Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1870)
- Date
- 1870-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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444 bemerkte, daß das Kind immer schwächer, sein Athem kürzer werde, daß es röchle, die Gesichtsfarbe wechsle und blaue Lippm bekomme, und gegen 10 Uhr Abends am selben Tage starb eS. Die Mutter Elisabeth Koch wurde des Meuchelmordes als unmittelbare Thäterin beschuldigt und EliaS Koch als mitschuldig durch Herbeischaffung des Giftes oder durch andere Mitwirkung bei der Vollführung de- Verbrechens. Elisabeth Koch ist 36 Jahre alt, sie kann weder lesen noch schreiben, hat ihren Mann, der später gichtbrüchig und gelähmt worden, als ganz junges Mädchen geheirathet und mit ihm drei Kinder gehabt. EliaS Koch ist 38 Jahre alt. Der letzte der Zeugen ist der Productenhändler Wilhelm Pollak, ein Verwandter der Angeklagten, indem Elisabeth Koch eine Schwester seiner Frau ist. Er will aber von der RechtSwohlthat als Verwandter nicht Gebrauch machen, sondern als Zeuge auSsagen. Er erzählt, wie er auf einer Geschäftsreise erfahren, daß seine Schwägerin mit einem Manne auf dem Friedhöfe zu Pflanzendorf ein Kind begraben habe. Er vermuthete, dieser Mann sei EliaS Koch gewesen, ließ sich ihn hole« und fragte ihn: Wo warst du an jenem Tage? Elias Koch konnte sich allerdings auSweisen, daß er damals in einer ganz anderen Gegend war; als ihm aberPollgk weiter mittheilte, Elisabeth Koch habe ein Kind begraben, sei er sehr erschrocken und habe gesagt: Ich war nicht dabei. Der Zeuge sagt ferner aus, die Verwandtschaft habe dem Koch vergeblich Vorstellungen gemacht, von der Schwägerin abzulafsen; schon deren Mann habe, als derselbe noch lebte, ihn darum gebeten, ebenso seine Mutter, die inzwischen aus Schmerz über die Schande gestorben. Er aber habe erklärt: Ich laffe sie nicht und wenn Gott vom Himmel heruntersteigt!" Das Urtheil des Gerichtshofes lautete: Elisabeth Koch ist schuldig deS Verbrechens des Meuchelmordes und wird mit Rücksicht auf den erschwerenden Umstand der Verletzung mehrerer Pflichten durch die Ermordung deS eigenen Kindes und auf die mildernden Umstände ihres bisherigen Wohlverhaltens, sowie daß sie durch ihre Armuth zu dem Verbrechen bestimmt wurde, und in Anbetracht deS Umstandes, daß sie sich durch lange Zeit ohne ihr Verschulden in Untersuchungshaft befand, zum schweren Kerker in der Dauer von zwölf Jahren, ergänzt durch einen Fasttag in jedem Vierteljahre, verurtheilt; EliaS Koch wird auS Mangel an Beweis freigejprochen. Aus Prag erhalten wir eine Trauerkunde: Herr vr. Aron Rosenbacher ist nicht mehr! In ihm ist ein bedeutender Mann zu Grabe getragen. Herr vr. Aron Rosenbacher wurde in Sulzbach in Bayern geboren; er kam frühzeitig nach Prag, wo ihm ein Onkeh ein Banquier, M. Bloch n"y, wohnte; hier studirte er den Talmud unter den großen Talmudgelehrten, welche damals die isr. Gemeinde zu Prag zierten: Rabbi Samuel Landau. Rabbi Elieser FleckeleS, Rabbi Jakob Günzburg, Rabbi Nachum Trebitfch (später Landrabbiner von Mähren) rc. Zugleich studirte er an der Universität Philosophie, Mathematik, Astronomie, classtsche und orientalische Sprachen. ES ist ganz erstaunlich, was Herr vr. Aron Rosenbacher an Gelehrsamkeit in sich vereinte. Er war ein bedeutender Talmudist, der sich ebensosehr durch ro«»pa wie rosnn auSzeichnete; als er einst seinen Freund und Lehrer Rabbi Nachum Trebitfch in NickolSburg besuchte, deuttte man mit Fingern auf ihn und sagte: „Da geht Rabbi Mardechai Benet und Mendelsohn in einer Person!" Man wollte damit bezeichnen, in wie hohem Grade R. talmudischeS und profanes Wiffen in sich vereinigte. Im Jahre 1825 ging R. nach Wien, um dort zum Doctor promovirt zu werden, weil zu jener Zeit die Prager Facultät noch keine Juden zu Doctoren der Philosophie cre'irte. In Wien erregte daS mathematische und astronomische Wiffen des jungen Mannes so großes Aufsehen, daß man ihm eine Stelle als Observator an der dortigen Sternwarte anbot, wenn er — sich taufen lassen wolle. R. wies dieses Ansinnen natürlich mit der größten Entschiedenheit zurück, und wurde bald darauf zum Rabbiner des Saazer Kreises mit dem RabbinatSsttze in Prag erwählt. Diese Stelle hat er jedoch niemals angetreten. Mit der Tochter des ehrwürdigen und hochangesehenen Rabbi Mayer Thorsch t>"si verlobt, wurde er von seinem Onkel adoptirt und Associö des weltbekannten Banquier Hauses M. Bloch undSohn, dem er nach dem Tode seines Oheims 40 Jahre als Chef Vorstand. Nichtsdestoweniger ist R. niemals ein rechter Banquier gew rden; er blieb ein wahrhafter Gelehrter sein Leben hindurch. Während der Herausgeber dieser Blätter in Prag studirte, verkehrte er viel im Hause des Dahingeschiedenen und genoß des belehrenden Umganges desselben. vr. Aron Rosenbacher stand Winter wie Sommer Morgens um 4Uhr auf und studirte fast ausschließlich bis Mitternacht. Er war der regelmäßigste und pünktlichste Synagogenbesucher. Während sein jüngerer Bruder. Herr Marcuö Rosenbacher, das Gesä äft leitete, beschränkte er sich darauf, seine Unterschrift unter die verschiedenartigen Schriftstücke zu setzen; sonst studirte er den ganzen Tag. Nur ein täglicher Spaziergang und der Synagogenbesuch unterbrachen dieses Studium. Wir haben viele Gelehrte kennen gelernt, große, weltberühmte Männer — niemals aber haben wir ein fo vielseitiges Wissen in einer Person vereinigt gefunden. Dieser Mann sprach geläufig: Deutsch, Böhmisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und noch einige