Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1870)
- Date
- 1870-05-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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356 hie Großen seines Hofes den König mehr als die Feinde fürchteten. Da vereinigten sich 22 Satrapen und begaben sich gemeinsam zum Prinzen Schirueh. „Dein Vater", sagten sie, „wüthet ärger in unserer Mitte als der Feind. Wir wollen ihn entthronen und Dich zum Könige auörufen." Das war der Augenblick, auf; den Schirueh lange gewartet hatte. Freudig willigte er ein. Die Satrapen bekleideten ihn mit dem Purpur und stellten ihm dem Volke als König vor. Schirueh versprach den Soldaten eine Erhöhung des Soldes, allen Unterthanen freie Religionsübung, ferner sofortigen Friedensschluß und Ermäßigung der Abgaben. Der allgemeine Jubel des Volkes begrüßte den neuen Monarchen. Darauf drangen die- Verschworenen in den Palast, überfielen Kosross, fesselten ihn und warfen ihn in einen finstern Kerker. Schirueh wurde zum Könige ausgeruftn. Da lag er nun im finstern, feuchten Kerker, der einst so Mächtige! Millionen Menschen hatten vor thm gezittert, Millionen hatten ihm geschmeichelt, Millionen waren stets seines Winks gewärtig gewesen — und nun lag er auf elendem Stroh, mit schweren Ketten belastet. Kosross, der sich König der Könige hatte nennen lassen, war jetzt ärmer als der Aermste seiner Unterthanen; Kosross, für dessen Tafel alle Kostbarkeiten der Erde herbei geschafft worden waren, mußte verschimmeltes Brod essen, verfaultes Wasser trinken, Kosroes, dessen Wohnung zu schmücken, alle Schätze der Erde waren aufgeboten worden, mußte in einem dumpfen, unterirdischen Loche mrweilen, wo Unken und Ungeziefer ihr Wesen trieben , und der eigene Unrath des Gefangenen die Luft verpestete. Und das Alles hatte ihm der eigene Sohn bereitet! Schlimmer aber noch als Moder, Dunst und Mangel waren dem Unglücklichen die Qualen des eigenen Gewissens. Da zogen sie herbei in die düstere Wohnung die langen Reihen der Ermordeten; die Hunderte der Nachkommen Davids, die Tausende, die fein Argwohn, seine Willkür, sein Jähzorn, seine Grausamkeit getödtet hatten. Entsetzlich waren die Qualen des unglücklichen Greises, vor dem einst der Erdball und seine Bewohner gezittert. Als der erste Jubel über den vollzogenen Thronwechsel verraucht war, erregte das furchtbare Geschick des entthronten Monarchen Mitleid bei den Bewohnern von Ktesiphon. Schirueh hörte davon und beschloß, seinen Vater aus dem Wege räumen zu lassen; aber es fand sich Niemand, der Hand gelegt hätte an den ehemaligen König da Könige. Schirueh, von Natur höchst feige, zitterte vor Angst. Was würde mit ihm geschehen, wenn das wankelmüthige Volk den Gefangenen aus dem Kerker reißen und wieder auf den Thron setzen würde? Von dieser Angst wollte ihn ein Mann befreien, der sich bei ihm melden ließ. Hormuz, der Sohn des Fürsten Muzdu, den KoSross einst während der Jagd niedergeschossen hatte, war es. Hormuz war der einzige seines Geschlechts, der damals dem Mordschwerte des Kosross entronnen war; er brannte vor Begier, den Mörder seines Vaters und all der Seinen zu tödten. „Willst Du," sprach er zu Schirusb, „daß ich Dich von Deiner Angst befreie, so mußt Du mir daS Gut und den Rang meines Vaters zuruckgeben; auch verlange ich die Königin Schehrin zur Gattin." Schirueh erschrak, als er dies hörte; auch er liebte seine schöne Stiefmutter und hatte schon beschlossen , sie zu seiner Gattin zu machen, was nach persischen Gewohnheiten weder als ungesetzlich nock als unpassend galt. Allein seine Furcht überwog; er versprach dem Hormuz Alles. Dieser begab sich mit blankem Schwerte in den Kerker des unglücklichen Kosross. „Kennst Du mich?" fragte er hohnlachend den Gefangenen. „Du bist," entgegnete Kosroes zitternd, „kein Anderer als König David, der da kommt, den Tod der Seinen zu rächen!" „Nein," antwortete Hormuz, „ich bin der Sohn des Fürsten Muzdu, den Du, falscher, grausamer Tyrann, einst auf der Jagd ermordetest. Jetzt empfange den Lohn Deiner vielen Schandthaten." Da warf sich Kosross zur Erde nieder und hob die gefesselten Hände jammernd in die Höhe. Schone mein, Hormuz", rief er, „schone mein! Das Volk wird mich befreien und wieder auf den Thron setzen. Dann werde ich Dich reich und groß machen." „Nichts da!" entgegnete Hormuz, „Du mußt sterben, Tyrann!" „Ziemt es sick," flehte Kosross, „daß Du Deine Hand legst an Deinen König, daß Du vergießest Sassans heiliges Blut? Alle Menschen werden Dich verfluchen und Dich „Königsmörder" nennen!" „Es ziemt sich", sagte Hormuz, dem Gefangenen nahetretend, „daß der Sohn den Mörder seines Vaters tödte." Dann trennte er den Kopf des Gefangenen mit einem einzigen Hiebe vom Rumpfe. So endete Kosross II., der Glanzvollste und Berühmteste der neupersischen Könige. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Rcdaction: Dr. Leh,nanu. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpresfndruck von I. Gottsleben in Mainz.