Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1870)
- Date
- 1870-03-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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214 reiche ist. Wenn, so Gott will, im nächsten Sommer so viele Kurgäste zu uns kosmen werden, die Jahre laug mit tiesem Schmerz den Verfall der hiesigen israelitischen Gemeinde beobachlet haben, so werden sie sich freuen der Umwandlung, die sich hier unter göttlichem Beistände gegenwärtig vollzieht. Aus Westphalen. Die in unseren früheren die Vacanz des Ober-RabbinatspostenS von Westphalen betreffenden Corresvondenzen (Siehe Nr. 51 v. und Nr. 2 d. I.) ausgesprochene Vermuthung, daß es nämlich nicht in den Intentionen der Regierung liege, den westph. Gemeinden einen Rabbiner zu octroyiren, und daß diese in der in Rede stehenden Angelegenheit die Initiative nicht ergreifen würden, scheint sich wirklich zu bestätigen; denn noch immer hört man von einer etwaigen Wiederbesetzung des durch den Tod des unvergeßlichen Ober-RabbinerS Sutro b“i zur Erledigung gekommenen Rabbinatspostens, sei es, daß der Anzustellende blos für den Regierungsbezirk Münster, sei es, daß derselbe für ganz Westphalen gewählt werde, noch so viel wie gar nichts. Schon in unseren früheren Berichten haben wir es hervorgehoben, daß vielleicht kein Land vorhanden sein dürfte, wo sich für einen gesetzestreuen Rabbinen ein geeigneterer Wirkungskreis, ein so ergiebiges, weites Feld, um wruitta wirken zu können, vorfände, als gerade in Westphalen, wo in jüd.-rel. Beziehung die Anarchie herrscht und die rel. Institutionen im Argen darniederliegen, wie wir solches auch schon früher zu bemerken Gelegenheit genommen und im Verlaufe dieses nochmals darauf zurückzukommen uns erlauben werden. — Ein geehrter Correspondent aus Westphalen, (Siehe Nr. 51 v. I.) glaubt aus dem Umstande, daß die meisten westph. Gemeinden der Neologie huldigen die Schlußfolgerung ziehen zu dürfen, daß, falls die Wahl eines Rabbiners von den Gemeinden ausginge sicher zu erwarten stände, es würden in der radikalsten Richtimg angehöriger Rabbiner aus der Wahlurne hervorgehen. Wir freuen uns, dem geschätzten Correspondenlen in seinem aus den, allerdings leider wahren Prämissen gezogenen Schlußsätze nicht so unbedingt beipflichten zu können. Denn, bekannt ist es ja, daß nicht alle Israeliten, die im practifchen Leben dem jüdischen Religivnsgesetze den Recken gekehrt haben, auch grundsätzliche Leugner sind. Eine große Anzahl solcher Jehudim sind aus Eigennutz, Gewinn-, Genuß- und Habsucht D’J'-ayi dwiö geworden, haben aus Bequemlichkeit und anderen materiellen Ursachen im practifchen Leben alles spezifisch Jüdische abgestreift, sind zu schwach, um den sich ihnen entgegenstellenden Verlockungen, Anreizungen und Verführungen zum Bösen aus dem Wege gehen und dm Trieb zur Sünde unterdrücken zu können und sind deßhalb zur Claffe derjenigen zu zählen, die man gewöhnlich -iüio nennet. Dennoch gibt es unter diesen eine große Anzahl, die m der Theorie, in ihrer Anschauungsweise auf dem Boden deS positiven Iudenthumes stehen, so daß bei ihnen noch nicht aller Eifer und jede Hingebung für unsere heiligsten Interessen erkaltet, noch nicht aller Opfermuth und wahre hingebende Liebe für unsere h. Religion und ihre Institutionen geschwunden sind. Ja, es gibt — merkwürdig genug — unter dieser Claffe von Gesetzübertretern noch viele Männer, die durch ihr Beispiel selbst solche Israeliten für wahrhafte jüdische Bestrebungen zu begeistern und gewinnen wissen, die man gewöhnlich zu den Indolenten, Indifferenten zu zählen pflegt. Wie wäre es nun bei der Wahl eines Candidaten zur Wiederbesetzung des in Rede stehenden Rabbinatspostens? Würden solche Männer, wie wir sie im Borhergegangenen characteristrt, nicht in jeder Beziehung mit den wahrhaft Orthodoxen zusammen gehen und für einen glaubenstreuen Rabbiner stimmen? Ganz sicher. Berlin, 15. März. Folgender Appell an die öffentliche Meinung ist im Aufträge einer stattgehab- 1m Versammlung von Gemeindegliedern erlassen wordm: „An die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die auf Kosten der ganzen Gemeinde erbaute neue Synagoge ist durch Einrichtungen, welche dem Geiste des überlieferten Iudenthums widersprechen, durch Einführung eines Gebetbuches, das wesentliche Lehren des Iudenthums negirt, durch Predigten im Sinne der äußersten Reform, den altgläubigen Gemeiudemitgliedern unzugänglich gemacht. Nunmehr werden sie auch aus der dem alten Ritus seither erhaltenen alten Synagoge getrieben, indem der Vorstand die im Wortlaut folgende Eingabe*) damit *) An den löblichen Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die bekannt gewordene Absicht des löbl. Vorstandes , Herrn Dr. Geiger, die Kanzel in der dem alten Ritus seither überlassenen Synagoge, in der Heydereutergaffe, einzuräumen, veranlaßt uns^ Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie an die Spitze der Gemeinde gestellt sind, nicht um eine Partei auf Kosten der anderen zur Alleinherrschaft zu bringen, nicht um auch die einzige Stätte, die das hiesige conservative Iudenthum noch besitzt, der Reform zu unterwerfen. Es ist von Ihnen offen verkündet worden, daß die alten Institutionen neben den neuen bestehen sollen, daß sie nicht angetaftet worden, auch nicht angetastet werden sollen. Kann es aber eine ärgere Antastung geben, kann das auf traditionller Basis beruhende Judenthum tiefer verletzt werden, als wenn die diesem eingeräumte Synagoge auch dem Vertreter der äußersten Reform, dem Dr. Geiger, anheim gegeben wird? Wir ersuchen Sie im Interesse des Rechts und der Gewissensfreiheit, im Intereffe des Friedens in der Gemeinde, hiervon abzustehen; Sie würden anderen Falles der Welt das Beispiel geben, daß der sogenannte Liberalismus sich nicht scheut, seine Herrschaft zur Unterdrückung anderer berechtigter Ansichten zu mißbrauchen, und uns zwingen, an die öffentliche Meinung zu appelliren. (Unterschriften.)