Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1870)
- Date
- 1870-04-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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degrößten Amphitheaters der Welt, des Colosseums von Rom, verwendet wurden. Rom hat so manche Veränderung erlitten, daß e« schwer, ja unmöglich ist, sich eine richtige Vorstellung von seiner inneren Beschaffenheit zu jener Zeit zu machen. Derjenige Theil jedoch, welcher schon frühe in der christlichen Nera den Juden angewiesen wurde, muß von nicht geringer Bedeutung gewesen sein, wie dies die Ueberreste der alten bedeutenden Bauten noch jetzt anzeigen. Hier im Ghetto sind noch Ruinen, des „Theaters des Marcellus", erbaut zu Ehren seines jungen Neffen, vorhanden. Das Material dieseprachtvollen Bauwerks ist theilweife zum Bau moderner Gebäude verwendet worden; an der Nordseite stehen jedoch noch immer die schönen Säulen des ersten und zweiten Bogenganges. Der untere Bogengang ist jetzt in Verkaufsbuden umgewandelt, für Kleiderhändler und Obstverkauferinnen, ein Theil desselben in Werkstätten für Schmiede und Steinhauer. Auf dem Platze an der Südseite steht der Palast Orstni, dessen Besitzer im Winter darin residiren. Der Eingang in den Palast ist in der Nähe der Brücke di Quattro Capi, so genannt von den vier Köpfen des Janus zu jeder Seite der Brücke. Sodann ist dort der Palast der Familie Cerci, welcher, wie man sagt, aus dem Platze eines der schönsten Tempel in Rom erbaut wurde. Seine breiten Hallen sind jetzt zum größten Theil in kleinere Abtheilungen eingetheilt und von Juden bewohnt, welche auch ihre zwei Mädchenschulen in demselben Gebäude haben. Nahe bei der xvsoLeria (Fischmarkt) sind einige prachtvolle Säulen und das schöne Gebäude der Octavia, welches für die Zuschauer in dem Theater des Marcellus für den Fall eines Regens gebaut wurde, erhalten. Es hatte einstens eine Reihe von 270 Säulen, welche einen großen Flächenraum begrenzten, aus dem die Tempel des Jupiter und der Juno standen. Ein Theil dieser prachtvollen Ruine ist von der Kirche St. Angelo verdeckt, welche hauptsächlich zum Zwecke erbaut wurde, die Juden zu zwingen, Predigten von Mönchen oder Priestern anzuhören, denen sie eine jährliche Abgabe zu zahlen hatten. Diese Abgabe entrichten die Juden noch immer, obgleich die Kirche sehr verfallen ist, und heutzutage weder ein Gottesdienst darin gehalten, noch die Judenschaft zum Besuch derselben mehr gezwungen wird. An diesem Stadttheile, wo ihre ersten Vorväter sich niedergelassen haben, hängen die Kinder Israels mit inniger Zuneigung, obgleich nicht ohne die traurigsten Erinnerungen. Verfolgt während mehrerer Jahrhunderte, zur Sclaverei herabgewürdigt, gezwungen, sowohl die härteste als die erniedrigendste Arbeit zu thun; abgeschloffen von jedem Verkehr mit dem Volke, das um sie herum lebte, den drückendsten Gesetzen unterworfen, »ft geschlagen und beraubt, Wei¬ 312 ber und Kinder der rohesten Behandlung preisgegebe»„ die Männer ausgewählt, um mit.de» wilden Thier« in der Arena zu kämpfen, gezwungen die- Religio» ihrer Väter abzuschwören, heimlich in Kellern und Scheunen ihre Gebete zu verrichten. Torturen und Bestechungen wurden versucht, um die Juden auszurotten oder mit dem übrigen Volke zu amalgamiren, es war umsonst. Inmitten aller Wechsel, welche, oö politischer oder kirchlicher Art, sehr häufig und verschiedenartig waren, vermochte sogar die Befreiung von der Tortur und Sklaverei nicht, sie von ihrer Religion abtrünnig zu machen. Sie blieben Gottes Gebot getreu, und die Verheißung: „Ich will sie nicht vertilgen" ist vollständig in Erfüllung gegangen. Das Feuer urtb die Flamme der Verfolgung haben um sie herumgelodert, aber die alte Colonie im Ghetto i» Rom ist trotz alledem geblieben. Nur wenige Bekehrungen zu anderem Glaubensbekenntniß haben unter ihren Mitgliedern stattgefunden. Von der Piazza della Sinola führt eine bedeutende Straße durch den Ghetto nach der Ponte di Quattro Capi. Am entgegengesetzten Ende der Straße steht eine Kirche, über deren Thüre ein großes Freskogemälde angebracht ist. Es stellt den chr. ReltgionSstifter dar, und darunter steht mit großen Buchstaben, Iesaia 15, 2.: „denn ich recke meine Hände aus den ganzen Tag zu einem ungehorsamen Volke, daS seinen Gedanken nachwandelt auf einem Wege, der nicht gut." Von dieser wichtigen Straße ziehen sich viele andere, enge und winkelige, nach den belebtere» Stadttheilen. Kein Jude kann aus dem Ghetto kommen, ohne jenes Bild zu sehen. Das Ghetto ist in der That ein eigenthümlicher Platz. Hier gehen alle Arten von Geschäften vor sich, alle Arten von Gegenständen werden hieher gebracht und verkauft, Häuser und Ländereien ausgenommen, zu welchem Hansel die Juden kein Recht haben. Hier sind Buden und Läden mit Waaren aus allen Handelsplätzen von England, Deutschland und Frankreich. Hier kann man Artikel finden, welche die Schaufenster von Paris zieren würden, und solche, die man nur auf dem schmutzigsten Trödelmarkt findet. Hier werden sowohl die reich vergoldeten Stickereien aus Konstantinopel und Tunis verkauft, als die rothen Pantoffeln von Maroceo; Möbel von jeder Gattung; große Spiegel mit goldenen Rahmen, welche jene i» den prächtigsten KönigSschlöffern verdunkeln würde«, und daneben Stühle ohne Lehne für drei Bajoechi per Stück, um dem Bettler in seiner Hätte zu dienen. Pistolen, Säbel, Gewehre, Waffen aus vergangene» Zeiten, die kaum mehr werth sind in den Schmelzofen geworfen zu werden. Goldene und silberne Schmuckgegenstände findet man hier in Maffe, von den herrlichsten Kostbarkeiten der Vornehmen bi< M