Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1870)
- Date
- 1870-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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507 8? t tt i t v «. KLe« und Krnlen. m. Fortschritt. Als die Gäste sich gesättigt hatte« und die Dafel aufgehoben wurde, begab man sich in den mittleren Salon, wo die lebenden Bilder dargesteflt werden sollten. Bald wurde der Vorhang hinweggezogen, und man sah eine Gruppe aus den» „Kaufmann von Venedig." Im Vordergründe stand Lorenzo, der die hübsche Jüdin Jessica entführte; im selben Augenblicke war der Vater der Entführten, Shylock, nach Hause zurückgekehrt, fand seine Tochter nicht mehr und mit ihr waren seine Ducaten und Diamanten verschwunden. Herr Armand Jsterlon stellte den Juden dar. Sein reiches, orientalisches Ko'tüm trug noch dazu beidie Lebhaftigkeit seiner Gestchtszüge, auf denen sich Schmerz und Entsetzen malten, zu erhöhen, tfian vermeinte die Worte des Dichters zu hören: Mein' Tochter — mein' Dukaten — o mein' Tochter Recht und Gericht! mein' Tochter — mein' Dukaten! Ein Sack, zwei Säcke, beide jimefieaelt, Voll von Dukaten, doppelten Dükateü, Gestohlen von meinet Tochter, und Juwelen, Zwei Stein' — zwei reich' und köstliche Gestein, Geftoht'n von meiner Tochter! O Gerichte, einv't. Mir das Mädchen! — Sie hat die Steine bei sich nd die Dukaten." Ringsum standen Diener und Volk, die den unglücklichen Vater voller Schadenfreude verhöhnten. Das Bild fand großen Beifall und wurde enthusiastisch beklatscht. Als der Vorhang niederfiel, damit man ein anderes Bild vorbereite, sagte der Commerzienrath Glvgau: „Aber, lieber Wolfsohn , ich finde es doch ein wenig sonderbar, daß man in einem „jüdischen Hause" — er betonte das Wort „jüdisch" sehr stark — gerade solche Scenen zur Darstellung bringt. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß mir Shakespeare zehnmal lieber wäre, wenn er den „Kaufmann von Venedig" nicht geschrieben hätte." „Ich muß mich," entgegnete Wolfsohn, „über den beschränkten Gesichtskreis wundern, der Sie, Herr Commerzienrath, gef'ngen hält. Gerade dadurch, daß' wir selbst die Schwächen unserer Voreltern geißeln, bezeugen wir, daß wir mit der Vergangenheit ganz gebrochen haben; wir haben mit jenen Juden, die Shakespeare so meisterhaft schilderte, nichts mehr gemein. Wie sagt doch Shylock: Ich will' mit euch handeln und wandeln, mit euch stehen und gehen, und was dergleichen mehr ist; aber ich will nicht mit euch essen, mit euch trinken, noch mit euch beten." Nun, Herr Commerzienrath, Sie und ich und alle unsere ttUftzMärkeft GlaubdnSgtNdffen esse« und trinken, mt§ wttui es sein MUß, brtkn auch mit unser« christlicheU Mitbürgern! Nein, Mein liebet Commerzienrath, wir werden erst bann vdÜ eMancipirt sein, wenn wir die Empfindlichkeit, die UtlS in Bezug auf Alle-, was Juden und Judenthum bttrifft, noch in so hohem Grade änhaftet, abgelegt haben. Gerade um zu zeigen, daß wir die Schwächen unserer Vorfahren nicht mehr besitze«, habt ich dies«! Scenen zur Darstellung bringen lasten." „ Charmant, charmant," rief der Präsident voU Lüning, „das ist ein vortrefflicher Gedanke, Herr Wolfsohn! Die Idee ist neu Und gefällt mir ausnehmend gut. Beim Nächsten HofbäÜe wetde ich Gelegenheit yebmen, Seiner Majestät, dem Könige davon zu erzählen. Männer, wie Sie, müssen besonders ausgezeichnet werben." Ein dankbarer, vielverhAßender Blick aus dm Augen des reichen Hausherrn traf den von dieser neuen Idee entzückten Präsidenten. Der Vorhang würde wieder emporgezogen. Man stellte diesmal die Gerichtsstene audemselben Shakespeare'schen Drama dar. D's edle Gesicht Antonio'S, die feine Haltung Bassiano'S, des Dogen, Porcia'S und der andern Christen contrastirte gar sehr mit der deS überrumpelten, g°prellten Juden, dessen teuflischer Anschlag durch Porcias geistvollen Einfäll zu Schande gemacht worden war; auch dieses Bild fand reichlichen Beifall. A s der Vorhang wieder niederfiel, sagte Dir. Marcus, ein junger, jüdischer Rechts'.elehrter: „Ich finde doch auch, Herr Wolfsohn, daß die Selbstironie, die Sie durch die Darstellung dieser Bilder in Scene setzdn, ein wenig zu weit geht, zumal der ganze Vorgang, den Shakespeare dramütislrt hat, eine historische Verdrehung ist." „Wie meinen Sie das, Herr D.ctor?" fragte der General von Schwertglanz. „Diese ganze Geschichte," entgegnete derAdvocal/ „hat sich in umgekehrter Weie ereignet. Der Herleiher deS Geldes war ein Christ in Rom und der Aussteller des Scheines ein dortiger Jude^ Der Richter, der den weisen UrtheilSipruch fällte, war der den Juden wohlgesinnte Pabst Sixtus Y. M t der Dramatisirung dieses Hergangs hatte Shakespeare wenig Beifall gefunden, und so drehte er daö Blatt um. UebrigenS sind die Juden in diesem Drama höchst unwahr gezeichnet. Shakespeare kannte die Juden nicht aus eigener Anschauung, denn in England durften zu seiner Zeit keine wohnen, und der große Dichter hat bekanntlich sein Heimathland nie' verlassen. Solche Inden wie Shylock und Jessica hat es nie gegeben. Nie . hat der Jude die Christen, gehaßt-, niemals Rache an ihnen genommen oder nehmen wollen. Unsere Voreltern betrachteten die Ver-