Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-06-01 · Heft 22 (1.6.1870) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 22 (1.6.1870)
Date
1870-06-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447469--08348-2463991
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

416 men, und auch der gefeierte Leo X. hatte bekanntlich Men Juden zum LeibmedicuS. Es versteht sich von selbst, daß die Israeliten hier von allen Municipal- und Regierungsämtern, ja sogar von der militärischen Carriöre grundsätzlich ausgeschlossen sind. Auch in ihrer commerciellen Thätigkeit werden ste von vielfältigen Fesseln gehemmt; so dürfen ste z. B. keinen Buchhandel betreiben, und ihr Bilderhandel ist auf die niedrigste Gattung desselben begrenzt. Soll ich noch anführen, daß ne außer ihren armseligen und wurmstichigen Baulichkeiten in dem verpesteten Ghetto nicht den kleinsten Fleck Erde im ganzen Kirchenstaate ihr Eigenthum nennen, sowie daß man ste bei Notariats-Äcten oder Heirathscon- Iraeten niemals als Zeugen zuläßt, und hundert solche die Menschheit entwürdigende Verordnungen erwähnen? so würde ich mit dieser schmachvollen Litanei nimmermehr fertig werden. Unter dem bleiernen Drucke dieses politischen, bürgerlichen und moralischen Ostracisrnus ist es kein Wunder, daß der Nothstand in Schoße der hiesigen mosaischen Gemeinde, besonders in oen letzten Jahren, -wahrhaft erschreckende Dimensionen angenommen hat. Genügt doch die einfache Constatirung der Thatsache, daß in dieser herabgekommenen Bevölkerung von viertausendsiebenhundert Seelen fast die Hälfte, nämlich mehr als zweitausend Personen, zur kümmerlichen Fristung ihres elenden Daseins gegenwärtig auf die öffentliche Wohlthätigkeit angewiesen sind. Und erst auf was für eine öffentliche Wohlthätigkeit um GotteSwillen? Vielleicht auf jene der Regierung, oder der Municipalität, oder endlich der unzähligen hier bestehenden katholischen Almosen-Anstalten? Nichts von alledem. Die römische Judenschaft bezieht von den Regierungskassen jedes Jahr ausschließlich nur die winzige Summe von fünfzehnhundert Lire, ungefähr siebenhundert Gulden Oesterreichischer Währung, unter dem Titel von Unterstützungs-Beiträgen. Sonst keinen Kreuzer. Alle anderen Ausgaben für den Cultus, den Elementar- und religiösen Jugend-Unterricht, die Armen- und Krankenversorgung, dann das gesammte Aedilenwesen im Innern des Ghetto fallen ihr vollständig allein zur Last. Nun darf der Leser nicht außer Acht lassen, daß die Israeliten hier ganz denselben Steuern und Taxen unterliegen, wie die übrigen römischen Staatsbürger, und daß ihrer Corporation überdies noch andere beträchtliche Geldleistungen vom Staate aufgebürdet sind, welche wir gleich namhaft machen werden. Um so peinlichen, von allen Seiten auf ste einstürinenden Anforderungen zu genügen, nahmen sie zu dem letzten Mittel ihre Zuflucht, nämlich sich innerhalb der Communität selbst zu besteuern, welche empfindliche Umlage nur jene wenigen Familien trifft, die noch einen schwachen Schein von Wohlhabenheit bewahrt haben. Dieser Umstand mag wesentlich zur Lösung des RäthselSbeitragen, daß Rom vielleicht die einzige Großstadt ist, wo es keinen reichen Juden gibt. WaS nun die soeben berührten ausnahmsweise» Lasten anbelangt, zu denen die Israeliten von. jeher verurtheilt wurden fo haben ste vor Allem sehr ansehnliche Summen zu Regierunzs- und ecclesiastischen. Zwecken aufzubrinzen. Ueberdies müssen sie das alljährlich wiederkehrende Stipendium für jene katholischen Beamten regelmäßig entrichten, die ihnen zur Ueberwachung ihrer Finanz - Administration in der eigenen Gemeinde von der obersten Staatsbehörde aufgedrungen werden. Die bei Weitem himmelschreiendste Steuer ist aber folgende: Sie sind gezwungen, in jede der zwei kirchlichen Anstalten, nämlich an die 0as» Pia der Katechumenen und das Kloster der Convertiten, also gerade an ihre erbittertsten Feinde, noch immer einen jährlichen Tribut von fünstausendzweihuudertfünfzig Lire abzuführen, welche beide Institute fleißig das berüchtigte Handwerk der Judenbekehrung t eiben, die in der abscheuerregenden Geschichte von den israelitischen Kindern Mortara und Coön, jene» 0a3U8 belli des beleidigten innersten Familien-Heiligthums, seinerzeit ihren Gipfelpunkt erreichte. Bei dem Convertitenhause findet aber noch ein höchst ei* genthümlich erschwerender Umstand statt. Wenn sich ans Specnlation ein fremdlä Wischer Jude zum Be^ Hufe der Bekehrung dort aafnehmen laßt und dann nach sechs.vöchmtlicher Prüfnngszeit, wie dies häufig geschieht, bei tljn eine plötzliche Sinnesänderung eintritt, daß am Ende seine Taufe nicht vollzogen wird, so muß die unschuldige Gemeinde für ihn die inzwischen ausgelaufenen Ätzungskosten nnnachstchtlich bezahlen. also gleichsam Strafgeld dafür erlegen, daß der Csnverlirnngs-Candidat sich eures Besseren besann und wieder dem Teufel verfiel. Dies ist wohl in dem ganzen päpstlichen Jndencodex das stärkste Stück. Nach dieser durchaus wahrheitsgetreuen Darstellung der obwaltenden Verhältnisse muß man wirklich erstaunen, daß den Leuten noch immer die alte Mähre aufgetischt wird, als befänden sich die in Rom seßhaften Israeliten unter dem Scepter Pius' IX. ungemein wohl, und daß sogar namhafte Schriftsteller sich zur Verbreitung dieser irrigen Ansicht verleiten ließen. Allerdings nahm Pius in den ersten Flitterwochen seines Papstthums einen kleinen humanen Anlauf zur Verbesserung ihrer trostlosen Lage, aber nachdem er jenen kurzen liberalen Rausch in Gaöta gründ» lich ansgeschlasen, vergaß er nur zu bald, was ew den einfachsten Rücksichten der Menschenliebe und dem. vorgeschrittenen Geists der Gegenwart schuldig war,, und ließ die Nachkommen der Erzväter und Propheten ganz wie seine Vorgänger in dem von mephtti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.