaturbericht, besten Schreiber, wie er sich den Anschein gibt, nach einer .genauen Vergleichung der Grätz'schen Beurtheilung Eibeschütz's und meiner kritischen Beleuchtung derselben sich veranlaßt fühlet für 'Dr. Grätz eine Lanze zu brechen. Der Herr Recensent wird mir einige Worte der Entgegnung verftatten, zumal er mir dieselbe sehr leicht gemacht. Bor Allem das Geständniß, daß ich mich erst nach langem Besinnen zur Erwiederung entschloß, da es mir widerstrebt auf die Auslastungen eines anonymen Kritikers des Weiteren eknzugehen. Es ist -recht bequem aus wohlverdecktem Hinterhalte (die Unterschrift Z. ändert daran nichts) gegen eine Schrift loszuziehen, und die Scheu fein Urtheil vor der Oeffentlichkeit zu vertreten, läßt immerhin die eigene Ueber- ^eugung von der Richtigkeit des Gesagten als zweifelhaft erscheinen. Indessen will ich mir um der Sache willen nicht den Anschein geben, als ob ich diese Widerlegung (?) in meiner Meinung irgendwie schwankend geworden wäre. Der Herr Recensent — er möge mir das nicht übel nehmen — hat den Zweck und Sinn meiner Schrift gar nicht verstanden, auch nicht verstehen können, indem er daS Vorwort nicht einmal gelesen zu haben scheint. Sonst könnte er mir nicht entgegenhallen, daß meine „Beweisführung" häufig mißlungen fei, daß ich Eibefchntz „Alles glaube." Ich habe zur richtigen Würdigung meines angestrebten Zieles und, wie ich^nun ru meiner Freude sehe, 'in tu»11ger"'Voraussicht" derartiger Mecensionen in dem Vorwort ausdrücklich getagt, daß ich mich auf den Standpunkt des Vertheidigerstelle^ „der nicht zu beweisen, sondern vorgebrachte Beharq,- tungen zu entkräften und zu widerlegen hat," imb daß es mir nicht gelungen, die ausschließlich aus einseitigen parteiischen Quellen geschöpften Referate Grätz'S durch Herbeibringung andrer Quellen, die ganz denselben Anspruch auf Authemicität haben, zu entkräften und zu widerlegen, dafür weiß Recensent auch nicht «in Wort anzuführen. Den Streit mit voller Bestimmtheit zu entscheiden, war mir gar glicht eingefallen. weshalb ich auch für das Compliment deSRecensentea meinen „Prozeß contra Grätz" als eine „Fortsetzung des alten Emden contra Eibesbütz" zu bezeichnen bestens danken muß. Recensent gibt rmr ungefragt freundliche Rathschläge (höchst paffend i» einem Literaturberichti), glaubt mir einen tüchtige» Hieb zu versetzen durch den Borwurf, auch ich habe Eibesch, „entschieden bloßgeft.llt" und ziehe die gegnerischen Rabbinen „in den Schmutz hinein," er bemüht sich — freilich vergeblich — darzulegen. daß Eibeschütz's Charakter in der Thrt nicht ohne Makel gewesen, auf den Kern der Sache aber, auf den das Meiste ankommt, auf die gänzlich uuerwiesene Auschuldiguug Grätz's, Eibesch. habe dem SabbatianiSmu« gehuldigt, geht er nicht ein; mit einem Worte, ec hält sich an einzelne« Kleinigkeiten, läßt aber die Hauptsachen wohlweislich aus dem Spiele. Ist denn etm» das Urtheil Grätz's über Eibeschütz's Leben denn $erechtfertigt, wenn dieser wirklich menschliche Schwächer besaß? DaS will Recensent doch wohl nickt glaube» machen. Sehen wir denn, was wahres an seinen Worten ist. ]nnx imx pswn iy yipw Grätz gehört nach dem Recensenten zu denjenigen. Historikern, „die nach gewissenhafter Quellenforschung sich vielleicht auch vornehmen sine ira et Studio schreiben; aber von sittlichem Elser erfaßt, werden sie häufig gleich jenem großen Römer ihrem WahlsprnG untreu und tauchen für die Schilderung von Persönlichkeiten, die vor ihrem Urtheile nicht bestehen konnten, ihre Feder in dunklere Tinten." Omae simile claudicas und so sinkt auch dieser Vergleich, den si<G „jener große Römer" wohl schönstens verbeten habe» würde. Bei einem Historiker, der wie TacituS, ei» compendienartigeS GefchichtSwerk schrieb, der fich keine Zeit zum Hin- und Herreden nahm, der sich nichts lang und breit über ein Thema ausdehnte, konnte wohl manche Harte im Ausdruck mit unterlaufen, und manche Charakteristik erscheint uns der prägnanten Kürze Wege» liebloser, als sie der Autor geben wollte. Diewiffenschaftliche Welt hat auch keinen Anstand genommen TacituS' Referate, wo sie sich als cum ira et studio geschrieben erweisen, als unwahr zu bezeichnen. Gr. hingegen füllt mit der Geschichte Eibeschütz's einige 40 Seiten an, die schlechterdings f xft nichts enthalten, als einen breit getretenen hie und da durch eigene