Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1870)
- Date
- 1870-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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387 Mom drutsch-israrkrtisch«» Kcmeindrtag«. Es scheint in derThat, wie wenn der „Gemeinde-Tag'' sich ernstlich fern von religiösen Fragen halten wolle; wir hätten eS daher für angemessen, zur Orientirung unserer Leser die nachstehenden Berichte zu veröffentlichen. ß. Leipzig, im Mai 1670. Unsere Stadt hat, wenn die Vergleichung erlaubt ist, mit der heiligen Stadt, die einst den Mittelpunkt des jüdischen Reiches bildete, das gemein, daß sie alljährlich drei Mal jüdische.Glaubensbrüder aus den verschiedensten Gegenden in ihren Mauern versammelt sieht. ES dürfte kaum eine größere Gemeinde unseres Vaterlandes geben, die nicht durch Vorsteher oder doch wenigstens durch eine Anzahl von Mitgliedern auf der Leipziger Messe vertreten wäre. Diesen Umstand glaubte der geschäftsführende Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindetages mit Recht benutzen zu müssen, um in umfassenderer und wirksamer Weise als dies bisher geschehen konnte, für den zu gründenden Gemeindebund — sagen wir es offen heraus — zu agitiren. Uns ist selten eine uneigennützigere und verdienstlichere Agitation vorgekommen und da dieses ebenso großartige und heilige als schwierige Werk schon in den ersten Stadien seines Entstehens nicht nur mit Gleichgiltigkeit, sondern sogar mit Verkennung und Entstellung seiner wahren Zwecke zu kämpfen hat, so gestatten Sie mir wohl, Ihnen in Folgendem über die beiden Versammlungen von Mitgliedern israel, Gemeinden, die der obengenannte Ausschuß während der verflossenen Messe in der hiesigen Synagoge veranstaltete, ausführlich zu berichten. Die erste dieser Versammlungen fand am 28. April statt. Herr Moritz Kohner, Vorsitzender des Ausschusses, begrüßte im Namen desselben die Anwesenden, hob unter Hinweis auf die Präsenzliste die erfreuliche Thatsache hervor, daß in der Versammlung auch eine Anzahl süddeutscher Gemeinden, die sich bisher noch am lauesten zu dem Vorhaben des Gemeindetages verhalten hätten, vertreten sei und legte dann in glänzender und von feuriger Begeisterung getragenen Rede die Zwecke deS in Angriff zu nehmenden Gemeindebundes dar. Mit Befriedigung müsse conftatirt werden, daß das alte Judenthum, abweichend von anderen jüngeren Eonfesstonen, sich in völliger (?) Harmonie mit dem Zeitgeiste bestnde, ihn nicht fürchte, seine Bekenner nicht ängstlich und argwöhnisch von der modernen Culturströmung absperre. Nur habe mit diesem vorgeschrittenen BildungSzustande die Organisation und Administration der Gemeinden nicht gleichen Schritt gehalten. Besonderaber sei die deutsche Judenheit, die doch an Zahl nur der russischen nachstehe, -n Bildung aber die höchste Stufe in der Diaspora einnehme, in jüngster Zeit einer erschreckenden, täglich wachsenden Zersplitterung anheimgefallen. Es solle nun ein Centralorgan geschaffen werden, das dieser Zersplitterung entgegenwirken, einen dauernden Verkehr unter allen Gemeinden des Vaterlandes Herstellen und die guten und fruchtbaren Einrichtungen der einzelnen Körperschaften der Gesammtheit zuführen söffe. Wie kläglich sei es aber, daß Angesichts so großer und herrlicher Aufgaben von 1500 zum Beitritt aufgesorderten Gemeinden, bis jotzt nur 46 dieser Ein* ladung nachgekommen. ES bestehe aber der Beschluß deS Gemeindetages, daß mit der definitiven Gründung deS Gemeindebundes nicht eher vorzugehen sei, als bis 100 Gemeinden ihren Anschluß erklärt hätten. Nur durch schleunige und möglichst allgemeine Betheiligung könne das Werk zn Stande kommen, es thue also Aufklärung in dieser Sache dringend noch und eS sei Pflicht eines Jeden in dieser Versammlrmg, der sich von der Wichtigkeit und Gemeinnützigkeit des UnternehmenS überzeugt haben werde, als Sendbpte und Vorkämpfer für dasselbe in seiner Heimath aufzutreten. Der Redner legt nun sehr eingehend an Einzelnen Fragen die Notwendigkeit eines solchen Gemeindebundes dar. Er weist zuerst auf die brennende Frage des jüdischen Bettelwesens hin, das jahraus, jcchrein, von den östlichen Ländern über Deutschland hereinströmend, nicht nur eine lästige Landplage, sondern auch eine Schmach für Israel und auf die glänzende Stellung, die wir gegenwärtig in Europa einnehmen, einen finstern Schatten werfe. Kein anderes Volk, die Zigeuner ausgenommen, mache in solche Mafien die Landstraße« und in neuester Zeit die Bahnhöfe unsicher, als diese Hefe unseres Stammes. Wenn diesem Uebel nachhaltig gesteuert werden solle, so sei es nicht mit sentimentalem Mitleid, sondern mit volkswirtschaftlichem Auge zu betrachten. Wenn man diese Armen nicht systematisch zum Bctteln erziehen wolle, so müsse man so geben, daß es irgend einen bleibenden Nutzen für sie habe, ihnen den Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft ermögliche; eS solle also nicht etwa weniger gegeben werden als bisher, sondern nur zweckmäßiger. WaS zunächst die Lage unserer unglücklichen Glaubensbrüder in Westrußland betreffe, so können dieselbe nicht durch vereinzelte Gaben gelindert werden; man müsse ihnen vielmehr zu Arbeit und Verdienst verhelfen. DaS beste und sicherste Mittel sei unter den jetzigen Umständen die Auswanderung, in der man diese Leute durch eine möglichst praktische Organisation unterstützen müsse, der Redner theilt mit, daß der Gemeindetag im Verein mit der „All. Jsr. Uuiv." bereits in dieser Richtung vorgegangen sei, und daß 350 russischen Juden, theils Familien, theils auch alleinstehende, arbeittlu» stige und kräftige Männer, nach Amerika befördert seien. Diese Hilfe würde jedoch nur Stückwerk bleiben, wenn nicht dafür gesorgt würde, daß die Ankömmlinge auch in der neuen Welt von einem für dieselben Zwecke thätigen Comitö in Empfang genommen und