Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-04-13 · Heft 15-16 (13.4.1870) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 15-16 (13.4.1870)
Date
1870-04-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447463--08198-2463835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XL Jahrgavg. Erste Beilage zu Nr. 15 & 16 des Israelit. Leitender Artikel. Leibliche und geistige Ireiheit. (Zum Pehachfrtzr«) Bon H. Rackwitz, Prediger zu Schivelbein. Alljährlich am schönen Peßachsefie, dem Feste der Freiheit, bei der erhebenden Feier der Seder-Abende sprachen unsere Vorfahren mir frommer Ergebung und freudiger Hoffnung: jnvs ’js nson rurt', *irj? WE».i. In diesem Jahre noch Knechte — im kommenden Jahre — freie Männer. '13p wem! Diese zwei Worte bezeichnen hinlänglich die traurige Lage unserer Vorfahren während rnehr denn tausend Jahren. Unsere Vorfahren waren Knechte in der schrecklichsten Bedeutung deö Wortes. Sie waren Knecbie nicht nur der freien Herren, der Kaiser, Könige, Fürsten und Barone, sondern auch Knechte der Knechte, Sklaven des niederen Volkes, das selbst in tiefster Knechtschaft, schmchvoollfter Abhängigkeit von den sogenannten Hochgeborenen und Hochgestellten lebte. Der Roheste und Gemeinste diefer niederen VolkSklasfe durste die Edelsten und Weisesten, die Erleuchtetsten und Frömmsten unserer Glaubensgenossen ungestraft verspotten und verhöhnen. Sie warn» Knechte und dennock frei! Freier als ihre Herren, ihr Dränger und Peiniger: freier selbst als die sogenannten Freiherren, die Großen und Mächtigen der Erde! Denn in Wahrheit waren diese Herren Sklaven; Sklaven des Lasters, der Herrschsucht, des Hochmuths, der Schwelgerei und Tleppigkeit. In eben dem Maße als jene Herren unfrei jwaren, waren unsere Vorfahren frei; in eben dem Maße als jene Herren die Diener des Lasters waren, waren unsere Vorfahren die Diener Gottes. Denn wofür lebten und strebten unsere Vorfahren, wofür litten und dulteten sie? — für die höchsten Güter der Menschheit: für ihre Ueberzeugung, für ihre Religion, für ihre Familien und ihre Glaubensgenoffen. '12p wem d. h. ihr Leib war geknechtet, doch ihr Geist war frei.;mn 'J3 n&an ruE^. Freilich dieses ersehnte Jahr der Freiheit, es lag noch in weiter Ferne! Der schöne Freiheitsmorgen, er ließ lange auf sich warten! Mehr denn tausend Jahre hat die grausige Nacht der Knechtschaft gebauert — es war unseren Vorfahren nicht vergönnt. den Tag der Freiheit zu schauen; wir, ihre Nachkommen, wir haben ihn erlebt: Wir sind frei! Gefallen finb die Zwingburgen der Tyrannei, zertrümmert die Mauern und Scheidewände, welche der ' Haß und das Voruriheil, der Aberglaube und der! Fanatismus zwischen Mensch und Mensck. zwischen i Bürger und Bürger eines und desselben StaareS errichtet und Jahrhunderte hindurch mit Gewalt aufrecht erhalten. Verschwunden ist der gelbe Hut vom Haupte und der gelbe Fleck von der Brust des Juden, jene Schandflecke iticht für ihre Träger, sondern sür die hochgeborenen Gesetzgeber, die die Nachkommen der Patriarchen, der Propheten und Weisen durch solch gelbe Lappen zu schänden wähnten. Gefallen sind die Mauern der engen und dumpfen Ghetti, in welche» die Gemeinden wie in Kerker eingrschloffen waren; ausgehoben jene pharaonischen Gesetze zur Beschränkung des jüdischen Ehelebens, die noch am Ende des vorigen Jahrhunderts in fast allen Ländern Europain »oller Blüthe waren; verschwunden die unzähligen Steuern, die die unersättliche Habsucht der Großen von den armen Juden erpressen zu muffen glaubte: der Leibzoll, der Judenzoll, die Judensteuer und endlich — der Judeneid. Verschwunden aus dem Geiste des Volksder Glaube an jene schauderhaften Mährchen, Brunnenvergiftungen, Hostienschändungen, Gebrauch des Christenblutes zur Feier des Peffach-Festes; verschwunden jene Mährchen, welche im stnstern Mittelaller die Bosheit ersonnen, der Fanatismus groß gezogen und denen alljährlich Tausende uuserer Glaubensbrüder als Opfer fielen. Verschwunden ist jene Nacht geistiger Finsterniß und geistiger Knechtschaft und herangenaht der Morgen der Bildung und der Freiheit. Wir sind frei! Gleich einem bösen Traume liegt die finstere Zeit der Knechtschaft hinter uns. DaS jetzige Geschlecht vermag kaum in jene traurige Zeiten sich hin einzudenken, vermag es kaum zu begreifen, daß ihre Vorfahren unter solch traurigen, unerträglichen Verhältnissen leben konnten; und dennoch haben sie mehr denn tausend Jahre in solch jammervollen Verhältnissen gelebt! 'i3p wem war die richtige Bezeichnung sür die traurige Lage unserer Vorfahren; ihre Leiber waren geknechtet, doch ihr Geist war frei. Wir, ihre Nachkommen sind nicht geknechtet, find

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.