Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1870)
- Date
- 1870-03-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447447-2447458--08090-2463722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
178 Wie erstaunte ich daher, als ich wenige Lage nach dem Erscheinen meiner Recension folgendes Schleiden von einer jüdischen Dame erhielt, deren Namen zu nennen, mir die Diskretion verbietet, und worauf ich die hintanstehende Antwort schrieb. N.den 13. Juni 1868. Sehr geehrter Herr! Nur mit allzugroßem Widerstreben habe ich den herausfordernden Schritt gewagt, an Sie beifolgende Anfrage zu richten. Sie haben in Nr. 23 des „Israelit" eine Recension des Buches „Jane, die Jüdin" von Ph. Galen gegeben, die ich mit um so größerem Interesse gelesen habe, als ich selbst und auch viele meiner Freundinnen diesen Roman gelesen und wir alle ihn vorzüglich gefunden haben. - Ja, ich erlaube mir noch weiter zu gehen und Ihnen, sehr geehrter Herr, zu gestehen, daß ich noch nie so viel innige Weiblichkeit, die wahrlich ein Erbe aller Jüdinnen ist, beisammen gefunden habe, als in der Schilderung des Charakters der Jane, der doch so sehr aus der Wirklichkeit gegriffen ist. Wenn ich es nun doch unternommen habe, an Sie zu schreiben, so thue ich dies nur. uM von Ihnen Auskunft in einer Sache zu erlangen, die mir in Ihrer Recension dunkel geblieben ist. Abgesehen davon, daß Sie das Romanelesen überhaupt wahrscheinlich für höchst schädlich finden und in die Jeremiaden unserer Herren Theologen, man sollte lieber das Teütsch Chumesch lesen, einstimmen werden, ist es mir nicht klar, was Sie, sehr geehrter Herr, unter einem „Judenroman" verstehen. Sie haben „Jane die Jüdin" in Ihrer sonst vorzüglichen Recension als das Prototyp eines solchen „Judenromanes" ausgestellt; nun möchte ich gerne wissen, ob Sie vielleicht, jede Erzählung, die Juden und Jüdinnen zum Stoffe hat, verwerfen und als einen „Judenroman" an den Pranger stellen wollen. Ich fühle,— wenn auch nur ein schwaches Weib — für die heilige Sache des Judenthums so innig und tief, wie nur irgend ein Mann in Israel, und ich habe mich auch deßhalb, soweit es in dem eng begränzten Raum meiner Häuslichkeit möglich ist, mit den wichtigsten und schönsten Werken israelitischer Schriftsteller bekannt gemacht. Mit der größten Spannung und mit einem Gefühle wahrer Befriedigung habe ich Kompert's so vorzügliche Ghettogeschichten gelesen, ebenso Philipsons Saron und die zahlreichen Erzählungen in den verschiedenen jüdischen Zeitschriften. Mehr als alle dogmatischen Religionslehrbücher haben solche Novellen in mir den Glauben an die Hohe, weltgeschichtliche Sendung meines Volkes befestigt. Sind dies auch, sehr geehrter Herr, „Judenromane?" Ueberhaupt gestatten Sie mir, meine Verwunderung darüber auszusprechen, daß unsere Gelehrten das Lesen der Romane so sehr verpönen. Erstens liest man gerade verbotene Bücher gerne, denn „gestohlene Früchte schmecken süß," und zweitens jwird stets die Jugend, die keine Romane liest, um daran ein warnendes Beispiel zu Haben, — selbst Romane machen. Wir haben bereits viele traurige Beispiele solcher Romanheldenthaten unserer jüdischen Jugend. Diese Bedenken waren es, die mir beim Lesen Ihrer schönen Recension aufstiegen, und die ich selbst' auf die Gefahr hin, von Ihnen unweiblich genannt zu werden — Ihnen nicht verschweigen konnte, trotzdem ich selbst nicht das Vergnügen habe. Sie persönlich zu kennen. Sollten Sie diese Erwägungen einer geschätzten Antwort würdigen, so würde sich glücklich fühlen Ihre in Hochachtung ergebene R... F. Breslau, am Rüsttage zum Laubhüttenfeste 5628. Sehr geehrte Frau! Soeben von einer längeren Ferienreisezur Stärkung meiner angegriffenen Gesundheit zurückgekehrt, finde ich Ihr sehr werthes Schreiben vor, und indem ich Sie um Verzeihung bitte, daß ich bis jetzt Ihnen nicht geantwortet habe, gestatten Sie mir, nun daS Versäumte nachzuholen. Vor allem sei es mir jedoch vergönnt, Ihnen, sehr geehrte Frau, meine volle Bewunderung für die edle Weiblichkeit und das innige Gefühl für die heilige Sache unseres Glaubens, daö ftch in Ihrem Schreiben ausspricht, auszudrücken und den Wunsch: „Möchte es solcher Frauen viele in Israel geben" hinzuzufügen. Was Ihre Vorwürfe gegen meine Recension über „Jane die Jüdin" betrifft, so kann ich Ihnen darin vollkommen beistimmen, daß der Charakter des Judenmädchens Jane voll inniger Weiblichkeit ist, so lange-— sie Jüdin bleibt, daS heißt so lange Galen nicht die Lächerlichkeit begeht, sie, die früher als eine streng orthodoxe Jüdin dem vr. R. Strahl gegenüber ihren Glauben vertheidigte, spater von freien Stücken zum Christenthume übergehen zu lassen. Darin liegt der Fehler dieses Romans, und darin fehlen, ich möchte sagen, fast alle christlichen Romanschriftsteller, die einen Juden oder eine Jüdin zum Helden ihres Romanes Machen. Die meisten dieser Herren kennen weder die Juden noch daS Judenthum in Wirklichkeit. Ihre Schilderungen sind meist den Studien aus Büchern über das Judenthum, von Eisenmenger bis Wagener herab, entnommen. Nach dieser Schablone fertigen diese Herren ihre Arbeiten aus und senden sie hinaus in die deutsche Lesewelt, die, kennt sie die Juden, die Thorheit des Romanschreibers gütig belächelt, kennt sie sie aber nicht, darin einen Maßstab für die Würdigung derselben findet. Ich glaube sogar nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß unter allen Romanen von christli-