Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1870)
- Date
- 1870-03-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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fein Großvater Kaphnai war angekommen und brachte Hm die herzlichsten Grüße von Mutter und Großmutter. Wieweinte Bostanai'an Kaphnai's Brüst! „Nimm mich wieder mit Dir, Großvater," tief er, „zu meiner Mntter; laß mich wieder unter Deiner Leitung im'Talmud forschen!" „Mein Sohn," entgegnen Rabbi Kaphnai, „Du weißt selbst, daß das nicht in meiner Macht steht. Also gefällt es Dir nicht am Königshofe?" Und Bostanai erzählte dem Großvater all die schrecklichen Dinge, die er schon erlebt hatte, und wie er selbst den ihm gelegten Schlingen-kaum entgangen wäre, wenn nicht Prinzessin Dara sich seiner angenommen hätte. Als er all die Liebe, welche die Prinzessin ihm schon erwiesen, mit glühenden Farben schilderte,-sagte Rabbi Kaphnai ernst: „Bewahre nur Dein Herz, mein Bostanai; erhebe Dein Auge nicht zu dieser Prinzessin; es wäre Dein Unglück; aber selbst wenn Kosroös Dick zu seinem Schwiegersöhne machen wollte, Du dürftest ja nimmer die Heidin heimführen." „Sei unbesorgt, mein Großvater. Lieber will ich sterben, als vom Gesetze unseres Gottes weichen." Rabbi Kaphnai ließ sich Alles aufs Genaueste erzählen, waö Bostanai am Hofe erlebt hatte. Als er von dem Briefe des Ismaeliten (Arabers) berichtete, über den Kosroös und die Semen so viel gelacht hatten, schüttelte Rabbi Kaphnai bedenklich das Haupt. „Auch ich," sagte er, „habe schon von dem Jsmaeliten Mahomed gehört, der sich für einen Propheten des Allmächtigen ausgibt und die Einheit Gottes zur Grundlage der Religion macht, die er verkündet. Glaube mir, mein Sohn, diese Lehre Mahomeds Hai eine große Zukunft, und ihr Erscheinen stimmt mit unfern jüdischen Traditionen überein; sie ist -schon vor mehr als fünfhundert Jahren von dem großen Rabbi Schimeon den Jochäi vorausverkündet. Du kennst, mein Sohn, die Erzählung der Weisen im Tractat Sabbat, im Abschnitt Bameh Madlikin. Rabbi Schimeon ben Jochai hatte gegen die Herrschaft der Römer sich tadelnd geäußert; er wurde verrathen und mußte entfliehen; er und sein Sohn Rabbi Elasar verbargen sich in einer Höhle, in welcher Gott sie wunderbar ernährte. Da betete Rabbi Schimeon vierzig Tage lang, daß ihm Gott die Zukunft offenbaren möge, und Gott erhörte sein Gebet und ließ ihn die kommenden Jahrhunderte schauen. Da sah Rabbi Sch'meon in seinem Gesichte, daß auch Jischmaöl eine neue Religion verkünden und—ein-greßes, - bie-halbe-Welt-unterjvch-ndes Reich begründen, würde. - -Und l.es schmerzte ihn und er sprach: „Herr der Welt, ist es nicht genug an all dem Bösen, das Rom uns zufügt, und nun soll-auch noch Jischmaöl über und herrschen?" Da erschien ihm ‘ein Engel, von Gottes Antlitz kommend, und sprach zu ihm: „Fürchte Dich nicht, Du Menschensohn, auch das ist der Weisheit Gottes gemäß zym Besten Israels. Siehe, wenn Rom allein die Welt beherrschen würde, so wäre das Israels Verderben. So wird aber Rom die Herrschaft der Welt mit Jischmaöl theilen, und Jischmaöl wird das heilige Land erobern, und große Feindschaft wird sein zwischen Edom (Rom) und Jischmaöl." Also, mein Sohn, offenbarte eö der Engel dem frommen Rabbi Schimeon ben Jochäi, und ich glaube, dieser Jsmaelit Mahomed, - der dem Könige den Brief geschrieben, wird in Erfüllung bringen das, was der Engel dem Rabbi verkündet hat. Siehe, mein Sohn, morsch und wurmstichig ist der Heiden Reich. Schon hat jener Mann ans jüdischem Stamme, den Rom als seinen Messias verehrt, die Völker gelehrt, ihre Götzen zu verachten und den allmächtigen Gott zu verehren; nun wird auch noch ein anderer Nachkomme Abrahams , ein Enkel Jischmaöls, die andern heidnischen Völker belehren, daß sie zum einzigen Gotte beten. Groß Vt Rom, groß wird auch Jischmaöl sein; aber Juda ist klein und verachtet, bis daß auch Juda'S Zeit kömmt und seine reine Lehre wird erkannt als die einzig wahre Zu dieser hohen Stufe der Erkenntlich sollen Rom und Jischmaöl die Völker vorbereiten. Freilich wird bis dahin Israel noch viel zu leiden haben von dem Haffe der Religionen, die aus der seinen hervorgegangen sind, und sich dann überheben und meinen, ihre Religionen seien besser als die Lehre unseres Gottes, und deßhalb die Nachkommen Jakobs unterdrücken und verfolgen. Allein wir, mein Sohn, müssen treu ansharren bis an's Ende. Einst wird auch aufgehen Jakobs Stern!" Lange noch unterhielt sich Bostanai mit seinem Großvater und schöpfte Trost und Zuversicht aus dessen weisen Lehren. Am andern Tage schon kehrte Rabbi Kaphnai nach Mechusa zurück, um der harrenden Mutter die Grüße des Sohnes zu bringen. Als König Kosroös durch seine Kundschafter von der Anwesenheit Rabbi Kaphnai's erfuhr, sagte er zu der Königin Schehrin in Gegenwart Dara's: „Ich weiß, diese Juden, und namentlich dieser junge Bostanai hassen mich. Wie könnte es auch anders sein, da ich sein ganzes Geschlecht vernichtet habe! Gern möchte ich auch diesen Jüngling zu seinen Vätern senden, allein ich fürchte mich, den Schwur zu brechen, den ich einst im Traume geschworen habe. Doch ich werde ihn prüfen; ich werde für morgen ein großes Gastmahl veranstalten; im Räusche wird mir der Knabe die Gefühle seines Herzens offenbaren. Wehe ihm, wenn er sich mit Gedanken des Haffes oder der Rache trägt." Dara erbleichte, als sie Hren Vatzer so reden hörte; sie nahm sich vor, Bostanai zu warnen.