Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 15-16 (13.4.1870)
- Date
- 1870-04-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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275 Feuilleton. N o st a n a i. (Eine historische Erzählung aus dem 7. Jahrhundert der gew. Zeitrechnung.) XV. Lockungen. In dem Augenblicke, da man Kaphnai und Ialetha hinausführen wollte, rief Kaphnai: „So wisse, o König, daß Du mit dem Todesurtheile Bostanai's auch Dein eigenes unterzeichnest. König David wird seinen letzten Enkel zu schützen oder doch zu rächen wissen." Kosross lachte ingrimmig, und doch war ihm nicht wohl ums Herz; er gedachte lebhaft seines Traumes und des Schwures, den er geschworen. Wenn irgend Etwas auf den Tyrannen einen Eindruck machen konnte, so war es die Sorge um die eigene Sicherheit. Gern hätte er Bostanai frei ausgehen lassen; allein er fürchtete Niemanden mehr als seinen Sohn Schirush; ihm wollte er keinen Anlaß zur Klage, zur Rache geben. Schirush war der Sohn einer vornehmen Perserin. Da sie die einzige Gattin des Königs war, welche ihm einen Sohn geboren hatte, so hätte ihr nach persischem Gesetze der Platz als Königin, als erste Frau des Serails gebührt; allein der König liebte eine andere seiner Frauen, die Mutter Arzem-Dokht's, mehr als die Mutter Schirush's und wies gegen Gesetz und Herkommen der Mutter seiner Tocyter den Platz an, welcher der des Sohnes gebührte. Die letztere wollte nicht weichen, und als sie dem Könige zu lästig wurde, verbannte er sie von seinem Antlitze. Die Frau grämte sich so sehr darüber , daß sie erkrankte und starb. Vorher rief sie die fürchterlichsten Flüche auf das Haupt des Königs herab und sprach die Ueberzeugung aus, daß ihr Sohn sie einst rächen würde. Seitdem fürchtete KoSross den eigenen Sobn wie keinen anderen Menschen und hütete sich vor Allem, dem Kronprinzen irgendwie Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. War es doch überdies nicht selten in der Geschichte des neupersischen Reiches, daß der Sohn sich gegen den Vater empörte. Hatte doch KosrosS selbst vor seinem Vater fliehen müssen, weil er diesem war verdächtig worden; hatten doch die Brüder seiner Mutter den König Hormuz inS Gefängniß werfen, blenden und bald nachher tödten lassen, um ihren Neffen aus den Thron zu bringen, den dann der Feldherr Bahrem einnahm. Als Kosroes später mit Hilfe der Römer auf den Thron gelangte, hatte er zwar den Tod seines Vaters gerächt und die Oheime hinrichten lassen, welche zu seinen eigenen Gunsten den König erwürgt hatten — allein das böse Beispiel war gegeben; Schirush wußte von der Zurücksetzung seiner Mutter und der Rache, die sie ihm übertragen, und der Unzufriedenen gab es genug im Lande. Nein, es ging nicht, Bostanai mußte sterben; seine Begnadigung gegen das Gesetz hätte Schiruvh dm gewünschten ^Vorwand zur Empörung verliehen. Um sich zu zerstreuen und zu erheitern, suchte Kosross die Königin Schehrln auf. Er fand sie, bemüht, ihr verzweifelndes Kind zu trösten. Darä war außer sich vor Schmerz. Als sie den König erblickt-, warf sie sich ihm zu Füßen, umklammerte seine Knie und bat ihn, auch sie tödten zu lassen; sie könne nicht mehr leben, wenn Bostanai sterben müsse. „Vater," rief sie, „weil Bostanai gehandelt wie ein edler Mensch handeln soll, weil er die Braut seines Freundes vor Gewaltthat geschützt hat, willst Du ihn tödten lassen? O, hätte mein Bruder je eine solch edle That vollbracht! Schirush's Wunde wird heilen; aber meines Herzens Wunde wird nimmer vernarben, wenn Bostanai sterben muß!" Und sie fing laut an zu weinen und zu schluchzen; auch Schehrin weinte und sprach: „Ich bitte Dich, o König, begnadige den Jüngling um meines einzigen Kindes, um meinetwillen!" So lange Schehrin die Gattin des Königs war, hatte er ihr noch nie eine Bitte abgeschlagen; jetzt aber schüttelte er finster das Haupt: „Ich kann nicht," sprach er, „ich kann nicht; der höchste Gerichtshof der sieben Fürsten hat ihn zum Tode verurtheilt, uud für Schirush wäre diese Begnadigung ein günstiger Vorwand. Du liebst ihn also, Dara, diesen jüdischen Knaben?" »O," entgegnete Dara, „ich liebe ihn mehr als mein Leben, mehr als das Sonnenlicht!" „Und weißt Du nicht," fragte Kosross, „daß Du niemals hätt st seine Gattin werden können?" „Ich weiß es! Ach, ich will ja gern auf jedes Glück verzichten, wenn nur der edle, gute Bostanai recht glücklich würde. O, Vater, dieser jüdische Jüngling ist schön wie die Sonne, weise wie kein anderer Mensch, edel und gut wie der unsterblichen Götter einer!" Und wiederum begann sie zu weinen; sie ergriff die Hand des Königs und benetzte sie mit ihren Thränen. „Ja," sagte der König, „es ist wahr, der Knabe ist edel und gut und klug, und ich liebe ihn mehr als meinen eigene» Sohn, den ich fürchte wie meinen schlimmsten Feind. Und Du liebst ihn, meine Tochteer, und auch Du, Schehrin, meines Herzens Gebieterin, flehst für sein Leben? Und ich habe einstens geschworen, ihn zu hüten, wie meinen Augapfel! Komm mit mir, Dara, ich will noch eines versuchen — vielleicht können wir ihn retten!" Da jubelte Dara und sprang an ihrem Vater empor und schlang ihre Arme um seinen Hals und weinte und lachte unter Thränen. U iterdeß saßen Bostanai und Achri kummervoll in einem düstern Gefängnisse tief unter der Erde. „Um meinetwillen, Bostanai," sagte Achai traurig , „mußt auch Du den Tod erleiden, um meinetwillen wird Davids Licht ausgelöscht werden."