Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1870)
- Date
- 1870-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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188 Aus einem finsteren Geklüste Karmels kroch Ahasver,*) eilte mit Riesenschritten über B rge und Thäler, Länder und Meere, direct nach Berlin in die Oranienstraße 106, woselbst sich der Bau des Evangelischen Vereinshauses erhebt. Ein günstiger Lufthauch hatte ihm irgend ein seiner Käseeinlage beraubtes Berliner Localblättchen zugeweht und mit freudigem Staunen hatten seine Augen gelesen: „Mont ig Abend 7 Uhr spricht Professor vr. Bäßler, wohlbestallter Superintendent der Schulpforta, über „den ewigen Juden." Wir erkannten ihn wohl wieder den greisen Ebräer, trotz der Verkleidung, in welche er sich gehüllt; paßten doch zu genau auf ihn die Worte Schellers: „Sein Antlitz trug den Stempel vieler Jahre, Und in dem st^ahlenlosen Auge stand Die Chronik laugverscholl'ner Zeit zu lesen... Und ein unsagbar Wrb, Das der Ergtbung Muth gemildert hatte, Gab dem beredten Antlitz düstern Reiz." Zwar flüsterte uns ein Nachbar zu, der alte Herr zur Linken, den wir für den Ahasver hielten, sei der Hoflieferant T. und durchaus kein Jude, sondern schon seit zwanzig Jahren getauft und ein sehr frommer gläubiger Christ, — wir wußten es aber besser: Die Beschreibung paßte zu genau, und das „unsagbare Weh" wie der „düstere Reiz" konnten unmöglich allein von unglücklichen Differenz-Geschäften herrühren. Es war unbestreitbar Ahasver selbst, der, nachdm er längst erfahren, wie Shelley, Eugen Sue und Andere über ihn dachten, seine Kenntnis; über sich selbst auch d.irch den Vortrag des Professor Bäßler erweitern wellte? Einen Superintendenten hatte er bis jetzt noch nicht in seinem Album. — Uns sowohl wi.' den Hoflieferanten Ahasver hat das Stündchen im Vereinöhause gewiß nicht gereut: in blühender poetischer Sprache gab Herr Bäßler einen Ueberblick über die „Sage" vom ewigen Juden. Vom dreizehnten Jahrhundert an bis auf die N uzeit ließ Herr Bäßler den ruhelosen Wanderer vor unfern Augen vorüberziehen, ließ ihn alle Länder durchstreifen und in allen Zungen reden. Wir hörten die Ausführungen mit größter Behaglichkeit an und genossen nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit Auae und Nase. Eau de milie fleurs, Esbouquet, Moschus, Reseda und Vei'chen wetteiferten mit einander, unserem „Gesichtserker" einen Wohlgeruch zu bereiten. Wir weilten nämlich unter der C'sme der Gesellschaft, deren Nähe uns schon beim Betreten des Hauses die zahlreichen Equipagen und die reich galonnirten Lakaien verkündet. „Ist doch — also ertönte es voll aus dem Munde des *) So soll bekanntlich jener Jude geheißen haben, den man den „ewigen" nennt. Die Sage verräth schon durch diesen Namen ihren Ursprung. Nie hat es einen Juden gegeben, der Ahasver geherßen. Redners — Ahasver nur ein Sinnbild für ganz Israel, das den Messtas nicht angenommen hat, und deßhalb, zerstreut und niedrig geachtet, seit zweitausend Jahren in der Welt umherirrt. Wohl mühen ste sich die Stammesgenossen Ahasvers, sich einzubürgern in der Welt; aber so sehr sie sich auch hasten, gleiche Rechte zu erhalten, so sehr sie danach streben, sich zu bereichern, — der Fluch liegt auf ihnen, und sie sind Juden und bleiben Juden." —J Der Fluch nun, von dem Herr Bäßler redete, rührt, wie wir zu unserm großen Erstaunen erfuhren, her von Moses und den Propheten; wir hatten bis dato Moses und die Propheten als sehr segensreich betrachtet. Diesen Fluch von sich abzuwälzen haben nach den Worten des Redners die Kinder Israel noch in diesem Jahre die günstigste Gelegenheit. Am 10. August sind es 1800 Jahre, daß Jerusalem zerstört worden, daß der Fluch anfing in Erfüllung zu gehen. Ein Wahrzeichen sollte diese Sucularfeier für die Bekenner des alten Testaments sein, in sich zu gehen und m't einzustimmen in den Aceord der frommen Christenheit. Siehe, es gibt ja in dieser so viele gute Vorsänger! Herr Fournier streckt Dir, Du armes herumirrendes Israel, hülfreich die Hand entgegen, schrecke nicht zurück, denn diesmal gilt es nicht Deiner Wange. Herr Kober flicht zarte Myrthenkiärne, mit denen daö Haupt des Bekehrten geschmückt werden soll; Herr Lasius richtet Worte des süßesten Trostes an Dich; Herr Knak und Herr Wangemann breit"N verlangend die Arme nach Dir aus! Berlin, im Februar. Herr I. Dorn, Vorstandsmitglied der Adaß Jisroöl dahier, als würdiger Vertreter der jüdischen Interessen rühmltchst bekannt, feierte am 13. d. M. im Kreise seiner zahlreichen Familie und Freunde das Fest der silbernen Hochzeit. Herr Dorn verband mit seinem Familienfeste die Einweihung einer neuen min isd und fand der -pm unter ensprechenden Formalitäten statt. Das für Abends arrangirt gewesene Festessen war eine mso mij/D-tm strengsten Sinne des Wortes. M. L. Meyer von Altona. Oe sterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien, 2. März. Der vom Referenten des konfessionellen Ausschusses vr. Figuly verfaßte Entwurf eines Religions-Edictes, welcher berufen ist, die Grundlage der bezüglichen AuSschuß-Berathungen zu bilden, liegt uns vor, und wir reproduciren in Folgendem aus demselben die wesentlichen B stimmungen, insoweit sie für unsere Lefir von Interesse sind: Dem Staate stebt die Aufsicht über die gesummten religiösen Gemeinschaften zu. Er wahrt durch seine Organe das öffentliche Interesse in Bezug auf das Verhältnis zu den Kirchen und den Religions-Genossenschaften, gewährt den Re-