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Der Israelit · 1870-04-27 · Heft 17 (27.4.1870) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 17 (27.4.1870)
Date
1870-04-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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304 nischeS Spiel treibe, indem sie, während alle Monopole in Rußland aufgehoben sind, das Rabbinerthum monopolisirt und ein durch den Arm von RegierungSgewalt geschütztes und den Gemeinden als ausschließliche BitdungSanstalt octroyirteS Institut geschaffen, den Gemeinden zwar die freie Wahl ihres Rabbiners unter diesen Candidaten gelaffen hat, aber eine solche, die der freien Wahl der Todesart, die einem Delinquenten gestellt wird, sehr ähnelt. Was, wäre man geneigt zu fragen, ist dies anders als ein theuer bezahlter Hohn auf das Judenthum, eine Verletzung der heiligsten Gefühle einer Nation und ein eigenmächtiger Eingriff in die Gewissensangelegenheiten, in die religiöse Ueberzeugung ihrer treuesten Unterthanen? Dem ist aber doch nicht so. Unsere Regierung handelt bona fide, sie wünscht unser Wohl, sie begeht nur die traurigsten Mißgriffe in der Wahl ihrer Rathgeber, läßt sich von ganz incompetenter Seite, von ein Paar Renegaten und einigen nur dem Namen nach dem Judenthume angehörigen Neologen hinters Licht führen, und sich zu Handlungen v rleiten, die sich wede mit dem Geiste des Judenthums noch dem der Zeit vereinigen lasten; man insinuirt der Regierung, die orthodoxen Juden könnten sich mit dem Ruffenthume nicht amalgamiren, so lange sie an dem Judenthume hängen, sie seien Feinde der Bildung, seien keine treuen Unterthanen, der Regierung unbequem, und wie diese schmählichen Denunciationen alle lauten, ja ein Jude, der beim General-Gouverneur zur Vertretung der.jüd. Angelegenheiten angestellt ist, hat sich, um für die Zöglinge der Rabbinerschule' officielle Reclame zu machen, nicht entblödet, neulich in WilenSki Westnik, solche Denunciationen eines Haman, Eisenmenger und Consorten öffentlich auszusprechen. Es ist meine Absicht durchaus nicht, jme Denunciationen zu widerlegen, denn es ist nur ein Abklatsch von Thorheiten, die sich selbst richten; steht ja Jeder, der sich der Erfahrung nicht gänzlich verschließt, ein, daß wenn einmal von Communismus und politischen Umtrieben die Rede ist, die wir nicht angeregt haben und anregen würden, dies bei den glaubenstreum Juden viel weniger stattfindet, als bei den halbgebildeten Neuerern. Leider hört die Regierung auf solche Lügen und Ohrenbläsereien ihrer Denuncianten, und glaubt etwas Väterliches zu thun und daS StaatSintereffe zu fördern, wenn sie in die Gefühle, in das Gewissen und den Säckel der Gemeinden Eingriffe macht. Es ist heilige Pflicht aller Gemeinden, aller Vereine des Auslands, aller jüdischen Publicisten, über das Mißverständniß aufzuklären, der Regierung zu zeigen, daß sie mit ihren jüdischen Unterthanen eine ihrer unwürdige Komödie odereine ebenso schauerliche Tragödie spielt, daß sie Leute, die das Rabbinerthum travestiren, zu Rabbinern decretirt, und dadurch nicht nur ein Attentat auf die heiligsten Gefühle der Gemeinden begeht, sondern auch bewirkt, daß diese vor der Bildung noch mehr zurückschrecken. Sollte die Regierung ungläubig den Kopf schütteln, wohlan, so. möge sie es auf eine Probe ankommen lassen, möge sie einerseits Rabbiner aus dem Gros der aus den Rabbinerschulen hervorgehenden, (sehr seltene Ausnahmen gebe ich zu), meinetwegen soviel wie die tyan, anderseits nur einem mittelmäßigen der so verschrieenen Winkellehrer vor unparteiische Sachkenner berufen, dann wird sich zeigen, daß diese sogenannten Rabbinen nicht einmal die Hälfte des Wisse S jenes Malamed besitzen, daß die Rabbinen eben so gut Aerzte, Astronomen oder Lehrer der chinesischen Sprache wie Rabbiner sein könnten, da sie von diesen Wiffenschaften nicht weniger als vom Jüdischen verstehen, daS heißt gar nichts: und wozu sie deßhalb befähigter als zum Rabbiner sind, weil ihre Jrreligiösität dann nicht in Betracht gezogen zu werden brauchte. Was ihre weltliche Bildung betrifft, so wird sich wohl (außer der russischen Sprache, die sie mehr oder weniger verstehen), dasselbe Resultat ergeben, wenn man ihnen einen mittelmäßigen unscheinbaren Autodidakten entgegenstellt. Und diese sollen unsere Rabbiner sein? um solche Zerrbilder des jüdischen und weltlichen Wissens sollen wir so hoch besteuert und, waS tausendmal schwerwiegender ist, in unseren Gewissen geknechtet werden? Großer Gott! — waS haben wir denn verbrochen, daß man uns so bevormundet, daß man uns in unserem innersten religiösen Gefühle so beleidigt und beschämt? — Und was wird aus der Jugend, welche die Rabbinerschule besucht? Ach, mit geschlossenen Augen gehen sie ins Verderben, ihr ganzes Leben wird vernichtet, ihre Thätigkeit nutzlos; ihr Brod, daS von Schweiß und Thränen der Armen trieft, ist ein unverdientes, nur durch Deerete erpreßtes. Sie werden wie ein Polizist oder Denunciant gefürchtet werdm, geachtet aber von Niemandem; die Gemeinde sieht auf sie, wie auf unverschämte Eindringlinge, die Gebildeten betrachten sie mit noch größerer Geringschätzung und spotten ihrer wegen ihrer Unwissenheit. — Und was das Schlimmste ist, sie sind. ein Abschreckungsmittel gegen den Schulbesuch; denn ein jeder Vater sagt sich mit Recht, wenn die Bildung solch Carricaturen liefert, so ist ja der Status quo vorzuziehen, d nn sowohl der rohe Pöbel, wie die Zöglinge der Rabbinerschule sind mit geistiger Blindheit geschlagen, nur mit dem Unterschiede, daß die Ersten wenigstens auf eine geschickte Hand hoffen, die ihnen daS Augenlicht wiedergibt, während die Letzteren ihre Blindheit für klarstes Augenlicht halten. Wohl ist es zu wünschen, daß unsere wahren Rabbiner etwas mehr wissenschaftliche Bildung besitzen, dazu aber muß man zuerst daS Bedürfniß darnach im Volke wecken, was nicht durch Pseudorabbinen,

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