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Der Israelit · 1870-03-02 · Heft 9 (2.3.1870) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 9 (2.3.1870)
Date
1870-03-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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t 157 daß eS sonst nicht möglich sei, die Angelegenheit der Gemeinden zu ordnen, die Mitglieder derselben auf das Terrain der Cultur zu fördern, da Viele das Licht des Tages scheuend, auS ihren finstern Hinterhalten herauszutreten keine Lust zeigen. Redner weiß nicht, ob Wahrmann hiemit auf Schulchan Aruchs Grundgesetz deutet, nach dessen Bestimmungen alle Anstalten des jüdischen Gemeinwesens zu führen sind, und das der Congreß als solches anzuerkennen sich weigerte: aber davon sei Redner überzeugt, daß, nachdem die Religion nichts Anderes sei, als dieMeinung, welche Jedermann über seine Beziehungen zum Allmächtigen in der Tiefe seiner Seele hegt und dieses Heiligthum unser Gewissen bewahre, als ein solches Eigenthum, welches Niemand weder einem staatlichennoch geselligenVertrage opfern kann, — der Cultus minister mit vollem Rechte den ihn begrüßenden Altgläubigen sagen konnte, daß in Glaubenssachen eine Uebereinkunft unmöglich fei, denn Ueberzeugung sei immer nur als ein Ganzes vorhanden, und daß ihre Religiosität den Fortschritt ihrer Bildung durchaus nicht hindere. Herr Wahrmann möge zurückblicken auf die alten Römer und Griechen, die mit der Mythologie der Heiden vortreffliche Geistesbildung verbanden, er möge der Geschichte der Juden gedenken und eine Glaubensgenossenschaft nennen, welche durch so viele Jahrtausende hindurch, trotz aller erdenklichen Verfolgungen, so treu, so ausharrend ihren alten Glaubenssätzen zu ge wendet war, und dabei in allen Ländern, wo sich ihre Glaubensgenossen niederließen, in ihrer größeren Zahl, zur Klasse der gebildetenund verständigen Einwohner zählten. Redner hat durchaus nichts gegen die Neuerungen einzuwenden und gibt zu, daß in der Hauptstadt die große Mehrzahl der gebildeten Juden diese Fahne des Fortschrittes ausgesteckt habe, aber dagegen muß er protestiren, daß die politische Gewalt zur Verbreitung dieser Neuerungen in Anwendung komme. Diese Dazwischenkunft wäre eine offene Verletzung der Religionsfreiheit, daher er hofft, daß die Mitglieder einer Glaubensgenoffenschaft, welche fut'bte Freiheit ihres Glaubens schon so viele Opfer gebracht hat, die Grundsätze dieser Freiheit in ihrer eigenen Mitte nicht verleugnen werden. (Lebhafter Beifall.) IeirZtngSnachrichten und Eorrespondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 13. Febr. Gestern hielt Herr Dr. Abraham Geiger seine Abschiedsrede. Den Text lieferte die Mischnah in Aboth, in welcher Rabbi Jochanan ben Sackai das Lob seiner Schüler bestimmt. Herr G. gab sich alle erdenkliche Mühe, Gottes heilige Lehre zu lästern und die Worte der heiligen Schrift und des Talmuds zu verdrehen, zu entstellen, in ihr Gegentheil zu verkehren. Den Hauptaccent legte Herr G. auf das von Rabbi Josua ben Chananjah bei Gelegenheit des Streites um den Achnai-Ofen citirte Schriftwort D’Dieo *6, woraus der Redner folgern wollte, daß Rabbi Josua den göttlichen Ursprung der Thora geleugnet habe!!! Und wie Rabbi Jochanan ben Sackai deßhalb von Rabbi Josua gesagt: in"6n nara, „Heil Der, die ihn geboren," so müsse man Frankfurt*) preisen, weil eS in Geiger den großen Kofer geboren!!! Aus Bayern. In dem Leitartikel der Nr. 7 Ihres geschätzten Blattes charakterisiren Sie die Repräsentanten der modernen unjüdischen Wiffenschaft des Judenthums hinsichtlich ihres Wissens. Nicht minder wichtig als das Wissen ist aber auch der sittliche Character des Gelehrten für die Wissenschaft. Das Ziel aller Wiffenschaft ist die Wahrheit; das Streben aller Gelehrten, welche Sitz und Stimme im Gebiete der Wissenschaft für sich beanspruchen, muß einzig und alle'n auf Ecgründung der Wahrheit gerichtet sein und das allererste Erforderniß, das wir an den Jünger und Lehrer der Weisheit zu stellen berechtigt sind, ist eine reine, ernste unerschütterliche Wahrheitsliebe. Wo wir in dem Träger der Wiffenschaft diese Grundlage vermissen, kommen dessen Geistrsproducte nicht der wahren Wissenschaft, sondern dem Jrrthum, der Lüge und der Sophistik zu Gute. In diesem Sinne, sagt auch ein bedeutender Philosoph unseres Jahrhunderts: „Die Fehler der Wissenschaft find ursprünglich Fehler der Menschen." Wie es aber mit der Wahrheitsliebe eines vr. Geiger z. B. bestellt sei, dies an einem eclatanten Pröbchen zu zeigen, sei die Aufgabe dieser Zeilen. Schreiber dieser Zeilen, beschäftigt sich sonst gar nicht mit Lectüre Geiger'scher Schriften und nur zufällig kam ihm vor wenigen Tagen, eine von vr. Geiger verfaßte Broschüre, „Plan zu einem neuen Gebetbuche 1869," zu Gesichte. In demselben wird unter Anderem die Abschaffung des Vorlesens von O'dpw nans am Sabbat vor -nx n'T folgendermaßen motivirt: „Am 1. Adar forderte man ehemals (nach Tract. Schekalrm ) zur Entrichtung der Gemeindebeiträge auf, um die durch die vorangegangene Regenzeit unbrauchbar gewordenen Wege in Palästina wieder herzustellen; da der Grund für diese staatliche Einrichtung für uns keinen Sinn mehr hat, so fällt auch^ *) Herr Geiger ist ein geborener Frankfurter.

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