Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1870)
- Date
- 1870-03-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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192 Un NÄionen tinb werden vielleicht noch länge so leben müssen. Aber in uns lebt das Bewußtsein, daß wir sind ein Werkzeug in der Hand deS allmächtigen Gottes ju\ Erziehung des Menschengeschlechts, zur Beglückung der Welt und gerade unsere Armuth und Niedrigkeit läßt unS festhalten an unserer hohen Aufgabe, macht, daß wir eng unS anfchließen an unfern Gott und Seine heilige Lehre; denn in Glück und Wohlleben wird der Mensch gar leicht übermütbig und hält sich selbst für den Schöpfer seines ReichthumS und seiner Macht." ,,„W>e alt bist Du, Bostanai?"" „Ich werde bald sechzehn Jahre zählen." „„Du sprichst, wie wenn Du deren hundert zähltest. Sage mir, woher ist Dir diese große Weisheit geworden?"" „Ich bin nur ein unwissender Knabe; das Wenige, was ich weiß, habe ich aus der heiligen Lehre unseres Gottes geschöpft, in der mich mein Großvater unterrichtet hat." „„Das muß eine Lehre der Wahrheit sein, wie es keine zweite auf Erden gibt."" Bostanai und Dara waren, im Gespräche vertieft, im Parke umhergewandert, obne auf ihre Umgebung zu achten. Jetzt trat der König auf sie zu und sagte: „Nun, Dara, hast Du unstrn jungen Gast unterhalten? Das ist recht. Morgen, Bostanai, wirst Du einem Vergnügen beiwohnen, wie Du in Mechusa wohl noch keins gesehen. Du bist doch geübt im Bogenschießen?" „Me n Großvater," entgegnete Bostanai, „hat Deinen Knecht darin unterrichten lassen, damit ich im Kriege meinem Könige dienen kann." „Ich habe für morgen," fuhr der König zu reden fort, „eine große Hirsch-Jagd veranstalten lassen. Du wirst Theil daran nehmen!" „Verzeihe, großer König." entgegnete Bostanai, „es ist nicht Sitte unter uns Juden, die unschuldigen Thiere des Waldes zu Tode zu Hetzen." „„Ist es bei Euch auch nicht Sitte, Eurem Könige zu gehorchen?'" „Ich werde dem Befehle meines Königs Nachkommen." Am andern Morgen weckten die Trompeten die zur Theilnabme an der Jagd Befohlenen. An der Seite des Königs ritt Bostanai in den Wald hinaus Bald war der scheue Hirsch, ein großer Sechzehnender, den man zu diesem Zwecke gehegt hatte, aufgejagt, und die Iagdgenossen zerstreuten sich im Walhe. Nicht lange nachher kam das geängstigte Thier Bostanai in Sicht. Einen Augenblick zuckle es in ihm; er hielt den gespannten Pfeil den Tod zu senhertz Mußte er nicht dem Könige zeigen, daß er geübt sei in allen Künsten deS Krieges, für den die Jagd als eine Vorübung gilt? Gleich aber ließ er den Bogen sinken; er hatte, dem Könige gehorsam, der Jagd beigewohnt, er hatte aber nickt versprocken, thätigen Antheil daran zu nehmen. Wenige Minuten nachher erschollen die Jagdhörner. Der Hirsch war gefallen. Muzdu, der erste der sieben vornehmsten Fürsten des Reichs, war so glücklich gewesen, das Wild zu erlegen. Erhitzt kam der König herbeigesprengt. „Warum hast Du," rief er dem Fürsten Muzdu zornig zu, „warum hast Du den Hirsch getödtet, gerade in dem Augenblicke, da er mir zum Schuß gerecht kam?" „Wie konnte ich das wisien?" entgegnete Muzdu erregt. „Weißt Du nicht, Sklave," schrie der König außer sich vor Wuth, „daß der Knecht seinem Herrn den Vortritt lassen muß?" „Warum," fragte Muzdu zurück, „warum hast Du u^s zur Jagd geladen, wenn wir nicht schießen sollen?" „Schweig, Sklave!" donnerte ihn Kosroes an. „Ich bin kein Sclave," rief nunmehr Muzdu „ich bin |ber erste der Fürsten Persiens, und kenne die Gesetze der Jagd so gut wie Du. Mich darfs Du nicht ung-straft mißhandeln oder beleidigen wi es sonst Deine Gewohnheit ist. Ich bin nicht der Fürst der Juden, den Du schlachtetest, nicht ein Bar meister, den Du tödtetest, um Deinen Schwur v! zu halten." Der König war bleich geworden vor Zorn. No hielt er den gespannten Bogen, auf dem der Pfeil lag^ in seiner Hand. Jetzt hob er ihn empor und richtete ihn auf Muzdu. „Verräther!" rief er, und der Pfeil drang in den Hals des Fürsten, dessen Schlund durchbohrend. Lautlos stürzte der Getödtete zu Boden. Lautlos saßen die Fürsten und Diener auf ihren Rossen, vor Schrecken gelähmt. „So geschehe es jedem Verräther!" rief der König. „Begrabt die Leiche!" Dann wandte er sein Pferd und ritt nach Destagerd zurück. Bostanai aber erhob seine Augen zum Himmel und sprach: „Ich danke Dir, o Gott, daß Du mich gnädiglich besttützt hast. Was wäre aus mir geworden, wenn ich den Hirsch erlegt hätte, wie es einige Augenblicke lang mein Wille gewesen. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Bogen auf den Hirsch, um ihm durch den spitzen j Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.