Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1870)
- Date
- 1870-06-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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488 Tafel, bei welchem bei den Wolfsohn'schen Festen der Trinkspruch für den König gesprochen wurde. Derselbe stand immer im Privatcabinet WolfsohnS und wurde von diesem wie ein Heiligthum bewahrt; denn der reiche Banquier trug stets einen großen Patriotismus zur Schau, da es ihm nach Titel utib Orden gelüstete und eine Erhebung in den Adelstand das höchste Ziel seiner Wünsche war. Auguste eilte sofort nach der gemachten Wahrnehmung in daS Cabinet ihres Galten, um sich den Becher geben zu lassen. Herr Wolfsohn war ausgegangen, aber der Schlüssel steckte in dem SecretLr, in welchem er den Becher auszubewahren pflegte. Als Auguste diesen herausnahm, bemerkte sie ein sehr elegantes Etui, das in dem SecretLr lag. Sie öffnete es und ein bewunderndes „Ach)" entfuhr ihren Lippen. Sir hätte kein Weib sein müssen, um nicht den Inhalt des Etuis, ein köstliches, mit Diamanten reich besetztes Armband, mit liebevollen Blicken zu betrachten. „Der gute Wolfsohn," flüsterte sie, „das soll gewiß eine Überraschung zu meinem in die nächste Woche fallenden Geburtstage abgeben! Welche eine Pracht, welch' ein Geschmack! Wie gut er doch ist!" So sprach Auguste, und ihre Stirne erheiterte sich; sie sah jetzt Alles in viel schönerem Lichte denn zuvor und machte sich Vorwürfe, daß sie sich nicht glücklich fühle. Eilig verschloß sie den Schrank, eilte ni den Speisesalon, und stellte den Becher auf. die Tafel neben das Couvert des Hausherrn. Allmählich wurde es Abend; eine glänzende Equipage noch der andern fuhr vor dem Wolfsohnschen Hause vor und lieferte die eingeladenen Gäste, elegant gekleidete Damen und Herren dort ab. Am geräumigen Empfangszimmer waren Herr Wolfsohn und Gemahlin die liebenswürdigsten Wirthe; zwanglos standen die Gruppen umher und unterhielten sich; die Gäste waren zahlreich erschienen, nur die berühmte Sängerin, Signora Gracia Pinaca, fehlte noch; da wurden die Flügelthüren geöffnet, und die Gefeierte rausctte herein. Frau Wolfsohn eilte ihr entgegen, um sie zu bewillkommnen; huldreich reichte die Königin des Gesanges der aufmerksamen. Wirthin die behandschuhte Hand; da ward eö Auguste'n dunkel vor den Augen. Hatte sie recht gesehen? prangte nicht an dem Arme der Sängerin dasselbe Armband, das sie heute im Privatcabinette ihres Gatten bewundert hatte? Doch es konnte e>n ähnliches sein; einen Vorwand vorschützend, eilte Frau Wolffohn hinaus, suchte das Zimmer ihre- Mannes auf, öffnete den wohlbekannten Schrank, in welchem der Schlüssel noch steckte — aber das Etui und fein Inhalt waren verschwunden. Jetzt war eS ihr zur Gewißheit geworden: ihr Mann hatte einer Sängerin ein kostbares Geschenk, vielleicht im Werthe von 1000 Thalern, gemacht; ihr Herz durchzog eS kramphaft, und ohnmächtig sank sie nieder. Alle Vorbereitungen zum Souper waren getroffen, alle geladenen Gäste waren da, aber vergebens harrte man der Aufforderung, sich in den Speisesaal zu geben; die HauSsrau war nicht anwesend. Eine Schaar Diener und Dienerinnen ging aus, sie zu suchen, ohne sie zu finden. Wolfsohn fing an, zornig zu werden; er trat in den Speisesaal und überschaute die Tafel; da fiel sein Blick auf den großen, silbernen Pokal; wie ein Blitz durchfuhr ihn der Gedanke: Deine Frau hat ihn aus deinem Zimmer geholt, hat daS Etui in deinem Schranke und nunmehr das Armband am Arme der Signora Grac>a gesehen; er eilte in sein Cabinet und fand seine Frau, die unterdessen wieder zu sich gekommen war. m Thränen anfge'öst. Als er sich ihr nähern wollte, schrie sie laut auf: „Geh binweg, Du schlechter, falscher, ungetreuer Mann? Noch heute verlasse ich Dein Haus; da magst Du diese Sängerin zu dir nehmen. " Wolfsohn war wie umgewandelt; dcr stolze harte Mann war gedemütbigt; das Gefühl seiner Schuld hatte ihn ganz klein gemacht; er bat und beschwor seine Frau, ihm zu verzeihen, ihm doch keine Scene, ihn nicht zum Stadtgespräche zu machen. Auguste gab endlich nach; sie wusch ihr Gesicht, brachte ihre derangirte Toilette wieder in Ordnung und versprach, ihrem Manne in den Speisesalon zu folgen, er solle nur unterdessen die Tafel eröffnen. Wolfsohn eilte zurück, entschuldigte seine Frau, die in Folge der Arrangements von einem plötzlichen Unwohlsein befallen, sich aber schon erholt und bald wieder erscheinen würde, und die hungr gen Geiste eilten den Freuden der Tafel zu. Nicht lange nachher erschien auch Auguste bei Tisch, noch etwas blaß, aber doch ruhig und freundlich. Das war ein exquisites Abendessen! Was nur gut und theuer war, hatten alle Länder und Erdtheile dazu geliefert: Trauben aus Spanien, junge Gemüse aus Algier, Trüffeln aus Frankreich, Vogelnester aus Ostindien, Gänseleberpasteten aus Brüssel, die besten Seestsä e aus Amsterdam, Lerchen aus Leipzig, feine Weine vom Rhein, aus Italien und Ungarn, Austern aus Norwegen, und die Gäste ließen eS sich wohlschmecken, und der Champagner floß in Strömen. Der Hausherr suchte durch ausgelassene Lustigkeit sein inneres Unbehagen zu verbergen, und die Hausfrau saß ruhig und nachdenklich da, sich mit Mühe beherrschend. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Stedaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-S chnrllpressndnrck von I. Gottileben in Mainz.