Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1870)
- Date
- 1870-02-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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140 der edle Jüngling mit den Zähnen, als er von dem Treubruche deS Königs, von dem ermordeten Vater und dem niedergemetzelten Füistcnhause vernahm! „Großvater," rief er, „ich w«rde den gemordeten Vatkr rächen, den falschen König stürzen, Jerusalem erobern und den Thron meiner Väter wieder aufrichten!" „Nicht doch, mein Kind," entgegnete Rabbi Kaphnai, „mit dreifachem Schwure hat Gott unser Volk beschworen, daß es sich nicht auflehne gegen seine Herren in der Verbannung, daß es nicht versuche, mit Waffengewalt die Rückkehr nach Palästina zu erzwingen. Nein, mein Kird, dereinst wird die Zeit kommen, in welcher Gott wird stoßen in die große Posaune, um die zerstreute Heerde zu sammeln; vorher wird Er uns den Propheten El'jahu schocken, als Heil- und Friedens-Verkünder. Dann wird Gort selbst wiederaufbauen die Mauern Jerusalems und wiederaufrichten Davids Thron. Dis dahin aber, mein Cobn, müssen wir unser Geschick mit Geduld ertragen." „„Und soll ich nicht als Blutschuldrächer das Blut meines edlen Vaters von diesem elenden Könige fordern?"" „Nein, mein Kind, überlasse die Rache dem allmächtigen Gotte, der da gesprochen: Mein ist die Rache und die Vergeltung. Uebrigens bist Du dem Könige KoSrceS Dankbarkeit schuldig, weil er Dich am Leben erhalten und für Deine Erziehung Sorge getragen hat." Und Rabbi Kaphnai erzählte dem Sohne seiner Tochter von des Königs 'wunderbarem Traume und dessen Deutung. „Großvater," sprach Bostanai da, „Gott hat mein in Seiner großen Gnade geschont; aber der König hat sich meiner nur erbarmt, weil er für sein eigenes Leben fürchtete; und deßhalb 'soll ich ihm Dank schulden?" „Trotzdem," entgegnete Rabbi Kaphnai, „trotzdem darfst Du wider den König nicht Hand noch Fuß aufheben. Also bestehlt es unsere heilige Religion." Während sie so mit einander sprachen, sahen sie einen Eilboten in der Kleidung der Diener des Königs auf schnellem Rosse dahersprengen. Derselbe überbrachte ein Schreiben des Königs, in welchem dieser befahl, daß Bostanai am königlichen Hofe erscheine und fortan in der Nähe des Königs lebe. „Me'n geliebter Sohn," sprach Rabbi Kaphnai zu seinem Enkel, nachdem er den Brief deS Königs gelesen, „mein geliebtes Kind, Du wirst dem Befehle des Königs folgend künftig an einem Hofe leben, dessen Glanz Alles überstrahlt, was des Menschen Geist nur erdenken kann. Dein Leben wird künftig in lauter Freude, Vergnügungen und Festen dahinfließen. Du wirst Dinge schauen, die Deinem jugendlichen Gemüthe gefährlich und verderblich werden können. O, ich bitte Dich, vergiß inmitten des Glanzes und der Herrlichkeit die Lehren nicht, die ich Dir gegeben und die Gott unstrn Vätern auf Sinai offenbart hat. Bleibe rein uud keusch wie Joseph geblieben im Hause Potipbars und am Köuigshofe' Pharaos, bleibe dem Gesetze unseres Gottes treu wie Daniel, Cbananja, Mische el und Asarja am Hofe des mächtigen Nebukaduezar, wie TheodoS, . wie Rabbi Jekoschua, wie Nabbnu Hakkadosch, wie Rabbi Abahu am Hofe der römischen Kaiser. Vergiß nie, daß auf Dir beruht die Hoffnung Israels, daß Du der einzige Sprößling Davids bist!" „„Sei unbesorgt um mich, mein theurer Lehrer, mein geliebter Großvater," entgegnete Bostangj, „„ich, werde mich nicht verführen lassen, nicht von Glanz, nickt von Reichthum, nicht von Macht; ich werde die Lehre meines Gottes in meinem Herzen bewahren und ihr nachleben. Gottes Vorsehung hat mich vom drohenden Mordchwerte. gerettet, noch ehe ich geboren war. Gottes weise Fürsorge wird mich leiten und erhalten, und daß ich ihrer weM bleibe, dafür werde ich sorgen mit dem ernstesten Willen und der kräftigsten Ausdauer."" „So ziehe denn mit Gott, mein Sohn. Weder ich noch Deine Mutter dürfen Dich begleiten. Also ist es des Königs Wille. Aber Achai wird wie hier auch dort Dein Genosse sein!" Unter Thränen segnete Rabbi Kaphnai den heißgeliebten Enkel, den er so lange wie seinen Augapfel gehegt hatte und den er nun fortziehen lassen sollte an einen sittenlosen Königshof. Noch schmerzlicher war das Gefühl der Mutter, ^ie sich von ihrem einzigen Sohne trennen sollte. Für ihn hatte sie gelebt, hatte seinetwegen die Trauer um den tiefbeklagten Gatten überwunden, war um seinetwillen Wittwe geblieben in jungen Jahren, und jetzt sollte sie ihr theures Kleinod hinwegziehen lassen, hinweg zu treulosen. lasterhaften Menlchen! Das Mutterherz drohte zu brechen, das Mutterauge wollte in Thränen zerfließen — da faßte Jaletha Muth in dem Gedanken an Gott. „Herr," sprach sie, „es ist Dein heiliger Wille so, Dein heiliger Wille geschehe! — " (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — A erlag der Le Roux'schen Hofbuch Handlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.