Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1870)
- Date
- 1870-04-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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255 gen in schwebender Pein" würde zu deutlich werden. Die Orgelfrage ist seit 50 Jahren daS Schibolet der Parteien im Jüdenthume. Meiner Ueberzeugung nach mit vollem Rechte, wiewohl es allerdings auf dem Gebiete der Cultuöreform streitige Fragen von weit größerer Tragweite gibt. Unsre jüdischen Mitbrüder haben hier mit feinem Tact daS Richtige herausgefühlt. Dies wohl erwogen nimmt es sich recht komisch auS, wenn der Schreiber besagter Artikel sich höchlichst darüber verwundert, daß die Orgelfrage „heute noch gerade so steht, wie vor 50 Jahren." Gleich als wenn Jemand die Frage aufwerfen wollte, wie es komme, daß heute noch eine nicht zu verachtende Anzahl von Juden starr und fest an eine sinaitische Tradition glauben, während doch schon vor 50 Jahren dieser Glaube durch Schrift und Wort bekämpft wurde. Vor einem halben Jahrhundert erklärte bei Gründung des hiesigen Tempels die angesehensten und bedeutendsten Rabbiner damaliger Zeit die Einführung der Orgel in die Synagoge für unzulässig aus religiösen Gründen, und heute gibt es rfu noch sehr viele gute D’-nrp, die diesen Gutachten und den Gründen, aus denen sie hervoroegangen, beipflichten. Andre sehen diese Gründe nicht als triftig an, oder kennen sie gar nicht. Darum ist die Frage nicht weiter gekommen und wird nach abermals 50 Jahren ebenso stehen, es sei dem, daß die Fürsprecher der Orgel sich von der Unrichtigkeit 'ihrer Ansicht überzeugen lassen. Näher auf die Gründe hier einzugehen, kann natürlich nicht meine Absicht sein. Wer sich darüber belehren will, der lese die betreffenden Gutachten in dem damals erschienen Buche nnan nm Wir anempfehlen dieS auch dem Verfasser der betreffenden Artikel zum nochmaligen Lesen, da eS ihm vermuthlich nicht unbekannt ist. Vielleicht modificirt er dann seine Ansicht, daß „alle Stellen, die je über »un nipin geschrieben sind, nichts werden beweisen können." Etwas kühn ist es , die Gutachten jener berühmten Rabbiner, die doch auch etwas „lernen" konnten, so vornehm zu ignoriren, und die Enscheidung der Frage — den Com« ponisten und Aestethikern zuzuweisen. Merkt es Euch, Ihr Jünger der jüdischen Theologie, die Ihr dereinst ein num bekleiden wollt, wenn Ihr nicht Componisten seid und fleißig Aestethik studirt habt, könnt Ihr keinen Anspruch auf nanin mnn machen! Wie konnten auch die Gemeinden bisher so verblendet sein, die Orgelfrage ihren Rabbinern vorzulegen! „Ganz verkehrt!" ES ist ja die reine „Geschmackssache" Durch diese großartige Entdeckung ist die Frage allerdings ein gutes Stück weiter gebracht, d. b. sie ist aus der Welt geschafft. Es wird ihr der religiöse Charakter vollkommen abgestreift und für die Praxis der Rath ertheilt: „Vertragt euch, fügt euch so oder so, sucht bestens einen Compromiß zu schließen" (vielleicht eine Orgel ohne Pfeifen?) Für die Theorie kommt eS nur auf die Bildung der Gehörnerven an. Die Gemeinden werden mithin in Zukunft bei der Wahl eines Rabbiners ihr besonderes Augenmerk auf die Nerven der Car didaten zu richten haben, falls sie nicht Gefahr laufen wollen, wegen der Orgelfrage mit ihrem geistlichen Führer in Confiict zu gerathen. „Man hat über die Zulässigkeit der Orgel gestritten, wie nun, wenn diese unwiderleglich dargethan wäre, waS dann?!" Wozu der Fragesatz? Immer offen und ehrlich ohne Winkelzüge. Wir wissen nunmehr, daß die „Mittelpartei," deren Organ die „Wochenschrift" sich nennt, aus religiösen Gründen die Orgel nicht für verboten hält. Und das genügt! —-der Rest ist — Schweigen. Veritas. Feuilleton. AabLi «Lörv. I. Zu den Zeiten Kaiser Rudolphs, Der ein guter Fürst gewesen, Hat gelebt in Böhmens Hauptstadt Rabbi Löw, genannt der Große. Denn er war von großem Ansehen, Groß an Geist und frommem Wandel, Und sein übergroßes Wissen War ein wahres Merischenwunder. Und es war die Zeit gekommen, Der Beginn des Passahfestes, Als in jener Nacht der Rabbi Eine Stimme hörte rufen: „Geh', und schaffe fort das Chomez, Fort aus Deinem ganzen Kreise!" Und der fromme Mann erhob sich. Doch er glaubte nur zu träumen. Denn er dacht': ich Hab' das Chomez, Alles Brod und Brodtverwandte, Das Gesäu'rte aller Arten Weggeschafft nach heil'ger Vorschrift. Also dacht' er und beruhigt Gab er sich der Ruhe wieder; Doch nicht lange währte diese, Als noch stärker klang der Mahnruf: „Geh', und schaffe fort daS Chomez, Fort aus Deinem ganzen Kreise!" Und der fromme Mann erhob sich, Denn nicht länger schien's ein Traumbild. H. Schwarze Nacht war ausgegoffen. Grabesruh* herrscht in dm Straßen,