Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1870)
- Date
- 1870-06-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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414 dfe Dichter des Ghetto, sich gerirt, fo^ beMeideu fctnf* MtS, unser ^Ooer," zu acceptitt;n,so müssenwi» das literarische Scharfrichterämt seiner ganzen Strenge nach ausüben. Wer einmal auf den Markt der Mkratur hinaus tritt, der muß es sich gefallen lassen, seinen Tendenzen und Zielen, sowie deren Ausführung nach allen Seiten und von den verschiedenartigsten Standpunkten aus beurtheilt zu sehen. In der ersten Erzählung, die das bekannte Sprichwort: „Alt-Eisik wird tänzerig" erklären soll, fsthrt uns Herr Kulte einen jüdischen Hausirer — das bekannte Steckenpferd aller Ghettoromanciers vor, der bereits einen heirathsfährigen Sohn hat, sich aber nichtsdestoweniger in „Reizeln" verliebt, welche andererseits wieder „Mairum", Alt-Eiseks Sohn, gewogen ist. Daraus entsteht nun eine possirlich sein sollende Komödie von Irrungen und Mißverständnissen zwischen Vater und Sohn, zwischen Mutter und Tochter und der langweiligen und unwahren, weil psychologisch unmöglichen Erzählung kurzer Sinn ist: „Alt-Eisik", ber wieder einmal „tänzerig" geworden aus FreierSfÜßen, tritt die Erkorene seines Herzens seinem Sohn, ab. Ist das jüdisch, sind das ideale Ghettogestalten? ( Wir verlangen wahrhaftig nicht von dem Dichter der alten Judengasse, daß er lauter fehler- und fleckenlose Idealgestalten, lauter reine Helden uns vorführe, wir wissen es. daß die Bewohner des Ghetto so gut mit Fehler behaftet waren, wie alle andern Gestalten, aber nicht mit denen, die ihnen Herr Kulke andichtet. Nein wahrhaftig diese faden Lämmerschwänzchen, diese philantropischen Faselhänse, das sind nicht die nüchternen, praktischen, einzig das reale Leben berücksichtigenden IüUglinge deS Ghetto, das sind Gestalten des modernsteri Lebens, die der Autor mit deck Flitter des Jargons der Judengaffe aufgeputzt und mit der HrrlekinSjacke der Hohlheit und Unwahrheit ausstafsirt hat, um uns glauben zu machen, daß seien Gestalten „aus dem jüdischen Volksleben", welche er der Judengasse abgelauscht habe. In der That> Herr Kulke muß ein sehr schlechtes Ohr haben, wenn er den lieblichen des Ghetto nichts anderes „abgelauscht" hat. als diese 4 Gtzählungen, von denen auch nicht eine den Anspruch auf Möglichkeit — ich will nicht sagen: Wahrheit — machen kann. Ich kann Ihnen hier, werther Freund, nicht die dtti andern Erzählungen skizziren. Es überfällt Einem AU peinlich drückendes Gefühl, wenn man jene Blätter öurchlttst, eine Art literarischen Katzenjammers, für den es Mm ein anderes Recept gibt, — als Weßtegen des Büches. Herr Kulke aber möge diese- Gebiet wenigstens fürderhin uutzn-efschte» iaffm; hier dürsten ihm kaum die SorbeAlßn de» Dichter» uh«S blühen, nach ftNteic er sich so sehr sühnt'. ^^—"esBSBBBSSSSSSSSS&SSSSBSm Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Thalheivt, RabbinatS Heibronn, 20. Mai. Auch hier zeigt sich, wie am Sitze des RabbinatS, die erste Weigerung, Kinder confirmiren, d. h. an dem Weiheact in ver Synagoge theil nehmen zu lassen, nachdem das Cultusministerium diese Theilnahme nach dem Grundsätze der Gewissensfreiheit bekanntlich in das Belieben der Eltern gestellt hat. In Heilbronn schlossen sich am vorigen Sabbat unter 14 Schüler» zwei Mädchen von diesem Acte aus, und hier ist e» ein Kind, dessen Eltern glauben, ohne Confirmaüo» doch ein guter Jude sein zu können. Die Rabbiner fürchten mit Recht, dieExempel könnten im folgenden Jahre größere Nachahmung finden. Nachträglich erfahren wir, daß auch in Lehren - steinsfeld, dem ehemaligen diesseitigen RabbinatSsttz, alle Eltern der diesjährigen Confirmanden sich weigern, ihre Kinder confirmiren zu lassen. Im Braunsbacher RabbinatSsprengel haben sämmtliche Gemeinden des Bezirks die Vornahme de» Coufirmationsactes verweigert bis auf die Stadtge-. meinde Crailsheim, wo auch Reformgottesdienst mit Harmonium eingeführt ist. Man steht hieraus, wie wenig dieses christliche Institut der Constrmativ» in den jüvischen Gemeinden Wurzel zu' fassen vermöchte, obgleich es schon seit 1131 zwangsweise m Württemberg existirt und wie der erste Hauch der Freiheit wegfegt, was v'er Jahrzehnte nur durch kirchliche Gewalt sich zu erhalten vermochte. D^ärttemberg. Die königl. Israel. Oberkirchenbehörde macht u. ä. 9. Mai im Staatsanzeiger bekannt, daß die Herren Ludwig Kahn von Bristnge» und Joseph Strauß von Berlichingen zu der im Monat April von Seiten der hierzu bestellten königl. Prüfungscommisston in Tübingen angeordneten erste» Dienstprüfung für Rabbinatscandidaten zugelasfen wrt> dieselben für befähigt erklärt worden sind. Kah» kommt aus dem Breslauer Seminar, wo er unter gleichzeitiger Frequenz der Universität, 6 Jahre studirte. Strauß ist jener Candidat, mit dem sich dieser Zeitung Correspondenten und die Delegirtenversammlung schon öfters beschäftigt haben, um dessen Gegensatz zu einem Rabbinen zu erweisen, wozuihn die Obe^ktrchenbchörde nun, trotz alledem gestempelt hat. Strauß bekleidet zur Zeit eine Hausmeister«-^ stelle (?) im v. Kaulla'schen Hause.