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Der Israelit · 1870-06-29 · Heft 26 (29.6.1870) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 26 (29.6.1870)
Date
1870-06-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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485 Macht dagegen sträubte, des langen Weigernmüde, sich endlich doch genöthigt sah, auch hierin ihm wivfähig sich zu zeigen. Denn im andern Falle wurde ihm von seinem Beglücker gedroht, ihn von jetzt an aller Unterstützung bis auf drei Silbergroschen täglich zu berauben. Er schrieb, aber der Brief wurde von Thränen so durchnäßt, daß er ihn selbst bald in Stücke zerriß, und am anderen Tage fand man den beglückten, seelenerleuchteten Convertiten, mit seinen G^betriemen um den Leib gebunden, in seiner Wohnung erhenkt. Dieses tragische Ereigniß hat hier, sowohl unter Juden als Christen, eine große Sensation und gegen den Missionsprediger eine solche Entrüstung erregt, daß er von der Presse des größten Unrechts bezüchtigt worden ist. Dieser leidige Fall hat und die Lehre gegeben, daß, so betrübend auch die Erscheinung in unserem erleuchteten Jahrhundert ist, eine solche elende Seelenjagd auf arme, verlassene Personen zu machen, um sie ihrem ererbtenihnen heilig und theuer gewordenen Glauben abtrünnig und zuletzt zu Selbstmördern zu machen, es doch nicht so geheuer in dem Seelenzustande so manches Glaubenswechslers trotz seiner gebesserten Lage und Stellung sein muß, wie der Augenschein eS uns vorspiegelt. Schließlich möchten wir der Missionsge^ sellschaft doch den wohlgemeinten Rath ertheilen, daü, da sie unter Israeliten bei ihrem so kostspieligen Geschäfte so wenig Propaganda macht, sie doch lieber ihre ungetheilte Aufmerksamkeit und Thätigkeit auf ihre eigenen Glaubensgenossen richten möge, um diese, won denen einen großer Theil. wenn auch nicht öffentlich, doch aber innerlich sich faktisch losgesagt hat von den eigentlichen Tendenzen ihres Glaubensbekenntnisses, zu wahrhaften Gläubigen umzuschaffen, anstatt noch länger ihre Kräfte auf einem Felde zu vergeuden, wo ihr so wenig heilbringende Früchte gedeihen. Und selbst bei dem besten Erfolge, bleibt doch ihr Handwerk immerhin ein höchst elendes, das wie die Gespenster der Nacht nur im Dunkeln umherschleicht, und nur im Dunkeln zu fischen sucht. Es wäre endlich Zeit und unserem erleuchteten Jahrhundert angemessen, wenn dieser Schleichhandel und diese unwürdige Seelenkuppelei zur Ehre der Menschheit, die heut zu Tage reineren und edleren Principien als in den Zeiten des fanatischen Mittelalters huldigt, aufhören würde; es würde dann auch wahrlich viel Elend und Unheil zu Grabe getragen! ä. Aus NordderrtfHland, (Reiseskizze I.)*) ^ie wissen, wie mir das Reisen keine Last sondern vielmehr ein Bedürfniß ist. Ich sehe gern alle meine Brüder in den verschiedenen Welttheilen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit erwacht in mir lebhafter, und ich fühle eben gerade auf der Reise oft, an welchem gemeinsamen Uebel «kr alle leiden. Glaube« Sie mir, daß es ein erhebende- Gefühl für mich ist, allüberall, wohin ich komme, in jüdischen Kreisen den „Israelit" zu finden und auch darin ein Einigungsband zu erblicken, namentlich weil der „Israelit" sich nicht scheut, seinen Lesern allüberall die Wahrheit zu sagen. In Hamburg fand ich Ihre Zeitung an vielen Stellen, ich vermißte sie aber offen gesagt, auch an vielen, an denen ich sie erwartete und hörte als ErklärungSgrund, der Sinn der Hamburger sei ein etwamaterieller. Ich glaube richtiger zu urtheilen, wenn ich sage, er ist nicht universell genug, was jüdisches Leben betrifft. Viele Stockhamburger, die sonst gute Jehudim sind, fühlen sich mit sich zufrieden, wenn sie für sich ein praktisch religiöses Leben führen. Für die ganze Judenheit fehlt ihnen dawarme brüderliche Interesse und diezeigt sich sogar in ihrem Verhalten zu ihrer eigenen Kehillah. Nur ein Beispiel. Hamburg hat einen Oberrabbiner, der hervorragt durch Characterstärke und strenge, konsequente Gottesfurcht. Er hat dort Großegeleistet. Er hat den Ausbau der Talmudthora geschaffen, die jetzt als eine Musterschule in ganz Deutschland für Juden und Nichtjuden dasteht, die jetzt das Recht erlangt hat, Zeugnisse zum einjährigen Militärdienst zu ertheilen. Er hat das echt jüdische Leben Hamburgs, zu dessen Erhaltung der Chacham Bernayy'si soviel gethan, weiter gekräftigt und felsenfest gegen das Andringen neologer Bestrebungen im Gemeindeleben geschützt. Er hat dem orthodoxen Oberrabbinate durch sein tactvolleS Ehrerbietung erzeugendes Auftreten die Stellung geschaffen, die es jetzt zum Ruhme für das eonservative Judenthum einnimmt. Die damaligen Gemeindeführer Hamburgs wären mit einem „Moreh Zedek" zufrieden gewesen, um einem modernen Prediger neben ihm Raum und Stellung zu sichern. Es kam in der neueren Zeit die Auflösung der Gemeinde und Herr Oberrabbiner Stern verstand e-, thätig mitzuwirken, daß der orthodoxe Theil der Gemeind; seine Autonomie rettete. Er setzte mit kluger Energie die Wahl streng konservativer Vorsteher und Repräsentanten durch, und jetzt eben zeigt es sich, wie vielen Hamburgern der universelle Sinn fehlt. Diese selben Vorsteher und Repräsentanten protestiren bei der Berathung zur Abfassung dcr Statuten für die Gemeinde gegen den Einfluß, den der Herr Oberrabbiner in Cultusangelegenheiten für sich beansprucht. Hamburger! Hand aufs Herz. Seid Ihr nicht überzeugt, daß der Herr Oberrabbiner es llvd und nicht aus hierarchischen Gelüsten so will und wollen muß? O, hättet Ihr etwas mehr universellen Geist, und sähet, wie andere Gemeinden Deutschland- Euch nachstehen, weil Ihr einen Mann habt, der mit eiserner Hand die Gemeinde durch alle Klippen neologer Bestrebungen hindurchführt ohne egoistisches Gelüste. Ihr würdet Euch schämen, darauf zu bestehen. *) Von unserm Berliner Correspondenten.

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