Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1870)
- Date
- 1870-05-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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376 Men, der ihr entfallen war. Zugleich raffte sie den -lutigen Dolch auf, der am Boden lag und stieß ihn sich in die Brust. Schirueh stand wie erstarrt. „Ich sterbe," flüsterte Scherihn; „ich ziehe den Tod einer blutschänderischen Ehe vor! Halte Deinen Schwur, Schiruvh." Wehklagend stürzte sich der König aus den Leichnam und bedeckte ihn mit Küssen. „Ja," rief er, „ich werde meinen Schwur halten, Dir zu Liebe, Du edle Todte! Scherihn, Scherihn, warum hast Du mir das gethan!" Nicht lange hatte Schiruvh Zeit, sich der Trauer um Scheribn hinzugeben. Er mußte das in Auflösung begriffene persische Reich wieder in Ordnung bringen. Vor Allem mußte er Frieden mit den Römern schließen. Er sandte eine Gesandtschaft nach Tauris an den Kaiser, um den Frieden zu erflehen. Gern ging Heracliuö darauf ein, denn die Avaren, Gepithen und Bulgaren bedroht n auf's Reue Constantinopel und die Gefahr der Hauptstadt erheischte deS Kaisers Anwesenheit. Nachdem Schiruvh einen noch ziemlich günstigen Frieden erlangt hatte, bemühte er sich, überall in seinem Reiche Ordnung und Gesetz wiederherzuftellen. So regierte er acht Monate, und man hoffte, er würde besser herrschen, als man erwartet hatte. Da erreichte ihn Vas Geschick, das der Vatermörder verdiente. Seine Leidenschaft für die Frauen stürzte ihn in's Verderben. Er verlangte nämlich nichts weniger, als daß wie einst für König Ahasver, auch für ibn alle schönen Frauen und Jungfrauen des ganzen Reiches nach Ktesiphon versammelt werden, damit er die schönsten für seinen Harem heraussuche. Allein die Zeiten hatten sich geändert. Was 1000 Jahre früher dem Ahasver ohne Widerrede war gewährt worden, erregte jetzt den größten Unwillen. Die Großen des persischen Hofes verschworen sich, überfielen und tödteten Schiruvh und setzten seine Schwester Arzem- Dokht auf den erledigten Thron. Die arme Dara! An einem Tage hatte sie Vater und Mutter verloren und nun auch den Bruder, der seinen Schwur gehalten und sie beschützt hatte! Was aber schlimmer war als das, ihre Schwester, die sie haßte, herrschte jetzt als Königin über Persien! Arzem-Dokht war kühn und unternehmend. Es schmerzte sie, daß Persien so viele Provinzen verloren hatte, über die ihr Vater geherrscht, bis sie von den Römern waren erobert worden. Sie dachte ernstlich daran, all diese Länder wieder zu gewinnen. Zu diesem Zwecke wollte sie mit dem Khan der Tartaren ein Bündniß schließen, um dann mit ihm gemeinsam Rom anzugreisen." Der Khan war dazu bereit; doch verlangte er als Besiegelung des Bundes die Hand der Prinzessin Dara. Arzem-Dokht ließ Dara vor sich kommen. „Die Gesandten des Tartaren-Khans," redete die Königin ihre Schwester an, „werden kommen, um Dich abznholen. Du sollst die Gattin des Khan werden." Dara erzitterte. „Schwester," sprach sie, „Du wirst mich doch nicht den Barbaren preisgeben?" „Das Wohl des Landes," sagte die Königin kalt, „erheischt es so. Wir müssen uns mit den Tartaren eng verbinden, um uns gegen den römischen Kaiser zu schützen." „„Schwester, thue mir das nicht. Du kennst ja die Rohheit und Barbarei der Tartaren! Ein solches Geschick wäre mein Tod!"" „Und was wäre es, wenn Du zum Heile Deines Vaterlandes Dich opfertest?" „„Gern würde ich für mein Vaterland sterben! Aber von dem grausamen Khan langsam zu Tode gequält zu werden — das ist zu fürchterlich!"" „Freilich, jener jüdische Jüngling, der einst am Hofe unseres Vaters lebte, wäre Dir lieber! Doch ich bin Deine Herrin, und Du mußt meinen Befehlen gehorchen!" „„Schwester, sei nicht so grausam! Bedenke, daß ein Vater uns gezeugt!"" Und Dara warf sich zu Boden und weinte und umschlang schluchzend der Schwester Knie. „„Schwester," rief sie weinend, „ich weiß, Du hassest mich, und doch habe ich Dich nie beleidigt. O, habe Erbarmen mit mir und gib mich nicht dem Tartarenkönige preis! Bin ich doch Deine einzige Schwester, die einzige aus dem Blute SassanS, die Dir auf Erden noch lebt."" Arzem-Dokht war gerührt. „Es sei," sprach sie, „ich werde dem Khan melden lassen, daß Du Dich weigerst, sein Weib zu werden. Doch, damit er uns nicht zürne, ist es notwendig, daß ich mir den Anschein gebe, wie wenn ich Dich zwingen wollte. So sei Dir denn ein einsames Bergschloß als Gefängniß angewiesen." „„Ich danke Dir, meine Schwester; lieber will ich einsam mein Leben vertrauern, als ein Opfer des Tartarenkönigs werden."" Noch an demselben Tage wurde Dara marinem einsamen Bergschlosse fern von Ktesiphon gebracht. Dem Tartarenkönig wurde gemeldet, er möae sich gedulden, bis eS der Königin gelingen würde, den Trotz ihrer Schwester zu brechen. (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz. \ \