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Der Israelit · 1870-03-09 · Heft 10 (9.3.1870) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 10 (9.3.1870)
Date
1870-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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171 ten Tagen dnc besondere Verpflegung erhalten dürfen. Um dieses zu ermöglichenist kürzlich von Münster aus ein Circular an sämmtliche israel. Gemeinden Westphaleus ergangen,, in welchem zu freiwilligen Beiträgen für genannten Zweck höflichst ersucht ' wird. Bei der bekannten Wohtthätigkeitsliebe unserer Glaubensgenossen, besonders., wyry e^. sich um Förderung eines religiösen Zweckes handelt, stehet zu. erwarten, dast man keine vergebliche Bitte gethan haben wird, umsomehr, da die Zahl der gegenwärtig im genannten Zuchthause inhaftirten jüd. Sträflinge nur 14 beträgt — sicher ein günstiges nummerisches Verhältniß, wenn man erwägt, daß die in Rede stehende Anstalt eine Provinzi al-Strafanstalt für zu Zuchthausstrafen verurtheilte Verbrecher jüdischer und katholischer Confession ist, während solche evangelischer Confession ihre Strafzeit im Zuchthause zu Herford abzubüßen haben. — Sicher hat man in Westphalen noch nie so viele neue Synagogen erstehen sehen, als in den letztverflossenen Decennien. Der neue Synagogenbau in Limberg, so wie in Enger, einer kleinen Gemeinde im Regierungsbezirke Münster, gehen im Laufe des Frühjahrs ihrer Vollendung entgegen und werden noch im Sommer eingeweiht werden. Auch in Essen an der Ruhr (Rheinprovinz) wird bald eine neue Synagoge aufgeführt und soll in derselben, wie wir erfahren haben, eine Orgel aufgestellt, überhaupt der Gottesdienst nach der neuesten Fayon und dem jetzigen Geschmacke eingerichtet werden. Viele, besonders reiche Mitglieder der Gemeinde, sollen, - ob aus religiöser oder anderen Gründe ist uns nicht bekannt — die Zumuthung, freiwillige Beiträge zu zeichnen, mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen haben. Oestrich. M- Rosenwald, Lehrer. Breslau, 24.. Febr. Die „Breslauer Zeitung" bleibt bei der Behauptung, daß der in Myslowitz als Kreisrichter angestellte Assessor May, Israelit ist und conftatirt jetzt noch „aus zuverlässiger Quelle" die zweite Ernennung eines jüdischen Assessors, welcher soeben zum Stadtrichter, und zwar am hiesigen Stadtgericht, ernannt worden ist. Als der Ernannte wird der Assessor Lunge bezeichnet. Hannover. Wir haben vor einiger Zeit in diesen Blättern die jüdische Geschichte des belgischen Oberrabbiners, Herrn Astruc, einer kurzen Besprechung unterzogen, ohne auf die religiös« Färbung des Buches näher als andeutungsweise einzugehen. Ein in diesen Tagen gelesenes Curiosum veranlaßt uns, auf den Verfasser und sein Werk mit wenigen Worten zurück zu kommen. In der voriges Jahr erschienenen Broschüre „Geschriebene Photographien aus der ersten israel. Synode" ist auch Herrn Rabbiner Astruc eine Seite gewidmet. Nachdem seine hervorragenden Fähigkeiten gebührend gewürdigt worden, heißt es wörtlich daselbst weiter: „und obwohl er die conservative Richtung vertritt, ist eö doch nicht dir Stabilität, das Starre, dgs ä taut prix sein Pro-- gramm ist" (p. 21.) Bei der Zerfahrenheit und Parteiung in der heutigen jüdischen Welt ist die dringendste Vorsicht geboten, sich nicht durch Floskeln und Phrasen darüber täuschen zu lassen, wessen man sich in religiöser Beziehung von einem Manne zu versehen hat, der vielfach „durch seine Schriften in der jüdischen Literatur bekannt" ist. Also Herr Rabb. Astruc vertritt die confervative Richtung im Judenthume. Unähnlicher hätte der. annonyme Verfasser der „Photographien" sein Modell nicht zeichnen können. Als wir seine Aeußerm.g über Herrn Astruc in Gedanken mit dessen jüdischer Geschichte zusammenhielten, wollte es uns im ersten Augenblicke bedünken, als ob er sich einen schlechten Scberz erlaubt hätte, wie denn ja auch einige andre Mitglieder der Synode aus gar possirliche Weise geschildert sind. Dafür spricht indeß keineswegs der neuste, würdige Ton des übrigen Theiles der betreffenden Characteristik. Eher schon schien es uns, als ob der Verfasser jener „Photographien" ein guter Retoucheur sei, der neben den ansprechenden Lichtseiten der Astruck schen Persönlichkeit ihre Schattenseite — die religiöse Gesinnung — durch einen Federstrich verdecken wollte. Um so mehr wäre es dann Pflicht, Herrn Rabbiner Astruc in seinem wahren Lichte zu zeigen und zu diesem Zwecke brauchen wir nur nochmals auf seine jüdische Geschichte zu verweisen, deren destructive antijüdische Tendenz in mancher Beziehung die Geiger'sche Urschrift noch weit hinter sich läßt. Heut zu Tage wird mit der Bezeichnung „ konservativ" ein bedenkliches Spiel getrieben. Gewisien Leuten sind die Ausdrücke „hyperorthodox", „ultraconservatiy" rc. sehr bequem. Neuerdings geruht man damit diejenigen zu bezeichnen, welche das traditionelle Judeuthum, wie es in Bibel Talmud und den Ritualcodices niedergelegt ist, auf ihre Fahne geschrieben; ein nicht ungeschicktes Mannöver, das den Vortheik bietet, daß man selbst den Conservativen jpielen kann, wiewohl man aus Opportunrtätsgründen und Bequemlichkeitsrücksichten es mit manchen Ritualgesetzen nicht so ganz genau nimmt. Einer ähnlichen Verdrehung der Parteistandpunkte entspringt der citjrte Satz in seiner entgegenstellenden Form: „obwohl er die confervative Richtung vertritt, ist es doch yicht die „Stabilität" u. s. w. „Stabilität" und „das Starre" bilden nur dann das „ Programm" des Conservatismus, wenn es sich um Fragen handelt, die den Boden des traditionellen Judenthums berühren, dann aber auch „ ü tont prix" ohne Rücksicht auf falsch verstandene Aufklärung und Bildung. Diesen Standpunkt lassen wir uns nie und nimmer verrücken und

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