Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1870)
- Date
- 1870-03-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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209 3 eitungSuachrichterr nnd Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, am 9. Adar II. 5630. Also Geiger hat doch in der alten Synagoge gepredigt!! Wir wissen nicht, wen wir dabei bewundern, worüber wir uns dabei verwundern sollen! Sollen wir Geiger anstaunen, daß er es wagt, seine weltbeglückenden Holdheim'schen Theorien sogar nach der Heidenreutergasse zu verpflanzen, — daß er seinen hohen Ideen auch hier den Beifall erschleichen und daS dortige Publikum für -fein Judenlhum erziehen will? — oder sollen wir über den despotischen Vorstand in Staunen gerathen? Doch wozu staunen! — Wir begreifen vollkommen, was Geiger und Vorstand bezwecken. G. ist klug genug einzusehen, daß nur in der alten Synagoge Zuhörer zu finden sind. Hier muß er, will er in Zukunft nicht, wie sein College Aub, vor leeren Bänken seinen Reigen aufführen, sein Publikum bearbeiten, und sich von hier aus Rekruten werben für die neue Synagoge. Und der Vorstand? O, der fördert mit vergnügtem Händereiben dieses Streben. Ver- .steht sich. Was liegt ihm an dem Hohne, der den orthodoxen Juden dadurch bereitet wird, wes an dem Gewaltact, der jede jüdisch fühlende Brust in Aufregung und Zorn versetzt, wenn nur der Zweck erreicht wird; mögen die Mittel auch noch so unlauter sein. Aber was haben denn die Orthodoxen gethan, was werden sie thun? Eine Faust in der Tasche machen — das ist Alles — Alles. Man hat zwar in letzter Stunde eine Versammlung berufen, die diesem Treiben ein Halt zurufen wollte, — ja wollte. Aber was will man nicht Alles! Die Versammlung hat getagt, wie weiland der deutsche Bundestag. Jeder wollte etwas Anderes und Alle — Nichts. Und — so sollte man doch meinen dürfen — von diesen Herren wird keiner G.'S Predigt in der alten Synagoge hören. Ja, da irrt man sich ganz gewaltig. „Warum denn nicht?" „Hören kann man ja Alles!" Was sollen wir denn dazu sagen?-Zuerst will man es verhindern, daß G. spricht und dann — geht man hin und hört ihn! Gibt es etwas — wie sollen wir es nennen — gibt es etwas Charakterloseres? Wo ist deine Consequenz, deine Hartnäckigkeit im Beharren Israel? Wo deine alte Tugend des unbeugsamen Trotzes, wenn es galt, des Hassers Mittelchen abzuwenden, wo dein Muth kühn wie ein Leu, denen entgegenzutreten, die eS wagen, dein Theuerstes, dein Heiligstes anzutasten, um eS zu verunglimpfen? Männer, Nachkommen eines Elija, wo ist Euere sittliche Entrüstung, im Angesichte solcher Frivolität? Wann, wann werdet Ihr Euch aufrütteln? Wollt Ihr ganze Männer sein, es allen Ernstes sein, dann zeigt endlich einmal, daß Ihr daS, was Ihr sonst Fremden gegenüber vermocht, Ihr heutzutage gegen den eigenen Bruder zu thun im Stande seid. „Habt Ihr es nicht gesehen, daß in Zeiten, wo da» politische Gewoge hoch ging, Vater gegen Sohn, Bruder gegen Bruder stritt, und im Kampfe für Gott und sein heilig Gebot wollt Ihr zärtliche Rücksicht nehmen?" So stehen eben unsere Loose. Es ist schwer, wer wollte das leugnen, diesen Kampf zu führen, — aber wenn unsere Freiheit, unsere Ueberzeugung, unser Glaube von Bruderhand geschmäht, verleugnet wird — nun es sei '-6 nwybny yrrnn nsn — wir müssen den längst hingeworfenen Handschuh aufheben, damit man uns nicht einst verantwortlich mache, wenn die Folgen sich verwirklicht haben. Aber was zunächst anfangen? Es haben bereits mehrere sehr respectable Mitglieder der israel. Gemeinde ihre Beiträge zu zahlen verweigert. Das allein, scheint uns, wird zum Ziele führen. Es müssen sich diesen Bahnbrechern aber viele, recht viele, mindestens 400 anschließen; dann wird der Vorstand schon hören, was man will; eS wird mehr nützen als tausend Petitionen und Versammlungen; denn sollte der nervus rerum nicht auch auf den Vorstand seine zwingende Macht üben? Wir sprechen die Aufforderung zum Verweigern der Gemeindebeiträge durchaus nicht leichtsinnig auS; wir sind uns sogar bewußt, daß dadurch manche Unannehmlichkeit entstehen kann; aber, und dieses aber ist das Wichtige; daS ist das einzige Mittel, unser getrübtes Recht ungeschmälert zu erhalten; und diese Weigerung muß so lange und so oft wiederholt werden, bis wir haben, waS wir wollen. Und was wollen wir dann? Garantieen, daß nie und nimmer unser hl. Gesetz verhöhnt wird vou Stätten aus, die eigentlich dazu geschaffen, daß eS rein und unverfälscht gelehrt werde; wollen Garantieen, daß kein Unberufener mitzusprechen habe in Dingen, an die er nicht glaubt, von denen er nichts versteht. Wir wollen, wenn eine Trennung vermieden werden soll, von Gemeinde wegen einen anerkannt orthodoxenRabbinen, der selbstständig die ganze rmun zu verwalten und Alles zu leiten, was in dieses Ressort gehört und die alte Synagoge zu unserer ausschließlichen Benutzung. Gewiß ein gerechtes und rechtes Wollen! Ihr habt waS Ihr wollet, nun, so gebt uns, den Gleichberechtigten, auch das Unsrige. Und wer ist denn der Mann unserer Wahl? D, es weiß eS Jeder. Die Adaß IiSroel, sie hat ihn geholt und zu ihrem große Glücke hat sie sich nicht geirrt in dem Manne. Er ist in der That ein ganzer Manu. Unwandelbar in seinem Charakter wie in seiner Ueberzeugung und beseelt mit dem besten Willen und der eminentesten Thatkraft.