Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1870)
- Date
- 1870-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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246 bischen Nation zur BastS dienen. Sie heißen: Wissen und Character. — „Gedenket oer Lehre Moschehs, meittts Dieners, „der Gesetze und Rechte, die Ich ihm auf Chorew für „ganz Israel geboten" (Maleachi 4. 19) ruft die Haftarah des großen Sabbat dem Volke Israel und seinem Redner zu. Daß dies „Gedenken" weit Höherem und Besserem als dem Spiele brillirenden Scharfsinns und dem Ruhme der Eloquenz dienen solle — das „spricht der Herr" durch seinen Propheten Jirmijahu (9. 22.) aus: „Es rühme sich nicht ein Weiser mit „seiner Weisheit, der Starke nicht mit seiner Stärke, „der Reiche nicht mit seinem Reichtbume; sondern da- „mit darf sich rühmen, wer sich rühmen mag, daß er „verbreitet Einsicht und Gotteserkenntniß. —" Weisheit, Stärke, Reichthum — so heißen die hohen Güter, nach welchen die Menschen streben. Sie besitzen oder entbehren ist Vorder- und Kehrseite des gesellschaftlichen Glückswürfels. — Allein, es gibt eine Lebensklugheit, die an Raffinirtheit und Betrug grenzt — und die ist nicht neidens- und nicht rühmenswerth. ES gibt eine Körperstärke, die von einem rohen ungeadelten Sinne irre geleitet, der Wahrheit und dem Rechte ins Angesicht schlägt, die Pflichten der Moral mit Füßen tritt. Unter solch plumpem Fußtritte erdröhnt das Fundament des ganzen sittlichen Lebensgebäudes. Solche Stärke ist der Fluch ihres Eigenthümers. Es gibt auch einen Reichthum, der nur dazu dient, seinen stolzen Besitzer innerlich zu verderben, dessen Flecken und Blößen mit äußerem Flitter zu verdecken. — Aber auch, wenn wir disse Gaben eines gnädigen Geschickes ins Geisiige übersetzen, wenn wir unter Weisheit, Wissen, unter Starke, Muth und Ausdauer und unter Re.chthum Geistesfülle verstehen — auch dann sind diese Gaben erst dann rühmenswerth, wenn sie im harmonischen Zusammenwirken sich gegenseitig ergänzend jene Charactereinheit von Geist und Herz, von Wissen Und Fühlen anstreben, welche Gott der ganzen untheilbaren Summe menschlichen Könnens und Wollens zum erhabenen Ziele ge jetzt hat. — Die Bildung des Geistes macht aus dem Gelehrten eine Schatzkammer, in welche er jene strahlenden Schätze niederlegt, zu denen oft ein ganzes Jahrtausend staunend emporblickt. — Die Bildung des Herzens sucht die Tiefe der Seele und des Gemüthes, schlägt da ihre Wurzeln, welche mit dem Selbstbewußtwerden an Stärke zunehmend, über alle die Spalten im inner« Sein hin, die menschlichen Neigungen umfassen — aufsaugen als frischen gesunden Nähr-Saft eines kräftigen und schönen Baumes des Lebens. Die Gelehrsamkeit sammelt Wissensschätze, die Bildung der Seele hat diese verwerthet, ins Leben übertragen. Geistesbildung macht den Gelehrten, Seelen- , Herzensbildung den Character, den Mann. Die eine ohne die andere ist eine anziehend schöne — Täuschung Dem Quellenstudium', dem eigentlichen Wissen entspricht auf dem Gebiete der Religion, die Halachah, die Erörterung des Gesetzes durch all die scharfsinnige« Fragen und Antworten, welche die talmudische Dialektik auSmachen und die Feststellung des Gesetzes herdeiführen. Die Bildung des Gemüthes fließt auS den heilsamen Lehren der Agadah, aus den Erzählungen und Sentenzen unserer Weisen, die wir nicht nur als große Weisen bewundern, sondern auch als große Menschen lieben können, aus jener unvergleichlich reinen jüdischen -Ethik, nach der der Bau jüdischer Sittlichkeit, nach der Plan und Richtschnur des Halachahgesetzes ersteht. — Kühn steigt der Halachahforscher in seinen tiefen Schacht hinab. Nie geahnte Schätze, die er da bei der Thoraleuchte gewahrt, lohnen ihm die schlaflosen Nächte, die er zu seinem Gange gebraucht Dann tritt die Agadah hinzu, theilt die gefundenen Goldbarren in kleine abgerundete Stücke, drückt diesen das jüdische Gepräge auf und setzt sie als Werthmün- ^en des praktischen Lebens in Umlauf. — So sprechen mit einander die GotteSfürchtigen am großen Sabbat — so leiten sie ein das Erlösungsfest mit dem gediegenen Worte des Wissens und des Characters, audem sich von jeher die jüdische Biederthat erzeugte. „Und der Ewige horcht hin und hört es und schreibt „es ein in'S Buch ewigen Gedächtnisses." — I. Nobel, Bez,-Rabbiner. Jüdische Zustände in Krankreich. Die Zahl der in Frankreich wohnenden IudeM beläuft sich auf ungefähr 100,000 Seelen, welche das sogenannte französische Judenthum bilden, eine abgeschlossene religiöse Corporation, deren oberste Leitung sich in den Händen einiger in socialer Beziehung hochgestellten Personen befindet. Die höchste Behörde für Juden und Judenthum ist das Centralconsistorium, jene auf reinsten Absolutismus fußende Verwaltung, welche in Religionssachen despotisch über ihre „Hunderttausend" herrscht und deren religiöses Leben nach Willkür reglementirt. Das Consistoire Central ist es, welches "den jüdischen Gemeinden des französischen Kaiserreiches Rabbiner, Lehrer und Chasanim nach Gutdünken octroyirt. Ob man im Schooße der Gemeinde mit der Wahl zufrieden sei oder nicht, darum haben'sich die Ritter der Grundsätze von 89 und die Missionäre der „Gewissensfre heit" wenig zu bekümmern. In Wirklichkeit seid Ihr — ich rede zu Euch, theure Glaubensgenossen Frankreichs, — zu unmündig, um Eure Rabbiner selbst zu wählen, für Euch ist die Frucht der Gewissensfreiheit noch lange nicht reif. Wohl seid Ihr französische Bürger in politischer Beziehung, aber in religiöser Beziehung, da seid Ihr einer geistigen