Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-03-16 · Heft 11 (16.3.1870) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 11 (16.3.1870)
Date
1870-03-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447459--08101-2463734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

186 füllt waren, blieb es artig (»ge) unb hütete sich, Anlaß zu geben, daß Riaschlimm v»N ihm rede. Allein seitdem es den echehchen FürHen Hst, seitdem ihm seine Selbstständigkeit, seine Mnhdit und seine constitutionelle Regierung garantirt sind, glaubt es, sich Alles erlauben zu dürfen. Kaum war Prinz Karl in Rumänien angekommen, als dieses der Schauplatz der größten Scandale wurde, die theils auf der Straße, therls in der Kammer der Abgeordneten vor sich gingen. Das Geschrei der Agenten, welche die Concurrenten jüdischer Kaufleute besoldet hatten, um Judencrawalle hervorzurufen, wurde von dem damaligen Premierminister Johann Bratiano für „Gottes Stimme" ausgegeben (vox populi, vox Dei). Die neuerbaute Synagoge in Bukarest wurde zerstört, ohne daß die Behörden auch nur einen Versuch machten, den fanatisirten Pöbel daran zu hindern. Die Juden mußten sich in ihren Hausern einschließen. Viele suchten Schutz in den Consulatsgebäuden. Als Johann Bratiano nach kurzer Entfernung zum zweiten Male im Marz 1867 an die Spitze der Regierung gelangte, erließ er die grauenhafteste Edicte und Ausnahmsgesetze gegen die Juden. Als die öffentliche Meinung Europas hiegegen Front machte, leugnete Herr Bratiano, und doch war Alles nur zu wahr. Es ist interessant, die lächerlichen Beschuldigungen gegen die Juden zu vernehmen. „Uns," so räsonniren die sogenannten rumänischen Patrioten, „uns als den Nachkommen Trajan's (!) .gehören^ Betzarabien , die Bücowina, Siebenbürgen, "das Banat und noch viele andere Länder. Daß wir sie noch nicht besitzen, daran sind bloß die Juden schuld. Sie sind Spione, sie werden uns an Rußland verrathen, an Oesterreich, denn sie sprechen deutsch (!). Jagen wir sie fort; solange die Juden unter uns sind, werden wir uns nicht ausbreiten können vom Dniester bis an die Theiß!" Andere räsonniren in folgender Weise: „Warum sind wir arm? etwa, weil es uns an Intelligenz MdngAt, oder am Willen zu arbeiten? Nein, es ist die Schuld der Juden. Warum sind sie intelligenter dder fleißiger als wir? Schlagen wir sie todt!" Derlei Reden wurden in den von Bratiano gegründeten oder doch beschützten patriotischen Vereinen gehakten. Die aus denselben zmückkrhrende Menge schlug dann den Juden die Fenster ein, insultirte die jüdischen Damen, mißhandelte die jüdischen Männer. Zu Jassy wurde ein Ausnahmsgericht eingesetzt, das die Verfolgung der Juden zu seiner fpeciellen Aufgabe machte. Jeder Schuldner denuncirte hier den Juden, der sein Gläubiger war, als Vagabunden, und der Jude wurde Hinweggetrieben. Wohin? das kümmerte jenes Gericht nicht. Ganze Familien wurden auf diese Weise ins Elend geschickt. Es war nicht nölthitz, durch die Regiermy zum Mitglieds jenes Tribunals ernannt -wordm zu sein; Jeder, der »«llte, konnte nls Cvmmissär fungiren uud Juden austreiben. Am 11. Mai 1867 erließ der Bürgermeister von Jassy folgende Bekanntmachung: „Es gibt Etwas, was über jedem Gesetze steht, das Recht nämlich, welches wir Rumänen als Eigenthümer des Landes besitzen, diejenigen Juden auszutreiben, die kein Grundeigenthum haben!" Dir ganze europäische Presse stieß einen Schrei der Entrüstung aus. Kaiser Napoleon verdammte Herrn Bratiano. Es wurde erklärt, daß eine Regierung, die solch eine Verfolgung dulde, dem Banne der Nationen verfallen sei. Im englichen Parlament erklärte Lord Stanley, daß diese Vorgänge die Christen ebenso betrüben müßten, wie die Juden; denn wenn die Juden darunter zu leiden hätten, so fiele die Schmach eines solchen Gebahrens auf die Christen. Bratiano mußte am 27. November 1868 dem Gewichte der öffentlichen Meinung Europa's und dem Andringen der Cabinette weichen und von der Regierung zurücktreten. Anfangs schienen die neuen Minister das Unrecht wieder gut machen zu wollen. Als jedoch die Neuwahl der Kammer bevorstand, suchte Herr Cogol^- niceano, Minister des Innern, durch Judenfemdlichkeit seine Popularität zu heben. Am 5. Mai 1869 wurden auf Anordnung der rumänischen Negierung 400 jüdische Familien aus Verlad ausgetrieben. Hierauf erließ, durch die Alliance Jsr. Umv. veranlaßt, der französische Generalconsul, Herr Mellinot, eine energische Note an die rumänische Regierung, die jedoch, in dem guten Glauben, Frankreich werde ihr der Juden halber nicht den Krieg erklären, keck antwortete: Um ihre inneren Angelegenheiten habe sich Niemand Anders zu beküirrmern. Der englkche Generalkonsul, der vine gleichlautende Nvte eingesckickt hatte, erhielt dieselbe Antwort. Weniger energisch war der bsterreichische Conful ausgetreten. Dagegen enthielt die offiziöse berliner Correspondenz vom 8. Juni 1869 eine« Artikel, welcher die rumänische Regierung ermunterte, aus dem betretenen Wege zu beharren. ES war also Preußen, auf das sich Herr Eogolmceano stützte, a's er den Weftmäch'en, wie oben erwähnt, zu antworten wagte, während Bratiano nur von Rußland unterstützt war worden. Ueber Rußland kann man sich nicht verwundern, wohl aber über Preußen. Es ist wohl dies nicht der Weg, auf welchem die Sympathien zu gewinnen sind, die die Einheit Deutschlands ermöglichen könnten. Sollte der hohe preußische Orden, welchen Herr Cogolniceano bald darauf erhielt, wohl eine Bewhrm«g für seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.