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Der Israelit · 1870-06-01 · Heft 22 (1.6.1870) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 22 (1.6.1870)
Date
1870-06-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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n. Jahrgang. Beilage z«Rr. 22 des Israelit. Leitender Artikel. Jüdische s5iteraturüriese. Von Dr. 6v8la^ Larpele«. XI. Die literarische Sealpjägcrei ist eine ziimlich unangenehme Beschäftigung! das wußten Cie so gut Wie ich, geehrter Freund, und dennoch kürten Cie es mir auf, auch fernerhin dieses edle Metier in meinen Literaturbriesen fortzusetzen. Man erwirkt sich dakei aus eine doppelte Art Feinde, erstens bie betreffenden „heruntergerissenen" Autoren, die oft unnatürliche Eigenliebe zu ihren Geisteskindern hoben, welche sie alle Fehler und Mängel derselben übersehen läßt, dann aber einen großen Lheil des lesenden Publikums, das so zarte Nerven hat, um ein bischen Donnergepolter, rin kleines literarisches Hagelwetter gar nicht vertragen zu können. Indessen darf sich der Kritiker daraus nichts machen. Der Büchermarkt der Gegenwart wird von den Kleinkrömern der Literatur mit einer Unmasse von so unreifen Produkten überschwemmt, daß der ohnedies überreizte Magen unserer Leserwelt leicht ganz verdorben werden könnte. Darum ist strenge Rücksichtslosigkeit, unbedingte Gerechtigkeit und Objektivität die erste Aufgabe eines Recensenten. Ich weiß nicht, in wie weit ich dieser Aufgabe bis jetzt genügt habe; indessen können die liebevollen Zustimmungen und Aufmunterungen meinrr Freunde und die nicht minder liebevollen Schmähungen meiner Gegner mir allerdings einen Wink hierin geben, den einmal betretenen Weg fortzuwandeln, Und darum nach wie vor Krieg dem Schlechten und Urwürdigen, Lob dem Guten und Würdigen! So viel pro domo, und nun zu dem Buch, das ich Ihnen heute vorsühren will! Es führt den verlockenden Titel: „Aus dem jüdischen Volksleben", Geschichten von Eduard Kulke, 2 Bde., und ist der 9. Baud einer unter dem Titel: „Zraelitische Novellen" bei I. P. Richter in Hamburg erscheinenden Sammlung. Nebst diesem verlockenden Titelhat aber dieses Buch noch ein anderes reizendes Aushängeschild, nämlich statt der Vorrede einen Brief des Großmeisters der Ghettogeschichten, Leopolds Kompert'S, allerdings eine Empfehlung, wie sie Herr Kulke nicht wirksamer seinen Erzählungen vorausschicken konnte. Fügen wir zu all' diesem Guten noch hinzu, daß die Ausstattung des BucheS eine prachtvolle, }* daß —1 wie mir der Herr Verleger anzeigt — demnächst sogar eine prachtvolle illustrirte Ausgabe desselben erscheinen wird, nun so haben wir eben alle Vorzüge dieses Buchs hinlänglich besprochen. Denn die Erzählungen selbst — sind wahrhaftig der wunderschönen Empfehlung Kompert's, des seinen Papiere- und der eleganten Ausstattung nicht werth! Und dies — wir gestehen es gerne, obwohl die Herzensangelegenheiten und Gemütbsstimmungen deS Kritikers schließlich nicht vor bas Publikum gehören — hat uns nicht nur unangenehm berührt, sondern sogar befremdet. Herr Kulke ist selbst ein Kind der Iudengaffe, der er so schlecht in st inen Geschichten mitspielt, Herr Kulke ist ein sehr gewandter Schriftsteller und hat sich schließlich u it einer seltenen liebevollen Innigkeit in die wunderbaren Schöpfungen KompertS versenkt, so baß es wundern muß, wenn ihm trotzdem nicht eine Gestalt in seinen Erzählungen auch nur annähernd richtig zu zeichnen gelungen ist. Die schauderhaftesten psychologischen Verrenkungen, die ungeheuerlichsten logischen Luftsprünge deS Herrn Kulke machen dieses Buch — ich möchte fast sagen — zu k'ner Warnungstafel für jüdische Novellisten, aus der mit großen Lettern zu lesen ist: Wie er sich räuspert und wie er spukt, Das hat er ihr getreulich abgeguckt. Aber das Genie ich meine den Geist, Sich nicht auf der Wachtparade weist. Es scheint fast dem unbefangenen Leser so, alSob Herr Kulke eigens Zeit und Mühe und Anstrengenug dazu verwendet haben müßte, um nur ja lauter unwahre und unmögliche Gestalten und Charaktere zu Tage zu fördern, um nur Gleichstrebenden sein Buch anzuemfehlen: „Gehet hin und thuet deßgleichen — nicht! Oder — da man jeden Menschen nach der bessern Seite beurtheilen soll — man wäre geneigt anzunehmen — Herr Kulke habe eine Flasche Tinte auf einen großem Bogen Papier ousgegossen und daraus seien denn von selbst jene wunderlichen hohlen und gespreizten Marionetten entstanden, die sich in diesem Buche wie die Zwerge in dem bekannten Märchen herumtummeln. Dann wäre allerdings der Autor von seiner Todsünde gegen den guten Geschmack und von seiner Impietät gegen die Iudengaffe von dem Cchöfsenfiuhl der Kritik frei gesprochen. Aber auch nur dann! Und da es kaum anzunehmen ist, daß Kulke, der mit nicht geringer Prätenston

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