Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1870)
- Date
- 1870-04-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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303 , Der Grund der erwähnten Erscheinungen ist in Deutschland und Rußland mutatis mutandis einer und derselbe; wir selbst sind Schuld daran „QOtew cbvftro".''33cnn im vorigen Jahrhundert, als das Dedürfniß nach Bildung sich geltend zu machen anstng, aber noch echte religiöse Gesinnung und Praxis die ‘ Gemeinden Israels beherrschte, die Großen die Sache in die Hand genommen hätten, um diese Bewegung in ihr rechtes Geleiö zu leiten und sie zu überwachen und zu beherrschen, dann hätte diese Bewegung zum Heil und Segen gereicht, wir hätten jetzt vielleicht ein gebildetes religiöses Zeitalter wie das der Kalifate; Rabbiner, die bei immensem talmudischen Wissen, bei echter Frömmigkeit, auch eine gründliche wissenschaftliche Bildung besaßen, und so das Judenthum allerseits aufs Herrlichste vertreten hätten; der Einfluß derselben auf ihre Gemeinden wäre unabsehbar. So aber kamen, da die Bewegung und der Drang nach gebildeten Rabbinen nicht mehr zurückzustauen war, die Holdheim, die Zeiger, zum Amt, to-,s vormr O'i'vdn usurpirten die Rabinerstühle, und wühlten im Allerheiligsten. Dem zu folge rst das religiöse Gefühl theils ganz gesunken, theils sn eine falsche gefährliche Richtung gelenkt. — Ganz so war es b^ uns. Als die Regierung in den vierziger Jahren die Bildung von Rabbinerschulen beschlossen hatte, wurde eine Rabbinercommisston nach Petersburg berufen. Hätten damatS die Vertreter der Orthodoxie die Sache in die Hand genommen, wir hätten jetzt Rabbiner gehabt, die man den ersten orthodoxen Rabbinen in Dei^schland an die Seite stellen könnte; dies geschah aber nicht; höchstens wollte man, wenn man nicht gerade, wie dies die Meisten thaten, feindlich dagegen auftraf, allerdings in bester Absicht, aber leider in Unterschätzung des Ernstes der Sache, die Rabbinerschule ignoriren. Dadurch gerieth die ganze Institution in schlechte Hände, die Rabbinerschulm wurden von Elementen, die der Religion feindlich gegenübersteheu, gegründet, mit unzureichenden Lehrkräften besetzt, und so haben wir jetzt statt religiöser gebildeter Rabbinern, weder Religiöse noch Gebildete noch Rabbiner, nur stehen wir uns dabei in doppelter Beziehung weit schlechter als ün Auslände, denn erstens kosten uns die sogenannten Rcbbinerschulen jährlich schweres Geld, womit mau viel Nützlicheres für das Allgemeine thun könnte, und zweitens werden die in jenen Schulen herangebildeten Kandidaten den Gemeinden als Rabbiner octrotz irt, was die Gemeinden mit verbissenem Grimme und nur aus Furcht vor polizeilichen Maßregeln geduld >g ertragen. — Welche Rabbiner aus diesen Rabbinerschulen hervorgehen? — Eö ist mit einem Worte zu sagen. Kern Jünger der russischen Rävbinerschulen auch die, welche den 10jährigen Cursus beendigt haben und zu Rabbinern officiell diplomisirt sind, würde im Stande sein, in das theologische Seminar zu Breslau, das bekanntlich durchaus nicht theologisä e Fülle des Wistens beanspruchen kann und dessen Candidaten so vieles einem Rabbiner Nothwendige gebricht, auch nur einmtreien. indem ihm sowohl die jüdischen wie humanistischen Dorkenntnisse fehlen; über den Geist aber, der in der Rabbinerschule herrscht, braucht nichts weiter gesagt zu werden, als daß ein getaufter Jude Namens Hurwitz dort als Lehrer fungirt (l) der zwar eine Reue über sein früheres, sündhaftes, jüdisches Leben simulirt, in Wahrheit aber sich die Proselytenmacherei zur Aufgabe gestellt bat, weshalb es nicht zu den Seltenheiten gehört, daß die Zöglinge der Rabbinerschule sich taufen lassen!!! Die Besten von denen, welche die Rai binerschule als Fertige entläßt, bei denen noch ein Funke intellectuellen Selbstbewußtseins glimmt, und die so viel Kenntnisse erworben haben, wie Adam und Eva nach dem Genüsse vom Baum der Erkenntniß, daß sie nämlich, nackt und wiffensblind sind, suchen ihre Studium aufs Neue anzufangen, und in irgend einer Lehranstalt etwas Nützliches zu lernen, die Nebrigen aber, d. h. bis Weitem die Meisten, die ebenso groß in der Frechheit und Selbstüberhebung als in der Ignoranz sind, die werfen sich zu Rabbinen auf, und usurpiren ein solches Amt; ja es geht i: re maßlose Arroganz so weit, daß sie beispielsweise selbst in Odessa intriguirten, um den Vr. Sckwabacher in Cherson, um O'2^>v jwwn zu verdrängen, — ein Schwabacher, ein ll'pvv, und solche Duodezrabbiner? kaum glaublich, ober wahr. In neuerer Zeit gingm sie noch einen Schritt weiter; es fingen an hierarchische Gefühle sich in ihnen zu regen, sie dachten, daß sie mit demselben Rechte, mit dem sie Rabbiner seien, auch Bischöfe sein könnten; der Säckel der kleineren Gemeinde stach ihnen in die Augen und so intriguirten sie so lange: (und was kann man leider bei uns nicht durch Jntriguen und eine klangvolle Stimme erlangen?) bis sie zu Kreisrabbinen ernannt wurden, so daß jetzt jedesolches Rabbinerche» von 15 bis 20 Gemeinden Com» tribution erhält; diese Gemeinden sind wiederum zur passiven Duldung verurtheilt. — Sollten diese Zeilen eine Entgegnung Hervorrufen, so müssen die Gegner vor Allem den Beweis führen, daß sie ein Recht haben, den Namen „Rabbiner" zu tragen, daß ihre Fähigkeiten und ihre Sittlichkeit sie dazu berechtigen. Sie mögen aber vorsichtig sein, denn ich habe viele facta, und argumenta ad homines zur Hand, die ein so grelles Licht über sie verbreiten können, daß es sie gereuen würde, den Handschuh ausgenommen zu haben. Ich will einstweilen noch, so lange ich dazu nicht provocirt werke, keine Namen nennen. Man könnte leicht die Regierung beschuldigen, daß sie mit dem Judenthum, gelmde gesagt, ein höh-