Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1870)
- Date
- 1870-02-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447447-2447456--08044-2463674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
134 rlg. Sollen die Zerstörung des heiligen Tempels, die Verödung des heiligen Landes, die Verbannung Israels und all die schrecklichen Leiden in Folge dieser Verbannung — sollen sie aus einem anscheinend so geringem Vergehen wie die Unterlassung eines Segenspruches resultiren? Bei genauerer Erwägung jedoch werden wir finden, daß Rab Jehudah's im Namen Rab's ausgesprochene Ansicht vollkommen richtig ist. Die Ursache all der Leiden, die unser Volk betroffen, liegt darin, daß man Gott nicht gedankt für die Offenbarung der Thora, daß man diese vielmehr wie jede andere W ffenschaft betracktet, in der man forschen könne ohne sich vorher ihren göttlichen Ursprung zum Bewußtsein gebracht zu haben «Pp Py nPmna ,mma Dia weil man den Lehrinhalt des Judenthums als einen profanen betrachtet, weil man „fern von jeder Parteirichtung" unbefangen forschen wollte, weil man vor dem Beginne der Forschung Gott als den Spender der Lehre nicht pries, weil man sich nicht geheiligt fühlte durch Gottes Gebote, deßhalb gehorchte Israel Gottes Stimme nicht, deßhalb mußte dann das heilige Land veröden, deßhalb mußte Jö ael den bitteren Kelch der Leiden bis auf die Hefe leeren. Wollen wir also die Wissenschaft des Judenthums einer Erörterung unterziehen, so müssen wir vor Allem die Göttlichkeit derselben als unumstößlich feststehend erkennen und den gütigen Geber preisen, daß Er uns die Lehre der Wahrheit gegeben, daß Er uns durch Seine Gebote geheiligt hat. Wer mit andern Prämissen an die Wissenschaft des Judenthnms herantritt, steht damit schon außerhalb unserer heiligen Religion. 'trip» tny1? mm jnw pna enn “pna Dipan ^na. Gelobt sei Gott, gelobt sei Er, gelobt sei der die Thora gegeben Seinem Volke Jisrael! Das ist nickt allein die Einleitung zu unserer Erzählung (Hagadah) von dem Auszuge aus Mizrajim an den Sederabenden — das ist auch die Einleitung zu jeder jüdisch-wissenschaftlichen Forschung. Die Wissenschaft des Judenthums ist die schriftliche und die mündliche Lehre, die Gott dem von Ihm dazu erwählten Volke offenbart hat — eine Fülle von Lehren für unser Denken, eine Fülle practischer Gesetze für unser Reden und Thun. 'J'db mm Pap naro Mosch h empfing die Lehre von Dem, der sich ihm auf Sinai offenbarte. Wollen wir die rechte Art und Weise der Auffassung der Wissenschaft des Judenthums genau bestimmen, so bietet sich uns dazu am Besten die Gelegenheit, wenn wir das Verhältniß unseres großen Lehrers Moscheh zu der Lehre, die nach ihm genannt wird, ins Auge fassen. Die Gelehrten der andern Nationm und die Abtrünnigen in unserm eigenen Volk? fassen Moscheh als einen Gesetzgeber auf, wie etwa Lykurg und Solon die Gesetzgeber der Spartaner und Athener waren. Nach ihnen ist Moscheh „der Verfasser" des Pentateuch. Nach Andern ist Moscheh insofern der Verfaffer der Thora, daß ihm diese selbst ist inspirirt worden; das heißt, der Gottesgeist, der in jedem Menschen wallet, war in ihm so mächtig, so entwickelt, daß er dadurch in den Stand gesetzt war, göttliche Lehren zu lehren, göttliche Gebote zu gebieten. Beide Auffassungen sind nicht die richtigen. Moschehwarnichts als das Werkzeug Gottes. Die Hauptoffenbarung geschah dem ganzem Volke am Sinai, und auch für alles Uebrige war Moscheh nnr das Instrument , dessen sich Gott bediente. Keines unserer 613 Gottesgebote ist von Moscheh selbstständig gegeben worden. Was Moscheh selbstständig eingerichtet ist nur „Derabanan," d. h. ebenso rabbinische Vorschrift wie das, was alle Späteren: Esra, Hillel, R. Jochanan ben Sackai, R. Gerschom Meor Hagolah rc. eingerichtet haben, lso die Einrichtung 'frp’P nr6 jpm twq, sich an den Festtagen mit der Erklärung der dieselben betreffenden Vorschriften zu befassen. — Ja, selbst in den wichtigsten uns durch Moscheh gewordenen Offenbarungen war er in engeren Schranken gehalten als alle anderen Propheten, und gerade diese Beschränkung war des göttlichen Mannes Vorzug. Wir wollen' dies näher erörtern *) Es heißt im Siphr« (angeführt von Raschi zu niDD rno) : t)'D)n naa «ajno awoi naa o’Kajno owanPa .nain ma «arnnp ,-ipd orvPy „Alle Propheten und auch Moscheh prophezeiten mit der Einleitung: Also hat Gott gesprochen; aber Moscheh prophezeite auch mit der Einleitung: Dies ist das Wort, das Gott geredet. Um diesen Ausspruch des Siphre richtig zu würdigen, müssen wir zuerst den Unterschied von na und nam m ins Auge fassen. Das erstere bedeutet: so, in dieser Weise; es ist da nicht der genaue Wortlaut des göttlichen Ausspruchs gemeint, sondern der Sinn desselben im Allg meinen. Das zweite hingegen bezeichnet das göttliche Wort nicht blos dem Sinne und Geiste, sondern auch dem Wortlaute nach. So rühmt sich der Prophet Jesaias einer ppp DHiO'P einer beredten Zunge: „Gott, der Herr, hat mir gegeben eine beredte Zunge" (Jes. 50, 4.), während Moscheh schwer am Munde und schwer an der Zunge war. Was Jesaias schaute (nrap «nppeDöa »vpkd) in von Gott kommenden Gesichten (n w pin), das *) Die nachfolgende Erörterung ist dem Aphik« Iehudah entnommen.