Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1870)
- Date
- 1870-05-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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353 bescheidentlich tauchten hier und dort Dankadressen der Orthodoxen an den Reichstag und an die Regierung auf, und dieses Benpiel brach den Bann, der auf den Congreßgetreuen lastete — auch sie begannen den bitteren und w-chmüthigen Gefühlen ihres Herzens in verschiedenen Manifestationen Ausdruck zu verleihen. „Retten, waS noch zu retten ist!" war die Losung, welche unter den Führern der Congreß-Majorität von Mund zu Mund ging, als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatten, und die Trümmer des so emsig aufgeführten Congreßbaues sie zu neuer, vielleicht erfolgreicher Thätigkeit anspornte; in Gemeinde-Repräsentanzen und Conventikeln haben sich die würdigen Männer seither bereits öfter versammelt und sich den Kopf darüber zerbrochen, wie man diese Orthodoxen trotz des fatalen Reichstagsbeschlusses doch in den Schooß der alleinseligmachenden Conzreß-Statuten bringen könne! Diverse Proteste und Beschwerden waren das Ergebniß der weisen Berathungen, welche mit aller talmudischen Feinheit geführt wurden', trotzdem die Conzreßanhänger Verächter des Talmud und seiner Quintessenz, des Schulchan-Aruch, sind. ^Die isr. Gemeinde in Pesth, welcher die Pflicht obliegt, sich an die Spitze einer jeden Bewegung innerhalb der ungarischen Iudenschaft zu stellen, blieb natürlich angesichts des Reichstagsbeschlusses, der wie ein Donnerkeil den schlau und gar künstl'ch errichteten Cvngreßbau zerschmetterte, nicht glekchgiltig; am 13. April d., Nachmittags. fand eine Versammlung des Gemeindeausschusses statt, und da kam diese Angelegenheit zur Sprache. Die Majorität des Ge., einde-Ausschusses wird von Congreßanhängern gebildet; es ist also kein Wunder, daß die Sitzung mit einem wehmüthigen Klagelied auf die kurze rasch geschwundene Herrlichkeit eröffnet wurde. Nachdem man das vielverheißende, frühzeitig unterbrochene Organisationswerk gebührendermaßen betrauert hatte, tauchte die Frage auf, was nun zu thun sei? Ein Mitglied machte geltend, die P sther Gemeinde müsse dem Congreßbeschlusse gegenüber Stellung nehmen, denn die „ Augen Europas " sind bekanntlich auf die Pesther israel. Gemeinde gerichtet! Das Bewußtsein der welthistorischen Wichtigkeit, welche den noch erst zu fassenden Beschlüssen innewohnen wird, schwellte die Brust der Anwesenden; „es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken," hat schon Schiller gesagt, und so ist es erkärlich, daß jeder einzelne Theilnehmer dieser merkwürdigen Conferenz von absonderlicher Weisheit und höherem Geiste erfüllt war. Der Prediger und Rabbinats-Verweser der Pesther Gemeinde, der ebrenfefte und wohlweise, auch hochwürdige Dr. Kohn brachte, offenbar unter einer überirdischen Inspiration stehend, den Antrag ein, die Pesther Gemeinde möge an den Reichstag ein Memorandum richten, in welchem theologisch und gelehrt der Nachweis geführt wird, daß zwischen Congreßjuden und Orthodoxen kein dogmatischer Unterschied bestehe, und welches den Reichstag bittet, er möge seinen Beschluß zurücknehmen... Sie sehen, Herr Dr. Kohn ist sehr bescheiden, er macht dem Reichstag die Umkehr sehr leicht; er verlangt nicht einmal, das Abge» ordnetenhauö solle Buße thun, den Congreß um Verzeihung bitten, sich auch allenfalls kleine Pönitenzen auferlegen; das alles verlangt Dr. Kohn nicht. Der Reichstag soll blos seinen vor vier Wochen gefaßten Beschluß widerrufen und annulliren, sonst nichts; das ist doch gewiß eine Kleinigkeit, die nicht der Rede werth ist, und wenn der Reichstag dieses unbedeutende Opfer bringt, so kann er sicher sein, daß ihn Dr. Kohn wieder in Gnaden aufnimmt, sintemal ja ein Reuiger dem Herrn und seinem frommen Diener, dem Prediger Dr. Kohn, weit lieber ist, denn zehn Gerechte, die niemals gesündigt. Die Versammlung nahm diesen Antrag mit Beifall auf und wunderte sich blos über, die große Weisheit, die diesen vr. Kohn erfüllt; allein ein Mitglied des Ausschusses, offenbar weit weniger von der hohen Bedeutung und unsichtbarer Tragweite des Moments erfüllt als die Anderen, hatte die Frivolität, über den Antrag in lautes Gelächter auözubrechen. Als er seiner Heiterkeit zum großen Aergerniß der Gefährten am grünen Tische eine zeitlang die Zügel hatte schießen lassen, sprach er endlich seinen Zweifel an der Richtigkeit des Antrages aus. Den Beweis zu führen, daß kein dogmatischer Unterschied zwischen den beiden Parteilagern der Juden besteht, sei völlig unstatthaft; er wolle sich gar nicht auf das Meritum der Frage einlassen, er wolle von den theologischen Minutien und Haarspaltereien, vom Schulchan - Aruch und Talmud ganz absehen; allein wenn ein Theil einer Religions-Genossenschaft die Behauptung aufgestellt, daß zwischen ihren religiösen Ansichten und denen der andern Partei wesentliche Unterschiede bestehen, so kann die letztere gar nicht mehr Beweis führen, daß im Sinne der theologischen Wissenschaft ein Unterschied nicht bestehe. Denn hier handelt es sich um machen der Glaubens, und die Minorität glaubt offenbar, daß Unterschiede bestehen; man kann ihr also unmöglich einen andern Glauben aufdrängen. Uebrigens beweist schon der eine Umstand, daß in dieser Frage (ob dogmatische Unterschiede bestehen oder nicht) solche Meinungsverschiedenheiten hervortreten, zur Genüge, daß die Ansichten der Orthodoxen mit denen der „Fortschritts-Partei" unmöglich identisch sein können. — Der Böse ist mächtig und immer bereit, zum Schlimmen zu führen. Die Opposition des einen Ausschußmitgliedes rief sofort ein Echo bei einem andern Mktgliede hervor. Dieses machte geltend, daß zu Ende der Dreißiger-Jahre, als der ungarische Reichstag die F-age der Iuden-Emancipation zum erftenmale verhandelte, an die Juden das Verlangen gestellt wurde, sie mögen eine Oouksssil»