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Der Israelit · 1870-05-25 · Heft 21 (25.5.1870) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 21 (25.5.1870)
Date
1870-05-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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388 für die erste Zeit mit Rath und That unterstützt würden; die Gründung «neS solchen ComitLs sei im Gange. Die Noth der russischen Juden rühre zum großen Theile daher, daß Rußland von Juden überfüllt sei. Daher müsse die begonnene Auswanderung im großen Maßstabe fortgesetzt und in der angedeuteten Weise organisirt werden. Zur Hebung der Armenpflege in Deutschland selbst soll eine Organisation nach Sprengel» und Bezirken mit gemeinschaftlicher Leitung und Kasse geschaffen werden, um die Lasten und Opfer gleichmäßig zu vertheilen. In ähnlicher Weise müsse das PenstonSwesen für die Gemeindebeamten (Rabbiner, Lehrer u. s. w.) geordnet werden. Es müsse auf den ersten Blick wunderlich erscheinen, daß ein so pietätSvolles und wohlthätigeS Volk wie die Juden, bis auf den heutigen Tag noch nicht daran gedacht haben, ein geordnetes Pensionswesen für diejenigen zu schaffen, die als Gemeindebeamten ihr Leben oft unter schweren Mühen und Opfern dem Dienste der Religion geweiht haben. Bei genauerer Betrachtung sei dies freilich sehr erklärlich, da man bei unS in sicheren Zeiten diese Dienste überhaupt ohne jede Entschädigung verlangte und versah. Diese patriarchalischen Zeilen seien aber vorüber; die Laufbahn eines jüdischen Gemeindebeamten sei ohnehin keine sehr verlockende; der gänzliche Mangel eines geregelten Penstonswesens setzt der Unsicherheit einer derartigen Stellung die Krone auf und trage dazu bei, die Talente abzuschrecken und in andere Bahnen zu treiben. Der Redner schließt diese klare Darstellung der Gesichtspunkte, von denen der Gemeindetag ausgehe, mit einer schwungvollen Aufforderung an die Versammelten, sich sowohl diesem Unternehmen, als auch der „All. Jsr. Univ." anzuschließen. Weit entfernt den verdienten Ruhm der letzter» schmälern zu wollen, werde es vielmehr eine Hauptaufgabe des Gemeindebundes sein, ihre Wirksamkeit zu ergänzen, sie in der Erreichung ihrer Zwecke, Hebung des socialen und politischen Druckes, unter dem unsere Brüder zur Zeit in vielen barbarischen und halbcivilisirten Ländern noch schmachten, zu unterstützen. Wie gegenwärtig die Nvthfragen der westrusstschen Juden, so solle auch künftighin jede auswärtige Angelegenheit nur im Bunde mit der Alliance angegriffen werden, während der Gemeindebund als solcher sich vorwiegend den innern Fragen der Gemeindeverfassung und Verwaltung zuwenden werde, ein Feld, auf dem eS gleichfalls noch unendlich viel zu wirken gebe. Am 30. September 1869 habe es in Deutschland nach dem letzten Bericht des Präsidenten Crömieux nur circa 1500 Mitgliedern der Alliance gegeben — eine Zahl, die zu der deutschen Judenheit in kleinem Verhältniß, zu der Größe und Bedeutsamkeit und Wirksamkeit aber in keinem Verhältniß steht. Sobald die Organisation des G meindebundeö vollendet sein werde, würde solche der Alliance auch wirksam nützen können; gegenwärtig möge jeder Anwesende in seinem Krdise für Werbung von Mitgliedern m.d Errichtung von Zweigvereinen der Alliance ebenso wie für den Gemeindebund sorgen. (Anhaltendes Bravo!) In der nun folgenden Debatte beklagt Herr Holländer (Leobschütz) die geringe Betheiligung, die dis Unternehmen bisher gefunden und macht darauf aufmerksam, daß nach §. 3 der provisorischen Statuten jeder Israelit, der einen Jahresbeitrag von einem Thaler zahle, Mitglied des Verbandes werden könne. — Herr Ör. Golvschmidt weist hierauf den Vorwurf zurück, als ob die Institution des Gemeindetags eine lediglich auf Nachahmung beruhende Neuerung sei, dieselbe hat vielmehr eine alte auf dem Boden des Judenthums gewachsene Einrichtung. Vor 250 Jahren hätten zwei derartige Gemeindetage, gleichfalls aus der freien Wahl der Gemeinden hervorgegangen und größtentheils aus Laien bestehend, über administrative Angelegenheiten getagt, die Versammlungsorte seien merkwürdiger Weise ebenfalls Meßplätze gewesen: Lublin und Jaroslaw, die auf jenen Gemeindetagen gefaßten Beschlüsse besitzen wir noch unter dem Titel msnx jnn« nupn (Satzungen der vier Länder). Herr Keller (Köln) macht von einem jüngst in seiner Gemeinde eingelaufenen Schreiben der „All. Jsr. Univ." Mitth ilung, welches zur Aufnahme russisch-jüdischer Waisenkinder auffordert. Paris sei mit 30 Waisenkinder vorangegangen, Köln werde deren 10 aufnehmen. Der Gemeindetag habe manchen Gegner gefunden von frommer Seite, jweil derselbe zu gleicher Zeit mit der Synode getagt, also wohl auch deren reformatorische Tendenzen theile. Die Herren Holländer und Kohner erklären, daß diese Auffassung auf einem bedauerlichen Mißverständniß beruhe, der Gemeindetag habe mit dem religiösen Leben im engeren Sinne, mit dem Ceremonialwesen u. s. w. nichts zu schaffen. Herr M. Kohner erinnert daran, daß der Gedanke des Gemeindetags im Schooße des Leipziger Gemeindevorstandes angeregt worden sei, lange bevor man an eine Synade gedacht habe, nur aus Gründen der Opportunität sei das gleichzeitige Tagen beider Versammlungen vorgenommen worven. Der Gemeindetag habe ausgesprochener Maßen nur administrative Zwecke und sei von der Synode gänzlich unabhängig, so daß denn auch die Gemeinden Prag, Hamburg und Hannover sich dem Verbände angeschlossen hätten mit der ausdrücklichen Erklärung, daß sie nicht auch der Synode beiträten. Nachdem noch einige Vertreter süd- und westdeutscher Gemeinden den Beitritt theils erklärt, theilS in Aussicht gestellt hatten, votirte Herr Olesheimer (Fürth) dem Vorsitzenden als dem Anreger des Gemeindetags den Dank der Versammlung, in welchen alle Anwesenden lebhaft einstimmten.

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