Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1870)
- Date
- 1870-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447447-2447458--08089-2463721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XI. Jahrgang. Beilage z»Rr. 16 des Zsraelit. Aeituugsnachrichte« nnd Korrespondenzen. Oesterreichisch - Ungarische Monarchie. Wien. Der Schneidermeister Crnet. der durch feine zwergartige Gestalt zu den bekanntesten Wiener Persönlichkeiten gehört, wurde am 15. September v. Z. aüf der Fifcherstiege von zwei Strolchen in räuberischer Absicht überfallen. Cruet war im israelitischen Bethause gewesen — es war der ReujahrStag - und trug in einem Bündel daö rituelle Oberkleid, das Sterbekleid, zwei Gebetbücher, die Augengläser und ein Seidentuch im Gesammtwertbe von 33 fl. Einer der Strolche stieß Cruet zu Boden, während der Andere ihm das Bündel entriß. Cruet, der die Flüchtenden nicht verfolgen konnte, da er sich nur langsam fortbewegen kann, schlug Lärm und die Thäter wurden von Passanten des SalzgrieS verhaftet. Der eine Verhaftete starb im Untersuchungsarreste, während sein Genosse, Franz Wohl, heute wegen Raubes vor Gericht stand. Er leugnete zwar die Verübung der Thal, wurde aber durch die Zeugen überwiesen und zu sechs Zähren schweren Kerkers verurtheilt. Feuilleton. gilt Mriefwechset üöer die jüdische Aomantiteratur *). Mitgetheilt von Dr. Gustav Karpeles. Nur auf den Trümmern der Poesie und Philosophie bauen die Naturwissenschaften ihr Reich. Fern sei es von uns, diesem Zweige der Wissenschaften, etwa einem anderen ideelleren nachsetzen zu wollen, aber die Kulturgeschichte aller Zeiten gibt uns die auffallendste Bestätigung diests Satzes, der eigentlich gar nicht bewiesen zu werden braucht, da wir ja daö darin Ausgesprochene deutlich vor Augen haben.- In unserer an dichterischer Erhebung so armen Zeit, dem Zeitalter schwacher, vom Ruhme der Vorfahren zeh¬ *) Nachfolgenden Aufsatz bitte ich ergebenst als die weitere Begründung meines jüngsten Literaturbriefes betrachten und würdigen zu wollen, der leider — ganz gegen meinen Willen — so viele Mißverständniffe hervorgerufen hat. vr. K. render Epigonen, feiern von Tag zu Tag die Naturwissenschaften ihre erhebendsten Triumphe, ihre größten Siege, aber nur aus den Gräbern der Literatur und Dichtung. Za, auf den Gräbern der Literatur und Dichtung! Und wo sollte auch in der Zeit der Eisenbahnen und Telegraphendräbte die dichterische Begeisterung Herkommen, in einer Zerr, wo die materiellen Angelegenheiten das ganze Sinnen und Trachten der Menschen in Anspruch nehmen und ihnen wenig oder gar keine Zeit lassen für die Angelegenheiten des Geistes, des Herzens. Leichenschänder! kennst Du, lieber Leser, theure Leserin, dieses schreckliche Wort. Gewiß nicht; nun so will ich es Euch erklären. Wenn die Mächtigen dieser Erde ihre zahlreichen Truppen gegeneinander in das Gewühl der Schlachten führen, da fallen Tausende von Söhnen des Vaterlandes im heiligen Kampfe. Wenn dann die Ebene, wo vor wenig Stunden noch die heftigste Schlacht gewüthet, still und ruhig traurig daliegt — ein gräßlicher Anblick — dann kommen sie „die Hyänen der Schlachtfelder" und berauben die Leiche» der gefallenen Krieger ihrer Schmuck- und Werthsachen, und das sind-— Leichenschänder. Haben wir nicht auch in der deutschen Literatur der Gegenwart solche Leichenschänder? oder verdienen etwa so manche Romanschreiber unserer jüngsten Gegenwart , die auf den Trümmern deutscher Dichtung, wie sie das 18. Zahrhundert gesehen, ihre Tänze feiern, die die Gräber unserer Geistesheroen, als deren Ausfluß man doch diese Literatur allgemein betrachtet, durch ihre sittenlosen und obscönen Romane — historische Romane — schänden einen anderen, einen besseren Namen? Von solchen und ähnlichen Gedanken geleitet, habe ich in Mußestunden einige dieser edlen Herren, die sich Gestalten aus dem Zudenthume zum Sujet ihrer Scribeleien gewählt haben — und das bietet ein gar ausgiebiges Leihbibliothekensutter — in mehreren Aufsätzen in jüdischen und nichtjüdischen Blättern, der jüdischen Leserwelt vorgeführt und besonders in Hinblick auf die Gefahr, die durch solche, unter einem edlen Aushängschilde erscheinenden Produkte unfern jüdischen, Romane lesenden Mädchen droht, die Mütter vor der Anschaffung solcher Werke gewarnt. Der erste war der fo gerne gelesene Philipp Galen, dessen ganze Roman-Erbärmlichkeit ich den Lesern des „Israelit" an seinem jüngsten Produkte „Zane, die Züdin" vorgeführt habe.