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Der Israelit · 1870-06-22 · Heft 25 (22.6.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 25 (22.6.1870)
Date
1870-06-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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463 \ verantworten? Ist es da ein Wunder, wenn^S mit Ihnen rückwärts geht?" „ „Herr Wolfsohn, Jahrtausende lang haben unsere Bäter Gottes Gebote gehalten und es ist ihnen wohl ergangen. Gott kann in einer Stunde mehr geben, als der Fleiß der Fleißigsten in Jahren erringt."'' „Ja, ja, man siehts ja, was Ihr Gott Ihnen gegeben hat! Nein, mein Freund, auf seine eigene Kraft muß man verttauen, durch Fleiß und Geschicklichkeit zu gewinnen und zu erringen suchen — da bringt man Etwas fertig!" „„Herr Wolfsohn, Sie lästern!"" „Ja, ja, so seid Ihr, Ihr Frommen; Ihr seid nicht zu bessern, nicht zu belehren. Ihr setzt Euch auf das hohe Pferd Eurer Frömmigkeit, schimpft auf uns Andere, und keine Erfahrung macht Euch klug. Ich lehre diesen Mann Lebensweisheit und er schimpft mich: Lästerer!" „„Ich bin nicht hergekommen, mit Ihnen zu streiten; ich wollte Sie nur bitten, mir, ohne daß es Sw Etwas kostet, in meinen Verlegenheiten beizuspringen 'Ich wiederhole es, ich kann nicht glauben, daß Sie mir diese mir geziemende Hilfe versagen wollen, weil ich fest an Gottes Geboten halte."" „Und ich wiederhole es, ich würde' es vor meinem Gewissen nicht verantworten können, wenn ich die Bestimmungen des Testamentes nicht strenge einhalten würde." „„Aber Herr Wolfsohn, der Testator selbst war ja ein glaubens- und gesetzestreuer Jude und hat nicht im Entferntesten daran gedacht, Jemanden von seinen Wohlthaten auszuschließen, der Gottes Gebote und Feiertage heiligt."" . „Ja, so denken Sie von Ihrem beschränkten Standpunkte aus. Der Testator hat vor ftinfzig Jahren gelebt. Wenn er in unserer Zeit leben würde, so wäre er gewiß erleuchtet genug, sich über die alten Vorurtheile hinwcZzusetzen; und heutzutage kommt Niemandem das Prädicat „fleißig" zu, der soviel feiert wie Sie. Doch, ich will Ihnen noch einen Vorschlag machen; ich will ein Auge zudrücken, will übersehen, daß Sie durch eignes Verschulden zurückgekommen sind. Wenn ich nicht irre, sind aus der Wiener'schen Stiftung 2000 Thaler disponibel; ein schönes Geld; das könnte Ihnen aufhelfen. Wir müssen aber Garantie haben, daß das Geld Ihnen nützt, daß Sie es nicht vergeuden." „„Herr Wolfsohn, Sie und alle meine Bekannte wissen, wie sparsam und eingezogen ich lebe, wie haushälterisch und einfach meine Frau ist, wie —"" „Ich meine nicht das; ich bin bereit, Ihnen das Geld ausfolgen zu lassen, unter der Bedingung, daß Sie von nun an und weiter auch an den Sabbatten und Feiertagen — den Jom Kippur will ich Ihnen schenken — Ihre Geschäfte betreiben." „„Nicht um Ihr ganzes Vermögen."" „So werden Sie das Legat nicht, erhalten!" „ „Herr Wolfsohn, ich bitte Sie nochmals, bedenken Sie doch, wie ungerecht Sie verfahren! Gegen den Willen des Testators, gegen den offenen Sinn des Testaments."" „Darüber haben nicht Sie zu entscheiden, das habe ich zu beurtheilen." „„Aber welches Unrecht liegt in Ihrem Urtheile! Gott, Gott, wie weit ist es in Israel gekommen; ein Verbrechen wird dem daraus gemacht, der Gottes heiliges Gesetz beobachtet! Herr Wolfsohn, das kann Ihnen nicht gut ausgehen; Gottes Strafgericht kann auch Sie erreichen!"" „Wie, Sie wagen es, mir zu fluchen? Ich muß Sie bitten, sich jetzt zu entfernen — ich habe schon zu viel Zeit mit Ihnen unnütz verbracht!" Und Ruhdorf ging. Es gab noch mehr Vorsteher in der Gemeinde; an sie wandte sich Ruhdorf und erhielt von ihnen die besten Versprechungen. Als jedoch in der nächsten Vorstandssitzung das Gesuch des Bittstellers zur Verhandlung kam, trat Wolfsohn mit aller Energie gegen dasselbe auf. „Der Mann ist ein Fanatiker," sagtt er, „einer von jenen „Alten", die wir bekämpfen müssen, um die Gemeinde auf die Bahn des Fortschrittes und der Intelligenz zu führen. Denken Sie sich, meine Herren Collegen, der Mensch hat mir geflucht, weil ich ihm meine Zusage verweigert habe. „Sie müssen mir das Geld geben," sagte er, „weil ich den Sabbat feiere; sonst wird es Ihnen schlecht ausgehen, Gottes Strafgericht wird Sie treffen!" Lassen wir keine solche Pression auf uns üben. Zeigen wir, daß wir uns vor den Flüchen dieser Fanatiker nicht fürchten." Die Worte des Herrn Wolfiohn riefen einen Sturm der Entrüstung gegen den armen Ruhdorf hervor: sein Gesuch wurde einstimmig abgelehnt. Und er hätte das Geld so gut brauchen können. (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. In Nr. 24, Seite 451, Spalte 1, v. u. soll es heißen, Zeile 2 „ Vertheidigung", Zeile 3 ebenfalls „Verteidigung" und Zeile 30 „ tiefem" Spalte 2 v. o. Zeile 12 „Anwestnheit." In der Nummer23, Seite 434, Spalte 1, Zeile 27 muß es statt „Ferne" heißen „Fama;" Zeile 28, statt Herr „Krause" — Herr „Haase." Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le S.oux'schen Hofbuchhandlnng. — Dampf.Schnellpressndruck von I. G ottsleben in Mainz.

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