Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1870)
- Date
- 1870-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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464 weit es die Fähigkeiten der Einzelnen zulaffen, »ohne auf die Kosten Rücksicht zu nehmen, auf jede Weife zu fördern. Eine gros;e Aufmerksamkeit richten wir auf die religiöse Erziehung unserer Zöglinge; die Religion ist die alleinige Quelle alles Guten, Großen, Heiligen und Göttlichen, der schönste Schmuck jedes Menschen, des Mannes wie des Weibes, daher halten wir mit allem Ernst darauf, daß die Wa,senmädchen täglich ihr Morgengebet, Mittags ihr Tischgebet und Abends ihr Abendgebet verrichten und an dem Rel'gions- und hebräischen Unterricht sich betheiligen. Unser Waisenhaus soll nickt bloS eine woblthätige Anstalt für die Gegenwart, für die lebende Generation, sondern zugleich auch für die fernste Zukunft, für die späteste Nachwelt, eine Zufluchtsstätte elterlichen Erbarmens und elterlicher Liebe für die Waisen sein. Seit dem vierzehnjährigen Bestehen der Anstalt haben fünf und fünfzig Waisen Aufnahme, Verpflegung und Erziehung im Waisenhause empfangen. Davon wurden: 1 Drucker und Setzer, 1 Schlosser, 4 widmeten sich dem Banquiergeschäft, 1 widmete sich dem höheren Lehrsache, 8 widmeten sich der Handlung, 2 Mädchen erlernten das Putzgeschäft, 2 Mädchen traten in Dienstverhältnisse, 3 kehrten zur Mutter zurück, 33 sind gegenwärtig in der Anstalt. Die Einnahme betragen in diesem Jahre 7085 Thlr. die Ausgaben 6464 Thlr. Unter den Schenkungen an die Anstalt befindet sich eine Obligation von 1000 Thlr. von Herrn Rothsfeld in Cassel. Ans Oppeln in Schlesien erhalten wir einen Bericht über eine Wochenfest-predigt des dortigen Rabbinen vr. Wiener; es ist dies derselbe, welcher laut Mittheilung in Nr. 23 dieser Blätter bei einer npipi die Trauung mit einem Andern ohne vorhergeaangene Chalizah vollzogen hat. Herr vr. W. hat gegen die zweiten Feier-Tage gepredigt, ferner itco ronyn ->iv'r«, das Verbot des Zusammenkochens von Fleisch und Milch bekämpft, da idk 2t>n3 hj?Ban im Wortsinne zu nehmen sei, dann ist er gegen das Kadisch-Gebet zu Felde g - zogen, bat darauf gegen die Opfer- und Messias-Gebete gepredigt, um endlich den Vorschlag zu machen, den Rest der Gebete in der Landessprache vom Vorbeter mit Anstand vortragen zu lassen. Wahrl'ch, genug für eine Predigt. Wir versäumen nun nicht, die Israeliten von Oppeln auf die Erklärung der 122 Rabbinen aufmerksam zu macken, die in Nr. 22 d. Bl. abgedruckt ist. Danach ist Herr vr. W., vorausgesetzt, daß die in Nr. 23 mitgetheilte, obenerwäbnte Tatsache auf W'hrheit beruht — unfähig, irgendwelche rabbinische Functionen m vollziehen; die israelitische Gemeinde zn Oppeln ist unter obiger Voraussetzung verpflichtet, dahin zu wirken, daß Herr vr. W., seines Amteenthoben werde; sollten sich aber die gesetzestreuen Israeliten in Oppeln in der Minorität befinden, so müssen sie aus einem Gemeindeverbande ausscheiden, an dessen Spitze ein solcher Rab iner steht, und für eine auderweiüge Handhabung des Rabüiuats Sorge tragen. Möge Gott Seme Treuen kräftigen, daß sie überall die Fahne des echten Judenthums Hochhalten und dem Abfalle und der Sünde energisch entgegentreten. Memel, 12 Juni. I r Nr. 23. Ihres geschätzten Blattes befinvet sich die kurze Anzeige vom Ableben des Lehrers Hirsch Wolf Hahn zu Holzhausen bei Marburg in Hessen. Wissen Sie auch, welch ein Mann das gewesen? Niemand kann Ihnen und den werthen Lesern Ihres Blattes das genauer angeben, wie der Unterzeichnete; denn zu den mehr al- 30 jungen Menschen, die durch denselben Anregung und Borwissen zum Lehrerberufe empfangen, gehöre auch ich und habe ihm wohl junter allen am nächsten gestanden; denn in meiner Eltern HauS hat er eine Reihe von Jahren gewohnt und an ihrem Tische gegessen, bis sie ihm die Hochzeit zugerichtet hatten und er die eigne Wohnung bezog. Der Mann hat es gleich pan pnae verdient, daß N'3 d3 über ihn traure. Er war der wahre Typus eines vollkommenen Ahron-Schülers mdllt 37nrr 'ut. „Ein Freund des Friedens, ein Beförderer deS Friedens, ein Freund der Menschen, der sie dr Thora zu nähern gewußt." Nicht Hirsch Wolf Hahn, nein! Hirsch Löw Adler hätte er heißen sollen; denn gelaufen ist er gleich dem Hirsch, stark war er gleich dem Löwen und schnell gleich dem Adler in der Ausführung des Willens feines himmlischen Vaters." ES war keiner von den mächtig aufstrebenden Geistern, kein hellfiackerndes, fernhinleuchtendes Licht; es war ein kleineS, bescheidenes in Wort und Wesen überaus unbeholfene« Männchen: aber ein Beispiel eines so durch ed eS Beispiel wirkenden Mannes ist schwer auffindbar. Bon ihm konnte man nicht viel lernen, dazu war er in Wort und Weise zu schüchtern und unbeholfen, wohl aber durch ihn. Durch die Reinheit, ja man darf wohl sagen, Heiligkeit in Wesen und Wandel, durch sein ernstes und unermüdliches Streben und Arbeiten in seinem Berufe wirkte er nicht bloö auf seine Schüler und auf seine kleinen Gemeinden (vier einander naheliegende Dorfgemeinden gehörten zu seinem Sprengel), sondern auf die ganze Gegend in heilsamster Weise. F,st zwanzig Jahre lang Schüler des -lyro-wi bpyi Y'vjd Y'mn in Fulda hatte er sich eine große Belesenheit im Talmud angeeignet, die er durch unablässiges Studium noch zu vermehren suchte. j Wenige Tage spater ist ihm seine beste, mütter-! liche Freundin, meine Mutter n"y, die mit aller Emsig-