Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1870)
- Date
- 1870-04-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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1 313 Hem einfachen Zierrath des gemeinen Volkes. Werthvolle Steine, Perlen, geeiqnet, um ein königlich es Diadem zu zieren; Antiquitäten von jeder Gattung, Raritäten, nett, fein und rar, so wie alle nur erdenklichen Arten von Stoffen. Aber nichts von Allem ist zu sehen , wenn man durch die Straßen schlendert, Alles ist verdeckt oder unter gutem Verschluß, und wenn man den Juden nach solchen Dingen fragt, dann flüstert er leise: „St! St!" Viele der Juden im Ghetto haben die Gewohnheit vom frühen Morgen bis spät in die Nacht durch die Straßen von Rom zu wandern, mit einem Sack auf dem Rücken, um Gold, Silber, alte Kleider, Stiefel rc. einzukaufen. Es ist interessant, sie am Abend hetmkommen, die Taschen, den Sack und den Schubkarren, den manche mit sich führen, auspacken zu sehen. Der Mann ist müde und hungrig und sitzt bequem zum Essen nieder, welches für ihn zubereitet wurde, und das bei Manchen» armselig genug ist. Ganz frühe am nächsten Morgen macht der Mann sich wieder auf seinen gewöhnlichen Weg durch die Straßen von Rom, seine Wäaren unterwegs laut ausrufend, wie die Irländer und die Juden in London oder anderen großen Städten. Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, welche Zusammenstellungen und Sammlung von Zeugen, welche verschiedenartige Artikel als Antwort auf den Ruf des Juden hauptsächlich von Dienstmävchen oder Bedienten herbeigebracht werden, welche sein Kommen erwarten, wie die Katzen in London den Mann erwarten, der ihnen Futter bringt und sie mit seiner gellenden Stimme herbeilockt. Sie wissen, daß der Jude Geld für Knochen und Lumpen geben kann und manchmal ziehen sie ihn abseits in eine Ecke oder einen Winkel, um ihm auch etwas beffereS zu verhandeln. Kinder und Frauen sind beständig beschäftigt, die Gegenstände, welche die Männer heimbringen, zu sortiren; Glas, Eisen und Kupfer werden von einander gesondert, die Lumpen ihrer Qualität nach geordnet, alte Kleider ausgebessert, geputzt und aufgehangen oder zusammengelegt und aufgehoben; beschmutztes Linnen wird gewaschen und zerrissenes geflickt. Die Knaben poliren das Eisen, repariren alte Möbeln, zerbrechen alte Schachteln zum Anfeuern, oder leimen sie frisch zusammen, während die Jüngeren sich in der Sonne wärmen oder sich an einer Kruste Brod mit Zwiebeln belustigen. Es ist ein belebter Schauplatz um diese jüdische Kolonie. Die Wohnungen sind elend, dumpf und düster, und die meiste Arbeit wird auf der Thürschwelle verrichtet. Der Vorübergehende, wenn er ein Fremder ist, wird mit Angst und Argwohn beschaut und schüchtern gefragt: „Coae cercateP“ (WaS suchen Sie?) Auf Alle», nach was Du auch nur fragen wirst, wird man Dir sagen, daß es dort zu finden ist, nur muß man in'S Haus treten, denn eS wäre unklug, gute Gegenstände in der -Straße auszustellen. Dir Juden haben sich niemals mit den übrige» Einwohnern vermischt. In diesem Punkte, sowie in vielen anderen, haben sie eher Alles erduldet, als den Versuchungen, welche ihnen bereitet wurden, nachgegeben. Es sind Juden reinster Raye. Ihre Physiognomie hat den echt Abraham'schea, orientalischen unfr semitischen Typus; die meisten derselben haben ei» gutes Aussehen, die Frauen find zum größten Theile hübsch, eine kleine Anzahl darunter wahrhaft schön. Viele Kinder, mit ihren großen Augen, dem schwarzen Lockenhaar, den laugen dunkeln Wimpern, find lieblich, obgleich schmutzig; denn Reinlichkeit ist nicht die vorherrschende Tugend in R)M. Diese Juden leben hier zu 5000 dicht gedrängt beisammen, obgleich der übrige Theil von Rom nur schwach bevölkert ist, und es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß dennoch. Epidemieen selten viel Unheil unter ihnen angerichtet haben. Die HungerSnoth ist mehrmals in Rom gewesen; die Juden haben im Ghetto verhältnißmätzig nur wenig darunter gelitten. Die Pest und Cholera sind rasch auf einander in Rom ausgebrochen, aber von den Juden im Ghetto sind auch diesen Krankheiten nur wenige unterlegen. Das Miasma auS den pontinischen Sümpfen iw Sommer ist die Ursache von Fieber und häufigen Todesfällen in Rom, aber die Juden im Ghetto leiden nicht viel davon. EL gibt aber natürliche Ursachen, denen diese wunderbare Bewahrung jedenfalls theilweise zugeschrieben werden kann. Die Juden lassen ihre armseligen Wohnungen zu jedem Feste frisch tünchen; viele thun dies sogar jeden Freitag auf den Sabbat. Vielleicht mag diL günstige Wirkung davon durch die jährliche Ueberschwemmung des Ghetto durch die Tiber noch erhöht werden. Manchmal ist sogar der zweite Stock eine- Hauses unter Wasser und die Bewohner sind genöthigt, eine Zufluchtsstätte in den Dachstuben zu suchen. Diese Ueberschwemmung dauert nur wenige Tage, von Zeit zu Zeit aber mehrere Wochen an. So grost. diese Plage, so ist fte doch zugleich ein wahrer Segen; die Abzugskanäle werden vollständig gereinigt. In sanitätischer Hinsicht gibt es keinen besseren Stadttheil, als das Ghetto, und dies ist gut für die Juden, denn sie haben kein Spital, in das sie gehen könnten» Sie haben drei jüdische Aerzte, welche sich tüchtig anstrengen müssen, um ihren Unterhalt zu verdienen, und deßhalb ihre Aufmerksamkeit mehr den Reichen als den Armen zuwenden. Wenn sie wollte», könnten sie, wenn sie erkranken, in einem der Hospitäler in Rom Aufnahme finden; allein dann müßten sie sich darein fügen, ein ... . über dem Bette hängen zu habe«, und dürste« sich nicht weigern, sich mit den anderen Patienten vom Priester mit Weihwasser be» sprengen zu lasten. (Schluß folgt.)