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Der Israelit · 1870-04-06 · Heft 14 (6.4.1870) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 14 (6.4.1870)
Date
1870-04-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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2S6 Und der Rabbi geht in Eile, Er hat Licht in Kopf und Herzen. Und er geht zur heiligen Stätte In den gottgeweihten Tempel, Der noch trotzt den Elementen, Und bald steht zweitausend Jahre. Bei der Kerze mattem Schimmer Schreitet er hier auf und nieder, Immer denkend an den Mahnruf; Plötzlich steht er still und sinnet. Seine Blicke fallen nieder Auf ein Winkelchen des Tempels, Und dort stehet eine Flasche Vollgefüllt mit frischem Blute. Finster runzelt sich die Stirne, Feuer sprühen seine Augen; Seine Seele hat empfunden Was der Mahnruf bat bedeutet. — Seme Seele hat empfunden, WaS die Holle ausgesonnen! Doch er weiß auch, waö beginnen, Er hat Licht in Kopf und Herzen. Einen Augenblick kaum zögernd Gießt er fort den blut'gen Inhalt, Füllt mit rothem Wein die Flasche, Bringt sie dann zur früher» Stelle. SSL Noch war nicht die Nacht vergangen, Und schon rottet stch zusammen, Beutelustig, mordbegiertg Eine Menge vor d?m Tempel. Und sie schreien wild um Rache Für das Blut, das hier vergossen, Für die Seele, die verloren. Und den Chorus bilden Weiber. Und sie schreien, toben, fluchen, Ballen Fäuste, werfen Steine, Und ersinnen neue Marter Um zu sühnen diesen Frevel. Wie Lawinen wächst die Menge, Immer grimmiger wird das Toben, Plötzlich wird es unterbrochen Durch die Ankunft von Soldaten. An der Seite ihres Führers, Spricht ein Mensch mit großem Eifer, Und er redet scharf uud wichtig Seine Zung führt laute Klagen. Seine Zung' führt laute Klagen Gegen di: verhaßten Juden, Die man müsse ohne Schonung Tilgen von der ganzen Erde. Oder wenn sie sich bekehren, Sie als Sühne für die Kirche Ihre Schätze frei hergeben — Solche Red' gefiel auch Allen. Und er schwört's bei seinen Heil'gen, Die nicht trügen, wie er selber. Daß er gestern selbst gesehen Schlachten einen Chriftenknaben. Einen frommen Chriftenknaben, (Und die Weiber schreien furchtbar) Dessen Blut trinken werde», Heute bei dem Osterfeste. Und er schwört's, daß er die Stelle Weiß zu finden in dem Tempel, Wo das Blut in einer Flasche Sorgsam ist verwahret worden. Kaum gesprochen, stürzte er verwärtS Mit dem Führer, mitdcr Menge, Iu dem Tempel, zu der Flasche, Bringt sie vor mit stolzem Lachen. Wuthgeschrei dringt durch die Räume Und Verachtung gegen Heil'geS, Rabbi Löw steht unerschrvcke«. Fromme fürchten nur die Allmacht. Wie versteinert wird die Menge, Und verstummt sind selbst die Weiber. Denn sie finden in der Flasche Rotben W.in und nichts von Blute. Gleich denr Sturm, der plötzlich aufhört, Um aufs Neu* und mehr zu wütheu. Also währt nur kurz das Schweigen Und bald stärker wird das Toben. „Schurke, schreit getäuscht die Meng«, Spottest Du uns und der Heil'gen?" - Und ihr Schrei wirkt gleich dem Blitze, Der hier ein schlägt und entzündet. Und sie nehmen furchtbar Rache An dem Mann, der ste betrogen. Eh' die Sonn' ist aufgegangcn Ist um ihn die Nacht gekommen. — Tief in sein Gebet versunken, Weilt noch Rabbi Löw im Tempel, Und er fleht nur um das Ein«: Um den Frieden für die Menschen. Berlin. Monz Ba»««m-

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