Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1870)
- Date
- 1870-07-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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$08 folguugen Mnb Leiden, die ihnen in so reichem Maaße geworden, als ein hivnnli cheS Strafgericht und ihre Verfolger als Boten des Himmels. „Sir werden jedoch nicht leugnpn können," erwiederte Wolfsohn, „daß unfern Voreltern viele Untugenden anhafteten, die wir glücklicher Weise abgepreift haben, daß ihr Gesichtskreis ein beschränkter, »orurtheilSvoller war." „Dagegen," sagte MarcuS eifrig-, „besitzen wir leider die erhabenen Tugenden unserer Väter nicht mehr, ihre rührende Gottinnigkeit, ihr reines, heiliges Familienleben!" Wolssohn wollte antworten; da traf ihn ein vorwurfsvoller Blick seiner Gattin , und er schwieg beschämt. Zum Glücke ging gerade jetzt der Vorhang wieder in die Hohe und zeigte den t linden Belisar, den seine Tochter führte. ES folgten dann noch einige heitere Bilder, welche die hervorgetretene Mißstimmung wieder beseitigten. Die Darsteller ernteten großes Lob; man begab sich dann in den großen Salon zum Tanze. In einer Fensternische standen der Baron Kronenfels und der Schriftsteller Bruno Bürger in eifriger Unterhaltung, als während einer Tanzpause Erfrischungen umhergereicht worden. „ Nun, mein li'ber Bürger," fragte der Baron, „wie amüsiren Sie Sich." „Ein deutscher Mann kann keine Juden leiden," gab dieser, Göthe parodirend, zur Antwort, „doch ihre Weine trinkt er gern." „Haba," entgegnete der Baron, „mir gebt es auch so; doch ein solches Souper, ein so ausgezeichnetes Programm, eine so vorzügliche Musik lassen wich mit Vergnügen das Opfer bringen, in jüdischer Gesellschaft zu verkehren. Uebrigens werden wir auch noch christlichen Gesang haben. Signora Gracia wird das „Ltabat mater“ singen." „ Nach Knoblauch riecht die Gudelfing," sagte der Schriftsteller loche, d, mit Htiue'S Werren. „Wie meinen Sie das?" fragte der Baron. „Diese christliche Sängerin," antwortete der Dichter, „diese stolze Italienerin, diese Signora Gracia Pinaca hei> t ursprünglich Greßchen Pincus und ist die Tochter des würdigen Levi PincuS, des ehemaligen Vorsängers in der Synagoge zu Strzelno im Herzogthume Posen." „„Was Sie sagen? Sie wissen doch Alles! Und dieser Armand Jsierlon?-" „Hieß früher Ahron JsserleS Und diese Juden, Herr Baron, besitzen so wenig Ehrgefühl, daß sie ihr eigenes Volk verspotten. „„Es ist lächerlich, lächerlich im höchsten Grade."" Beide schwiegen »plötzlich, ^altz jetzt Wolfsohn zu ihnen trat. „Nuri^rneine Herren," sagte der Hastsherr, „darf ich mir schmeicheln, Ihnen einen angenehmen Abend bereitet zu haben?" „Gewiß," antwortete der Baron, „ich habe lange keiner Abendgesellschaft be'gewehnt, die so viel deS Schönen und Angenehmen in so reicher Abwechselung geboten Härte." „„Und Sie, Herr Bürger?"" „Ich stimme," antwort te dieser, „ganz dem Urtheile des Herrn Baron bei; Ihr moussircnder Rheinwein, Herr Wolfsohn, ist das Köstlichste, was ich je getrunken habe." „„Ich werde mir erlauben"", sagte Wolfsohu verbindlich, „„Ihnen ein Tutz.ud Flaschen davon in Ihre Wohnung zu senden; es soll mich freuen, einem so geistvollen Schriftsteller, der in seiner gediegenen Zeitschrift die localen Nachrichten mit so viel P>quanterie und Frische darzustellen versteht, eine kleine Erquickung zu bereiten."" „Haha," lachte Bürger, „Sie Schlauko'.'s; ich verstehe die Jdeenassociation. Nun, Sie sollen mit mir zuftieden sein." In der nächsten Nummer des „Fortschritt" erschien eine ausführliche Beschreibung der Abendunterhaltung im Wolfsobn'schen Hause. ES fehlte nicht darin an kleinen Seilenhieben auf die beschränkten Ansichten des Commerzienraths Glogau und des vr. Marcus. Dagegen wurde der freie, vorurtheilSlose Standpunkt des Gastgebers in den Himmel gehoben. „Herr Wolfsohn," schloß der Artikel, „arbeitet in nachahmungSwertber Weise für die sociale Emancipation seiner Stammesgenossen, für den echten, rechten, wahrhaften Fortschritt." In der israelitischen Gemeinde hatte unterdeß eine große Mißstimmung gegen Herrn Wolfsohn Platz gegriffen, als sein unverantwortliches Verehren gegen Ruhdorf bikannt geworden. Schon hatte man daran gedacht, ernstliche Schritte zu Gunsten des in so ungerechter Weise Zurückgesetzten zu thun. AlS aber dieser Artikel im „Fortschritt" erschien, da unterblieb alles Derartige; ein Jeder fürchtete sich, der Rückschrittspartei zugezählt zu werden. (Fortsetzung folgt.) Wir werden soeben beim Schluffe deS Blattes telegraph. benachrichtigt, daß unser Glaubensgenosse, Herr Eduard Hör», zumReichstagSdeputirten von Preßburg gewählt wurde. Hierzu zwei Beilage«. it>erüm».orv»q»e Redaktion: Ln. Lehmann. — L.riag der Le Aoux'jchen Hosbuchhandtung. — Dampf.tzchneLpresjndrrnk von I. Gottsleben in Mainz.